Vom Finanzcoach in die Geschäftsführung: Interview mit Stephan Busch über seinen Einstieg bei VB Select

„Ich möchte, dass Beratung wieder Orientierung gibt – und Menschen handlungsfähig macht!“ Ein Gespräch über Verantwortung, Geschäftsmodelle, Nachhaltigkeit und die Zukunft der Finanzberatung.

Die Fragen für den Sachthemen-Blog stellte Stephan von Heymann.

Hallo Stephan, wir kennen uns ja schon länger. Vor Kurzem hat eine Meldung meine Aufmerksamkeit erregt, die du selbst auf LinkedIn veröffentlicht hast – und die letztlich auch der Anlass für dieses Interview ist.

Du bist inzwischen ein bekanntes Gesicht der Branche und hast einen bemerkenswerten Weg hinter dir: Ausbildung zum Mediengestalter, Technischer Fachwirt, Betriebswirt, anschließend ein Studium der Finanzwirtschaft und später die Weiterbildung zum Finanzcoach. Dazu kommen die Gründung von PROGRESS Finanzplaner gemeinsam mit Tom Wonneberger, viele Jahre Berufspraxis und inzwischen sechs Bücher.

Und jetzt kommt eine weitere Station hinzu: dein Einstieg in die Geschäftsführung der VB Select AG.

Der Schritt in die Geschäftsführung

Sachthemen-Blog: Stephan, wie kommt man nach all diesen Stationen auf die Idee, nun auch noch in die Geschäftsführung der VB Select einzusteigen? Was hat dich daran gereizt – und warum gerade jetzt?

Stephan Busch: Mit PROGRESS sind Tom und ich unter dem Motto „Stell dir vor: Es geht auch anders“ angetreten. Wir wollten Finanzberatung dorthin bringen, wo sie aus unserer Sicht hingehört: zur Aufklärung und Befähigung von Menschen.

Im Laufe der Jahre hat sich daraus ein zweiter Auftrag entwickelt: Nicht nur Mandanten, sondern auch die Branche zu befähigen. Über Vorträge, Beratungsprojekte, Bücher und Coachings haben wir Erfahrungen gesammelt, die ich heute in eine größere Verantwortung einbringen kann. Besonders prägend waren für mich dabei die Einführung der Honorarberatung bei PROGRESS, die gemeinsame Arbeit mit Tom, unsere sechs Bücher und die Begleitung von Beratern – unter anderem im Rahmen von CoachMeNetto.

Aus diesen Erfahrungen ist der Wunsch entstanden, gemeinsam mit besonderen Menschen ein Netzwerk weiterzuentwickeln, in dem Freiheit, Verantwortung, Zusammenarbeit und Zukunftsfähigkeit zusammengehören. Seit 2016 bin ich mit Marcel Arndt im Austausch. Bei einem gemeinsamen Wandertag im Jahr 2025 wurde dann der Grundstein für das gelegt, was nun Realität geworden ist.

Die VB Select bietet die Möglichkeit, Wirkung in einem größeren Maßstab zu entfalten. Das reizt mich. Nicht, weil Größe an sich das Ziel wäre, sondern weil dadurch mehr Berater, mehr Mitarbeiter und letztlich mehr Mandanten von einer besseren Form der Finanzberatung profitieren können.

Dieser Satz musste erst einmal wirken

Du hast deinen LinkedIn-Beitrag mit den Worten begonnen: „Es ist offiziell. Ich bin Teil der Geschäftsführung der VB Select AG.“ Direkt danach schreibst du: „Das ist einer dieser Sätze, den ich selbst erst einmal kurz wirken lassen muss.“ Was steckt dahinter?

Dieser Satz war tatsächlich sehr persönlich gemeint. Auf der einen Seite bin ich unglaublich stolz und dankbar. Mit 39 Jahren eine solche Verantwortung übertragen zu bekommen und dieses Vertrauen zu spüren, ist alles andere als selbstverständlich. Gleichzeitig fühlt es sich ein Stück weit surreal an. Ich kann diesen Satz lesen und weiß rational, dass er stimmt. Emotional muss er aber erst einmal ankommen.

