Cyberversicherung im Preiskampf: Hannover-Rück-Chef warnt vor unterschätztem Risiko

Die Preise für Cyberversicherungen sinken seit Quartalen, Kapazitäten sind reichlich vorhanden und der Wettbewerb unter den Versicherern ist hoch. Hannover-Rück-Chef Clemens Jungsthöfel hält das angesichts möglicher Großschäden für gefährlich.

Cyberversicherungen sind derzeit ein Käufermarkt. Doch ausgerechnet in dieser Phase warnt Clemens Jungsthöfel, Vorstandsvorsitzender der Hannover Rück, davor, dass die Prämien das tatsächliche Risiko nicht immer angemessen widerspiegeln.

Gegenüber dem Handelsblatt erklärte Jungsthöfel im Vorfeld des traditionellen Rückversicherertreffens in Monte Carlo, dass er mit einer steigenden Nachfrage nach der Absicherung neuer Risiken rechne. Gleichzeitig sieht er eine erhebliche Gefahr durch mögliche Kumulschäden.

„Das Problem sind in diesem Bereich nicht die vielen kleinen Schäden, sondern ein mögliches großes Schadenereignis“

, sagte Jungsthöfel dem Handelsblatt. Seine Prognose fällt deutlich aus:

„Das wird kommen, wir wissen nur nicht, wann.“

Als mögliche Szenarien nennt der Hannover-Rück-Chef den Ausfall eines großen Cloud-Anbieters oder eine Schwachstelle in weitverbreiteter Software. Solche Ereignisse könnten gleichzeitig eine Vielzahl versicherter Unternehmen treffen. Jungsthöfels Schlussfolgerung: „Die Prämien spiegeln hier aber oft nicht die Risiken wider.“

Cyberpolicen werden seit Quartalen günstiger

Bemerkenswert ist diese Warnung vor allem mit Blick auf die derzeitige Preisentwicklung. Von einer Verhärtung des Cybermarktes kann aktuell keine Rede sein – eher vom Gegenteil.

Nach dem aktuellen Global Insurance Market Index des Versicherungsmaklers Marsh gingen die Cyber-Prämienraten in Europa im zweiten Quartal 2026 erneut um durchschnittlich 9 Prozent zurück. Es war bereits das elfte Quartal in Folge mit sinkenden Preisen. Gleichzeitig blieben Kapazitäten gut verfügbar, Versicherer erhöhten teilweise sogar aktiv ihre maximalen Kapazitäten.

Weltweit zeigt sich ein ähnliches Bild. Global sanken die Cyberraten im zweiten Quartal um durchschnittlich 4 Prozent – hier war es bereits das zwölfte Quartal in Folge mit rückläufigen Preisen. Marsh führt die Entwicklung unter anderem auf stabile Kapazitäten und den weiterhin hohen Wettbewerb zwischen den Versicherern zurück.

Damit treffen zwei Entwicklungen aufeinander, die auf den ersten Blick nicht so recht zusammenpassen: Der Wettbewerb sorgt für sinkende Preise und attraktive Bedingungen für Unternehmen, während gleichzeitig die Sorge vor schwer kalkulierbaren Kumulrisiken wächst.

Wenn aus einem Cyberangriff ein Kumulschaden wird

Genau hier liegt die Besonderheit des Cyberrisikos. Ein Angriff auf ein einzelnes Unternehmen ist etwas anderes als ein Ereignis, das gleichzeitig Hunderte oder Tausende Versicherungsnehmer trifft.

Die zunehmende Abhängigkeit von wenigen Cloud-Dienstleistern, Softwareanbietern und anderen IT-Dienstleistern schafft entsprechende Konzentrationsrisiken. Eine Sicherheitslücke in weitverbreiteter Software oder der längerfristige Ausfall eines zentralen Dienstleisters kann sich innerhalb kürzester Zeit über Branchen und Länder hinweg ausbreiten.

