Fieberträume in Monte-Carlo?

Kommentar: Rückversicherer – Gewinne satt, aber immer noch nicht genug?

Bastian Hebbeln beschreibt für DAS INVESTMENT die diesjährige Rückversicherungsrunde in Monte-Carlo. Das Bild, das dort gezeichnet wird, klingt zunächst dramatisch: sinkende Preise, steigende Schäden, vorsichtige Analysten. Und dennoch: Die großen Player wie Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück geben sich selbstbewusst. Sie betonen ihre Stabilität, ihre Kapitalstärke, ihre „attraktiven Geschäftsmöglichkeiten“. Gleichzeitig beklagen sie die angeblich zu hohen Margen von Maklern und Assekuradeuren – und kündigen an, sich diese drei Prozentpunkte zurückholen zu wollen.

Hier offenbart sich das wahre Gesicht der Branchenriesen: Die Klagen über gestiegene Kosten stehen in einem grotesken Widerspruch zu den nach wie vor extrem hohen Gewinnen. Rückversicherer sind nicht am Limit, sie sind trotz aller Naturkatastrophen und Inflationsrisiken immer noch Milliardenmaschinen. Ihre Bilanzen sind solide, Kapitalerträge üppig, Dividenden reichlich. Wer angesichts dieser Zahlen von schwindender Profitabilität spricht, hat entweder den Bezug zur Realität verloren – oder versucht bewusst, Stimmung zu machen, um die eigene Rendite weiter zu maximieren.

Und dann das eigentliche Schauspiel: Es geht tatsächlich um drei Prozentpunkte – und zwar um jene Margen, die nach Ansicht der Swiss Re bei Maklern, Pools und Assekuradeuren „hängenbleiben“. Diese drei Prozentpunkte gelten den Schweizern als Verlust für die eigene Profitabilität. Und deshalb will man sie sich zurückholen – nicht durch mehr Effizienz, nicht durch Innovation, sondern schlicht auf Kosten anderer Marktteilnehmer. Ernsthaft?

Dazu heißt es im Artikel: Insgesamt sehen aber auch die Schweizer ein weiterhin attraktives Marktumfeld, bemängelten in Monte-Carlo jedoch eine zunehmende Ausweitung der Margen von Maklern und Assekuradeuren in der Rückversicherungs-Wertschöpfungskette.

Die dadurch „entzogenen“ drei Prozentpunkte wolle das Unternehmen künftig wieder zur Verbesserung der eigenen Profitabilität zurückholen.

Während die Branche Jahr für Jahr Milliardengewinne einfährt – belegt durch die fast durch die Bank weg glänzenden Halbjahresberichte, die in diesem Sommer veröffentlicht wurden, insbesondere von den großen Erstversicherern wie Allianz, Axa oder Generali, die allesamt sehr starke Gewinnzuwächse meldeten – diskutieren die Rückversicherer darüber, ob sie beim Vertrieb ein paar Prozentpunkte „zurückholen“ können. Das ist nicht nur kleinlich, das ist geradezu lächerlich.


Im selben Atemzug, in dem Rückversicherer Maklern ihre Margen absprechen und drei Prozentpunkte „zurückholen“ wollen, erwarten sie gleichzeitig, dass genau dieser Vertrieb die Zukunftsmärkte erschließt. Denn bei der Cyberversicherung soll plötzlich der Vertrieb entscheidend sein.

„Laut Munich Re-Vorstand Stefan Golling müssten Rückversicherer, Versicherer und Makler aufhören, nur um die Cyberrisiken zu konkurrieren, die bereits versichert sind. Um den Markt zu entwickeln, sollten sich alle darauf konzentrieren, Cyberversicherungen aktiv an die Unternehmen zu verkaufen, die bisher keinen Zugang dazu haben.“

Und da stellt sich doch die einfache Frage: Wie soll dieser Kundenzugang überhaupt ermöglicht werden – wie sollen genau diese unversicherten Unternehmen erreicht werden – wenn nicht durch den Vertrieb? Und wer soll das leisten, wenn nicht die Makler und Assekuradeure, denen man gleichzeitig die drei Prozentpunkte streitig macht?


Noch aufschlussreicher ist, worüber man sich in Monte-Carlo tatsächlich Sorgen macht: Nicht die wachsenden Schäden durch Naturkatastrophen stehen im Zentrum, sondern die Angst vor den Ratingagenturen. Fitch und Moody’s haben ihre Ausblicke herabgestuft, und sofort wird die „Profitabilität“ zum beherrschenden Thema. Dass Menschen, Unternehmen und ganze Regionen durch Überschwemmungen, Brände und Stürme existenziell bedroht sind, scheint zweitrangig – Hauptsache, das Rating stimmt.

Und beim Thema Prävention? Im Artikel wird klar: Es sind Staat und Privatwirtschaft, die laut Swiss Re investieren sollen – bessere Raumplanung, strengere Bauvorschriften, neue Risikomodelle. Alles richtig. Aber was tun die Rückversicherer selbst? Von eigenen Initiativen, konkreten Investitionen oder einer echten Vorreiterrolle liest man erstaunlich wenig. Stattdessen verweisen die Konzerne darauf, dass steigende Schäden letztlich den Versicherungsbedarf erhöhen – und damit ihr Geschäft. Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Gewinne als Privatangelegenheit: ein durchsichtiges Muster.

Besonders entlarvend ist obendrein der Rückzug von Munich Re aus verschiedenen Nachhaltigkeitsinitiativen. Offiziell aus Sorge vor rechtlichen Risiken und zu viel Bürokratie. In Wahrheit zeigt dieser Schritt: Wenn Klimaziele nicht sofort ins eigene Gewinnschema passen, werden sie zur Nebensache erklärt. Die Glaubwürdigkeit leidet massiv.

Am Ende bleibt ein bitterer Eindruck: Die Rückversicherer inszenieren sich als Opfer der Umstände, während sie in Wahrheit zu den größten Gewinnern gehören. Ihre Profite sind ungebrochen hoch, ihre Forderungen immer dreister. Sie erwarten, dass andere – Makler, Kunden, die Gesellschaft – zurückstecken, damit ihre eigenen Margen glänzen.

Das ist nicht nur unsympathisch. Es ist gefährlich. Denn eine Branche, die nur noch den eigenen Profit sieht, die Prävention anderen überlässt und ihre größte Sorge in den Urteilen von Ratingagenturen sieht, sägt am Ast, auf dem sie selbst sitzt. Versicherungen leben von Vertrauen – und Vertrauen verspielt man schneller, als man denkt.

Am Ende bleibt vom glamourösen Titel „Rendez-Vous de Septembre“ nichts als der bittere Beigeschmack nahezu abstoßend anmutender Gier.

Zum Artikel von DAS INVESTMENT


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