Ich freue mich sehr darauf, mit der VB Select an unserer gemeinsamen Vision zu arbeiten. Über Geschäftsmodellentwicklung, Bücher, Vorträge und Coachings kann ich einen größeren Hebel nutzen und mehr gestalten. Wer mich kennt, weiß allerdings auch, dass Geduld nicht unbedingt zu meinen größten Stärken gehört. Ich möchte Dinge nicht nur besprechen, sondern in die Umsetzung bringen. Auf der anderen Seite spüre ich die Größe dieser Verantwortung. Es geht um fast 200 Berater, um viele engagierte Mitarbeiter, um den Innendienst und um meine Kollegen in der Geschäftsführung. Meine Ideen müssen nicht nur gut klingen. Sie müssen im Alltag funktionieren und einen echten Mehrwert schaffen.

Das ist für mich ein Reifeprozess. Ich war in meinem Leben noch nie wirklich angestellt. Auch in diese Rolle muss ich hineinwachsen. Das empfinde ich nicht als Schwäche, sondern als ehrliche Beschreibung meiner Situation.

Mein Ziel ist klar: Ich möchte gemeinsam mit der VB Select Berater der Zukunft befähigen. Berater, die auch in zehn Jahren für ihre Mandanten relevant sind, Freude an ihrer Arbeit haben und einen wirklich guten Job machen können.

Die Aufgaben bei der VB Select

Welche Rolle wirst du künftig innerhalb der Geschäftsführung der VB Select AG konkret übernehmen?

Meine Aufgabe ist bewusst breit angelegt. Im Kern geht es um die Frage, wie Beratung und Unternehmertum in Zukunft funktionieren können. Ich übernehme die Leitung der Geschäftsmodellentwicklung und bin strategisch für die Entwicklung einer neuen Marke mit dem Namen SHIFT verantwortlich, die ab Januar 2027 von der VB Select in der Branche aufgebaut wird. Dazu kommen das Coaching in der Geschäftsmodellentwicklung sowie die Personalverantwortung für die Leiter der Spezialisten, für den Bereich KI und für die Geschäftsmodellcoaches.

Was können Berater von dieser neuen Marke erwarten?

Sie soll ein Entwicklungsraum für zukunftsfähiges Unternehmertum in der Beratung werden. Im Mittelpunkt stehen klare Geschäftsmodelle, Positionierung, Prozesse, Kennzahlen, digitale Entlastung, sinnvolle Nutzung von KI und die Frage, wie Berater langfristig relevant bleiben können. Dabei geht es nicht darum, selbstständige Berater in ein starres System zu pressen. Jeder soll Unternehmer bleiben und den eigenen Weg gehen. Die neue Marke soll dafür Orientierung, Methoden, Austausch, Coaching und Rückenwind bieten – als Teil der VB Select und auf Basis ihrer Werte.

Ein besonderer Schwerpunkt wird außerdem auf dem Austausch zwischen Erfahrung und neuen Ideen liegen. Junge Talente sollen Perspektiven finden. Erfahrene Berater sollen ihr Wissen weitergeben und ihr Lebenswerk zukunftsfähig entwickeln können.

Die Zukunft von PROGRESS

Wirst du weiterhin selbst Kunden beraten? Oder nimmt dich die neue Verantwortung so stark in Anspruch, dass der direkte Kundenkontakt irgendwann wegfällt?

Wir werden Step by Step mit viel Selbstreflexion, Ehrlichkeit und gemeinsamem Fokus hineinwachsen. Dafür gibt es einen Fahrplan bis 2029 mit konkreten Schritten. Aber nein: Ich werde nicht aufhören, unsere Mandanten zu beraten. Der direkte Kontakt zu Menschen ist für mich nicht nur ein Teil meiner Arbeit, sondern ein wichtiger Teil meiner Identität.