Für Versicherer und insbesondere deren Rückversicherer stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie häufig Cyberangriffe auftreten. Entscheidend ist auch, welche Belastung aus einem einzigen systemischen Ereignis entstehen könnte.

Solange ein solches Großereignis ausbleibt, kann der Markt ausgesprochen profitabel erscheinen. Ob die vereinnahmten Prämien und vorhandenen Kapazitäten auch ein extremes Kumulereignis angemessen abbilden, ist eine andere Frage.

Hannover Rück erwartet selbst weiteren Preisdruck

Interessant ist dabei, dass die Hannover Rück keineswegs generell steigende Rückversicherungspreise erwartet. In ihrer am 7. September zum Treffen in Monte Carlo veröffentlichten Einschätzung rechnet sie für die Erneuerungsrunde zum 1. Januar 2027 vielmehr mit einem zunehmend wettbewerbsintensiven Marktumfeld und leicht rückläufigen Preisen in der Schaden-Rückversicherung. Das Angebot an Rückversicherungskapazität nimmt aufgrund der guten Kapitalausstattung des Marktes zu. In Europa erwartet Hannover Rück insbesondere bei schadenfreien Programmen weitere Preisnachlässe.

Gleichzeitig betont Jungsthöfel die Bedeutung einer risikogerechten Preisfindung. Geopolitische Spannungen, Inflation, digitale Bedrohungen und klimabedingte Risiken erschwerten die Einschätzung langfristiger Schadenkosten. Wachstum soll deshalb weiterhin selektiv und zu risikoadäquaten Preisen erfolgen.

Gerade vor diesem Hintergrund erhalten seine Aussagen zur Cyberversicherung zusätzliches Gewicht. Hannover Rück fordert also nicht einfach höhere Preise in einem insgesamt härter werdenden Markt. Im Gegenteil: Der Rückversicherer selbst erwartet weiteren Wettbewerbs- und Preisdruck. Ausgerechnet bei Cyber sieht Jungsthöfel jedoch eine mögliche Diskrepanz zwischen den derzeitigen Preisen und dem tatsächlichen Großschadenpotenzial.

Wie lange geht der Preiswettbewerb noch gut?

Für Versicherungsnehmer ist die aktuelle Entwicklung zunächst erfreulich. Versicherer konkurrieren nicht nur über den Preis. Marsh beobachtet auch umfangreichere Deckungsmöglichkeiten, flexiblere Bedingungen und teilweise niedrigere Selbstbehalte. Bei Cyber richtet sich der Blick der Underwriter gleichzeitig zunehmend auf künstliche Intelligenz, Abhängigkeiten von Drittanbietern und geopolitische Risiken. Damit wird der Wettbewerb allerdings zu einer Gratwanderung. Denn Cyberversicherung besitzt eine Besonderheit: Der Schaden, vor dem Jungsthöfel warnt, muss sich nicht langsam über eine steigende Schadenfrequenz ankündigen. Ein einziges systemisches Ereignis könnte genügen, um bisherige Annahmen über Schadenpotenziale, Kumule und notwendige Preise auf den Prüfstand zu stellen.

Dass ein Rückversicherer wie die Hannover Rück deshalb auf risikogerechte Preise drängt, überrascht nicht. Interessant ist vielmehr der Zeitpunkt der Warnung: Sie kommt mitten in einem Markt, in dem Cyberpreise in Europa inzwischen elf Quartale in Folge gefallen sind und weiterhin reichlich Kapazität vorhanden ist.

Die entscheidende Frage lautet deshalb möglicherweise gar nicht, ob Cyberversicherungen grundsätzlich teurer werden müssen. Sondern wie lange Versicherer im Wettbewerb noch bereit sind, Preise und Bedingungen zugunsten der Kunden zu verbessern – bevor entweder eine veränderte Schadenentwicklung oder tatsächlich ein großer Kumulschaden die Kalkulation des Marktes auf die Probe stellt.


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