Der russische Luftraum wird vollkommen unsicher
Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, wandte sich Selenskyj am Abend des 1. September in seiner täglichen Ansprache ausdrücklich an Fluggesellschaften und Versicherer. Auf Deutsch übersetzt erklärte er:
„Heute wollen wir jede Fluggesellschaft warnen, die den russischen Luftraum nutzt, jeden Versicherer und alle, die weiterhin wichtige russische Flughäfen nutzen: Der russische Luftraum wird vollkommen unsicher.“
Gleichzeitig stellte der ukrainische Präsident klar, dass die Ukraine zivile Flugzeuge nicht angreifen wolle. Die Ukraine bedrohe nicht die zivile Luftfahrt und kein einziges ziviles Flugzeug, erklärte er. Allerdings würden künftig Drohnen in einem Ausmaß im russischen Luftraum unterwegs sein, das berücksichtigt werden müsse. Der russische Luftraum werde sich dadurch faktisch zunehmend schließen.
Die Aussage ist nicht nur über Reuters belegt. Sie findet sich nahezu wortgleich in der offiziellen englischsprachigen Fassung der Ansprache auf der Internetseite des ukrainischen Präsidenten.
Was die Warnung für Versicherer bedeutet
Europäische und US-amerikanische Fluggesellschaften meiden den russischen Luftraum seit Beginn des Krieges weitgehend. Airlines unter anderem aus China, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Golfstaaten nutzen ihn dagegen weiterhin. Das kann auf einzelnen Verbindungen Zeit und Treibstoff sparen.
Für ihre Aviation-Versicherer – „Aviation“ bedeutet schlicht Luftfahrt – stellt sich damit zunehmend die Frage, wie dieses Risiko zu bewerten ist. Luftfahrtversicherer decken unter anderem Schäden an Flugzeugen sowie Haftpflichtrisiken des Flugbetriebs ab. Für Kriegs- und vergleichbare Gefahren bestehen besondere Deckungen und Bedingungen.
Selenskyjs ausdrückliche Ansprache der Versicherer ist deshalb bemerkenswert. Entscheidend ist nicht nur, ob zivile Flugzeuge gezielt angegriffen werden. Versicherer müssen auch bewerten, welches zusätzliche Risiko durch Drohnen, militärische Luftabwehr, Fehlidentifikationen und mögliche Fehleinschätzungen entsteht – und ob daraus Konsequenzen für Prämien, Deckungsumfang oder bestimmte Flugrouten folgen.
Zivile Flugzeuge sollen kein Ziel sein – sicher ist der Luftraum deshalb nicht
Dass die Ukraine nach eigener Aussage zivile Flugzeuge nicht angreifen will, beseitigt das Risiko nicht. Die auf Luftfahrtrisiken spezialisierte Beratungsfirma Osprey Flight Solutions verweist laut Reuters insbesondere auf die Gefahr von Fehlkalkulationen und Fehlidentifikationen. Russische Boden-Luft-Raketensysteme sind zudem in der Lage, Ziele in sämtlichen Flughöhen zu bekämpfen.
Osprey geht davon aus, dass sich die Gefahr nicht auf die unmittelbare Nähe zur russisch-ukrainischen Grenze beschränkt. Während der Großteil ukrainischer Drohnen- und Raketenangriffe voraussichtlich innerhalb von 300 Kilometern zur Grenze stattfinden dürfte, hält das Unternehmen tägliche Angriffe tiefer im russischen Staatsgebiet im Laufe des Jahres 2026 für nahezu sicher – auch im Umfeld von Moskau und St. Petersburg.
Wie gefährlich die Kombination aus zivilem Luftverkehr und militärischer Luftabwehr werden kann, zeigt die Vergangenheit. Malaysia-Airlines-Flug MH17 wurde 2014 über der Ostukraine von einer Buk-Boden-Luft-Rakete getroffen. Alle 298 Menschen an Bord kamen ums Leben. Der niederländische Dutch Safety Board stellte nach seiner Untersuchung fest, dass ein Gefechtskopf einer Buk-Rakete neben dem Cockpit detoniert war.
Auch der Absturz einer Maschine von Azerbaijan Airlines Ende 2024 zeigt, warum die Gefahren militärischer Luftabwehr für den zivilen Flugverkehr ernst genommen werden müssen. Bei dem Unglück kamen 38 Menschen ums Leben. Reuters berichtete damals unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, dass die Maschine möglicherweise irrtümlich von Russland abgeschossen worden war, nachdem sie als anfliegende Drohne fehlinterpretiert worden sein könnte. Eine solche Verantwortlichkeit war zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht abschließend offiziell festgestellt. Entsprechend sollte der Fall auch nicht mit größerer Gewissheit dargestellt werden, als es die Quellenlage zulässt.
Für Versicherer wird die Risikofrage konkreter
Ob ukrainische Drohnen tatsächlich unmittelbar ein ziviles Verkehrsflugzeug gefährden werden, lässt sich aus Selenskyjs Aussage nicht ableiten. Seine Warnung richtet den Blick vielmehr auf das Gesamtrisiko eines Luftraums, in dem regelmäßig militärische Operationen stattfinden.
Für Luftfahrtversicherer ist genau das entscheidend. Sie müssen nicht erst auf einen Schaden warten, um ein Risiko neu zu bewerten. Entscheidend ist, wie wahrscheinlich ein Ereignis geworden ist und ob Prämien, Deckungsumfang und Versicherungsbedingungen noch zu diesem Risiko passen.
Selenskyjs Botschaft an die Versicherer ist damit ungewöhnlich deutlich: Wer weiterhin Flüge durch den russischen Luftraum absichert, sollte das zunehmende militärische Risiko zumindest neu bewerten.

Deine Meinung ist uns wichtig!