Ich kann nicht glaubwürdig über Beratung, Geschäftsmodelle und die Zukunft unseres Berufs sprechen, wenn ich selbst nicht mehr auf der Straße unterwegs bin. Ich muss erleben, was Mandanten beschäftigt, welche Fragen sie stellen und wo Prozesse in der Praxis funktionieren oder eben nicht funktionieren. Die Beratung hält mich am Boden. Sie erinnert mich daran, worum es letztlich geht: nicht um Organigramme, Kennzahlen oder schöne Strategiepapiere, sondern um Menschen, ihre Entscheidungen und ihre Lebenssituationen.

Und ganz persönlich: Ja, der Kundenkontakt würde mir fehlen. Ich lerne in jedem Gespräch etwas dazu. Diese Perspektive möchte ich nicht verlieren.

Warum PROGRESS anders arbeitet

Mit PROGRESS Finanzplaner richtet ihr euch vor allem an die Generation Y. Wie seid ihr darauf gekommen, dass es für diese Generation etwas Neues brauchte?

Es geht weniger darum, was wir bewusst anders machen wollten. Entscheidend ist, was wir tatsächlich anders gemacht haben. Tom und ich haben uns bereits im Studium intensiv mit den Bedürfnissen und Bedarfen unserer Zielgruppe beschäftigt. Dabei wurde uns klar, dass die Branche schon damals – und teilweise bis heute – an vielen Menschen vorbeiberät.

Wir sind selbst Kunden. Wir wissen, wie sich Dienstleistungen anfühlen, wenn man wenig Zeit hat, mit komplexen Themen überfordert ist und gleichzeitig nicht weiß, wem man vertrauen kann.

Die meisten Menschen suchen keine weiteren Fachbegriffe. Sie suchen Antworten. Sie wollen verstehen, was wirklich wichtig ist, welche Risiken zuerst gelöst werden müssen und welche Entscheidungen noch warten können. Sie wollen einen Fahrplan – und sie wollen selbstbestimmt entscheiden.

Niemand möchte einfach hören:

„Das musst du jetzt abschließen.“

Menschen möchten eine Entscheidung treffen, die zu ihrem Leben passt und die sie mit gutem Gefühl vertreten können. Also haben wir zunächst Fragen gestellt, zugehört und versucht zu verstehen. Wir haben unsere eigenen Bedürfnisse als Berater so weit wie möglich zurückgestellt und uns konsequent an den Menschen orientiert, für die wir arbeiten.

Daraus entstand PROGRESS. Später kamen Themen wie Honorarberatung, Nachhaltigkeit, Finanzbildung und die Befähigung der Branche hinzu. Unser eigentlicher Unterschied liegt nicht in einem einzelnen Produkt. Er liegt in der Haltung und in der Konsequenz: Transparenz, Ehrlichkeit, Verantwortung, Fokus und der Wille, positive Spuren zu hinterlassen.

Wir wollen nicht, dass Menschen von Finanzberatung abhängig werden. Wir wollen sie befähigen, ihre Entscheidungen zu verstehen und zunehmend selbstbewusst zu treffen.

Was einen guten Finanzcoach ausmacht

Was macht für dich persönlich einen wirklich guten Finanzcoach aus? Und was schätzen Kunden bei PROGRESS besonders?

So viel ist es gar nicht. Fachliche Kompetenz gehört selbstverständlich dazu. Ein guter Finanzcoach sollte außerdem strukturiert arbeiten, Prozesse beherrschen und in der Lage sein, komplexe Themen verständlich zu erklären.

Noch wichtiger ist aber die eigene normative Ebene: Wofür stehe ich? Welche Entscheidungen treffe ich, wenn niemand zuschaut? Und bin ich bereit, meine Werte auch dann konsequent zu verfolgen, wenn es kurzfristig unbequemer oder wirtschaftlich weniger attraktiv ist?

Unsere normative Ebene beginnt mit einem einfachen Grundsatz: Wir handeln so, dass es das Wohl aller mehrt. Wir denken langfristig und nachhaltig – ökologisch, sozial und ökonomisch. Wir wollen unserer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und der Natur gerecht werden.

Dazu gehören für uns Leitsätze wie „Menschen vor Dingen“, „Mensch vor Marke“, „Einfach vor komplex“, „Transparenz statt Verschwiegenheit“ und „Befähigen, um unabhängig zu sein oder zu werden“.

Das klingt vielleicht selbstverständlich. In der täglichen Arbeit ist es das nicht immer. Es bedeutet, nicht automatisch das zu empfehlen, was am einfachsten zu verkaufen ist. Es bedeutet, auch einmal zu sagen:

„Das ist im Moment nicht notwendig.“

Oder:

„Diese Entscheidung sollten wir noch nicht treffen, weil uns wichtige Informationen fehlen.“

Ich glaube, dass die Branche ihre gesellschaftliche Verantwortung teilweise aus dem Blick verloren hat. Wir beeinflussen die Leben von Menschen und Unternehmen ganz erheblich. Es geht um Einkommen, Gesundheit, Familien, Existenzen, Altersvorsorge und unternehmerische Risiken. Wenn ich diese Verantwortung wirklich verinnerliche, ist das bereits die halbe Miete. Ein guter Finanzcoach hört zu, bevor er antwortet. Er stellt Fragen, bevor er Lösungen präsentiert. Er macht Zusammenhänge sichtbar, priorisiert gemeinsam mit seinen Kunden und akzeptiert, dass eine gute Beratung nicht immer mit einem Abschluss enden muss.

Was unsere Kunden bei PROGRESS besonders schätzen, ist aus meiner Sicht die Verbindung aus Klarheit und Menschlichkeit. Wir versuchen, komplizierte Dinge einfach zu machen, ohne sie falsch zu vereinfachen. Wir geben Orientierung, ohne Entscheidungen abzunehmen. Und wir bleiben auch dann ansprechbar, wenn gerade kein neues Produkt im Mittelpunkt steht.

Nachhaltigkeit und die neue Marke der VB Select

Wie gut passt dein Nachhaltigkeitsgedanke in die VB Select? Erwartest du offene Ohren oder auch Reibungspunkte – gerade bei investmentorientierten Partnern?

Alles, was Bestehendes infrage stellt, erzeugt zunächst Reibungswärme. Das ist nicht schlimm. Ohne Reibungswärme gibt es keinen Fortschritt. Vor Veränderung steht häufig ein Schmerz. Das gilt in der Natur genauso wie in Organisationen.

Deshalb wird auch nicht jede Person sofort begeistert

„Ja, jetzt leben wir Nachhaltigkeit!“

rufen.

Das muss sie auch nicht. Entscheidend ist, dass wir uns ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen und bereit sind, Konsequenzen zu ziehen. Nachhaltigkeit ist außerdem sehr viel mehr als nachhaltige Kapitalanlage. Natürlich gehören ESG-Kriterien und die Wirkung von Investments dazu. Aber Nachhaltigkeit betrifft auch die Art, wie ein Unternehmen geführt wird, wie mit Mitarbeitern und Kunden umgegangen wird, wie Ressourcen eingesetzt werden und ob ein Geschäftsmodell langfristig tragfähig ist. Für mich bedeutet unternehmerische Nachhaltigkeit: nicht kurzfristig alles aus einem System herauszuholen, sondern Strukturen zu schaffen, die Menschen, Kundenbeziehungen und Unternehmen dauerhaft tragen.

Das Thema war in der VB Select bereits vorhanden und wird künftig noch sichtbarer und verbindlicher werden. Die neue Marke, die ab Januar 2027 von der VB Select in der Branche aufgebaut wird, soll genau diese Perspektive mittragen: zukunftsfähige Geschäftsmodelle, verantwortungsvolles Unternehmertum, digitale Entlastung und Beratung, die Menschen langfristig dient.

Ich erwarte dabei durchaus Diskussionen. Nachhaltigkeit darf kein Etikett sein, das man auf eine bestehende Lösung klebt. Sie muss sich in Entscheidungen, Produkten, Prozessen und im Verhalten zeigen. Genau deshalb sind offene Gespräche und auch Reibung wichtig.

Beratung, Abschlusskosten und Zillmerung

Bei der Reform der geförderten Altersvorsorge wird derzeit intensiv über Produktkosten, Abschlussprovisionen und die Zillmerung von Versicherungsverträgen diskutiert. Verbraucherschützer und Versicherungswirtschaft vertreten dabei teilweise sehr unterschiedliche Positionen.

Wie blickst du als Finanzcoach darauf? Sind hohe Abschlusskosten und Zillmerung aus deiner Sicht tatsächlich ein Problem – und welche Rolle spielen klassische Versicherungsprodukte mit Abschlussprovision überhaupt noch bei den Lösungen, die du deinen Kunden vermittelst?

„Ich glaube, wir als Branche sollten uns endlich davon lösen, immer zuerst in Produkten als Lösung zu denken. Lasst uns zehn Schritte zurückgehen und fragen: Was wollen unsere Mandanten eigentlich von uns?“

Kommen sie in die Beratung, weil sie ein Rentenprodukt kaufen wollen? Oder kommen sie, weil sie Antworten, Erklärungen, Prioritäten und einen Fahrplan suchen? Wollen sie ein Produkt wie bei EDEKA aus dem Regal nehmen – oder wünschen sie sich einen Partner, der die richtigen Fragen stellt, zuhört, Komplexität reduziert und sie auf Basis ihrer Wünsche, Erfahrungen und ihres Wissensstands an die Hand nimmt?

Genau darin liegt der Mehrwert von Beratung. Und für diesen Mehrwert sind Menschen grundsätzlich bereit, Geld zu bezahlen. Das eigentliche Problem beginnt dort, wo Vergütung nicht mehr sauber zum Nutzen und zur Leistung passt.

Hohe Abschlusskosten können problematisch sein, wenn sie die Beratung in Richtung Abschlussdruck lenken, die Flexibilität der Kunden einschränken oder zu einem Interessenkonflikt führen. Die Zillmerung ist dabei nicht isoliert zu betrachten. Entscheidend ist, ob Kunden transparent verstehen, welche Kosten entstehen, wann sie anfallen, welche Nachteile ein früher Ausstieg hat und ob das Produkt überhaupt zu ihrem Leben und ihren Zielen passt. Die Diskussion darüber ist deshalb wichtig. Gleichzeitig glaube ich: Bis wir diese Fragen im Sinne des Verbraucherschutzes gelöst haben und alle Beteiligten an einem Strang ziehen, wird sich der Markt ohnehin weiterentwickeln. Wenn Kunden den echten Wert der Beratung erkennen, werden sie nicht dauerhaft bereit sein, hohe Kosten für eine reine Vermittlung zu tragen.

Ich kann mir deshalb vorstellen, dass die Vergütung für Vermittlung – ganz gleich, ob über Courtagen oder Vermittlungshonorare – langfristig an Bedeutung verliert. An ihre Stelle könnten Vergütungsmodelle treten, die stärker von der konkreten Beratungsleistung, der Begleitung und dem geschaffenen Nutzen losgelöst sind von Abschluss, Beitragssumme oder Depotvolumen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Honorarberatung automatisch die bessere Lösung ist. Auch ein Honorar kann unangemessen hoch sein, wenn für eine reine Vermittlung oder eine überschaubare Leistung zu viel verlangt wird. Provision ist nicht automatisch schlecht und Honorar nicht automatisch gut. Entscheidend sind die Haltung, die Transparenz, die Qualität der Aufklärung und die Frage, ob die Empfehlung die Wahlmöglichkeiten und die Selbstständigkeit der Mandanten erweitert.

Mein Prüfstein lautet deshalb: Würde ich diese Empfehlung auch geben, wenn meine Vergütung davon unabhängig wäre? Und kann ich alle Kosten, Alternativen und Nachteile so erklären, dass der Kunde wirklich selbst entscheiden kann?

Klassische Versicherungsprodukte können weiterhin sinnvoll sein. Sie müssen aber aus der Lebenssituation heraus begründet werden – nicht aus dem Wunsch, ein Produkt zu platzieren. Gute Beratung beginnt mit dem Menschen und seinen Zielen. Erst danach kommt die Frage, ob und welches Produkt einen sinnvollen Beitrag leisten kann.

Das Image der Branche

Du sagst:

„Wir wollen eine Finanzbranche bauen, auf die wir irgendwann wieder stolz sein können.“

Gleichzeitig ergänzt du:

„Ob das gelingt? Keine Ahnung.“

Glaubst du wirklich, dass sich das Image der Branche grundlegend verändern lässt?

Die Hoffnung stirbt zuletzt, mein Freund. Aber im Ernst: Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist. Unser Versicherungsprinzip ist im Kern ein sehr nachhaltiges und solidarisches System. Menschen tragen Risiken gemeinsam, damit niemand durch ein einzelnes Ereignis vollständig aus der Bahn geworfen wird. Das ist gesellschaftlich wertvoll.

Das Problem ist nicht das Prinzip. Das Problem ist, wie wir es teilweise erklären, verkaufen und leben.

Wenn wir uns als Branche nicht weiterentwickeln und weiterhin unbegründet von uns selbst überzeugt sind, schaffen wir uns irgendwann selbst ab. Nicht, weil unser Auftrag überflüssig wird, sondern weil andere diesen Auftrag besser, verständlicher und zeitgemäßer erfüllen.

Die Gesellschaft braucht uns künftig sogar noch mehr. Die Lebensläufe werden vielfältiger, Risiken komplexer, staatliche Sicherungssysteme angespannter und Entscheidungen anspruchsvoller.

„Gleichzeitig schenkt uns die künstliche Intelligenz Zeit. Die entscheidende Frage ist deshalb: Was machen wir mit dieser gewonnenen Zeit?“

Wenn wir sie nur nutzen, um noch mehr Vorgänge schneller abzuwickeln, haben wir wenig gewonnen. Wenn wir sie nutzen, um besser zuzuhören, Zusammenhänge zu erklären, Menschen zu befähigen und Verantwortung zu übernehmen, entsteht ein echter Fortschritt. Unsere Mandanten werden selbstbewusster. Sie vergleichen nicht mehr nur Produkte, sondern Geschäftsmodelle, Erlebnisse und Haltungen. Sie werden sich zunehmend für Anbieter entscheiden, die einen nachvollziehbaren Nutzen stiften. Genau hier setzt die neue Marke der VB Select an, für die ich verantwortlich sein werde. Sie soll Berater und Unternehmen dabei unterstützen, ihr Geschäftsmodell bewusst zu hinterfragen und zukunftsfest weiterzuentwickeln. Nicht als Selbstzweck, sondern damit sie auch künftig relevant bleiben.

Ich glaube nicht an eine große Imagekampagne, die alles auf einmal verändert. Ich glaube an viele Menschen, die ihre tägliche Arbeit anders machen: ehrlicher, einfacher, transparenter und verantwortungsvoller. Wenn genügend Berater aufhören, nur Vermittler sein zu wollen, und anfangen, echte Orientierung zu geben, wird sich die Branche verändern. Vielleicht nicht über Nacht. Aber nachhaltig.

Und vielleicht können wir dann irgendwann tatsächlich wieder sagen: Wir sind stolz auf das, was wir tun.

Zur Person: Stephan Busch

Stephan Busch (*1986) ist Versicherungsmakler, Finanzplaner, Finanzcoach und Buchautor. Nach Ausbildungen zum Mediengestalter, Technischen Fachwirt und Betriebswirt studierte er Finanzwirtschaft mit dem Schwerpunkt Versicherung und schloss 2012 als Bachelor of Science ab.

Gemeinsam mit Tom Wonneberger gründete er PROGRESS Finanzplaner. Busch beschäftigt sich insbesondere mit Finanzbildung, jüngeren Kundengenerationen, nachhaltigen Finanz- und Versicherungslösungen sowie der Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen im Maklervertrieb.

Zusammen mit Wonneberger hat er sechs Bücher veröffentlicht und schreibt regelmäßig Fachbeiträge. Seit 2026 gehört Stephan Busch zudem der Geschäftsführung der VB Select AG an.


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