Die Hausratversicherung – alles ganz einfach, oder?

Hausratversicherung? Eigentlich kein Hexenwerk. Wohnfläche eintragen, Quadratmeterpauschale drauf, Beitrag berechnen – fertig. So jedenfalls sieht es auf den ersten Blick aus.

Seit Jahrzehnten arbeiten viele Tarife mit Richtwerten von 650 Euro je Quadratmeter, meist ergänzt um zehn Prozent Vorsorge. Bei einer 100-Quadratmeter-Wohnung landen wir damit zunächst bei 65.000 Euro Versicherungssumme. Kommen die üblichen zehn Prozent Vorsorgeversicherung hinzu, liegt die maximale Entschädigung bei 71.500 Euro.

Die Vorsorge soll zwischenzeitliche Wertsteigerungen oder Neuanschaffungen auffangen. Dazu gibt es häufig noch den Unterversicherungsverzicht. Klingt erst einmal ziemlich beruhigend.

Nur: Ganz so einfach ist es eben nicht.

Der Unterversicherungsverzicht bedeutet nämlich lediglich, dass der Versicherer im Schadenfall nicht prüft, ob die Versicherungssumme eigentlich korrekt ermittelt wurde. Er macht aus einer begrenzten Versicherungssumme aber keine unbegrenzte Deckung.

Bei einem Totalschaden – etwa nach einem Wohnungsbrand – ist deshalb bei der vereinbarten Summe Schluss. Liegt der tatsächliche Wiederbeschaffungswert darüber, bleibt die Differenz beim Kunden.

Und genau an diesem Punkt wird es interessant.

Darin liegt übrigens auch ein wesentlicher Unterschied zum Unterversicherungsverzicht in der Gebäudeversicherung. Dort führt er regelmäßig dazu, dass eine Begrenzung auf die vereinbarte Versicherungssumme faktisch entfällt. In der Hausratversicherung funktioniert das so eben nicht.

Was kostet der Hausrat eigentlich wirklich?

Die Hausratversicherung ist eine Neuwertversicherung. Entscheidend ist also nicht, was Sofa, Küche oder Kleidung irgendwann einmal gekostet haben oder welchen Zeitwert sie heute noch hätten. Entscheidend ist, was vergleichbare Sachen heute neu kosten.

Und da lohnt sich ein kleiner Rundgang durch die Wohnung.

Eine Einbauküche liegt selbst im unteren Preissegment heute schnell zwischen 15.000 und 25.000 Euro. Von Luxus ist man bei diesen Summen allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Gerade bei Einbauküchen sind die preislichen Grenzen nach oben sehr weit gesteckt. Damit ist aber nur die Küche selbst gemeint. Tisch, Stühle, Lampen, Geschirr, Besteck, Gläser, Töpfe, Pfannen, Messer, Schüsseln, Kaffeemaschine, Toaster, Mixer und der ganze Rest kommen noch dazu. Auch bei durchschnittlicher Qualität sind dafür weitere 3.000 bis 6.000 Euro schnell erreicht.

Im Wohnzimmer sieht es nicht besser aus. Sofa oder Wohnlandschaft, Fernseher, Soundanlage, Sideboard, Couchtisch, Teppiche, Beleuchtung und sonstige Unterhaltungselektronik bringen je nach Ausstattung schnell 8.000 bis 20.000 Euro zusammen. Allein ein moderner Fernseher kann 1.500 bis 2.500 Euro kosten.

Für das Schlafzimmer kommen Bett, Matratzen, Lattenroste, Kleiderschrank und Kommoden hinzu. 5.000 bis 12.000 Euro sind auch hier keineswegs exotisch. Hochwertige Matratzen können allein 1.500 bis 3.000 Euro kosten.

Ein Kinderzimmer bewegt sich je nach Alter und Ausstattung schnell zwischen 4.000 und 10.000 Euro. Möbel, Spielzeug und Technik inklusive.

Ein echter Klassiker bei der Unterschätzung ist die Kleidung. Pro erwachsener Person sind bei realistischen Neuwerten 8.000 bis 20.000 Euro durchaus plausibel. Schuhe, Jacken, Mäntel, Anzüge, Freizeit- und Sportkleidung, Unterwäsche – einzeln wirkt vieles gar nicht dramatisch. Über Jahre angesammelt kommt aber einiges zusammen. Bei Kindern sind 3.000 bis 8.000 Euro realistisch.

Dann fehlen immer noch Waschmaschine, Trockner, Haushaltsgeräte, Computer, Laptops, Tablets, Smartphones, Werkzeuge, Fahrräder, Lampen, Dekoration, Bücher, Vorräte und all das, was in Keller oder Garage steht. Dafür können noch einmal 10.000 bis 25.000 Euro zusammenkommen.

Ohne irgendeine Luxusausstattung erreicht ein durchschnittlicher Drei-Personen-Haushalt damit ohne Weiteres Größenordnungen zwischen 70.000 und 120.000 Euro Wiederbeschaffungswert.

Und selbst diese Werte sind teilweise eher vorsichtig angesetzt.

Mancher Leser dürfte beim gedanklichen Gang durch die eigene Wohnung schon merken: Mit 65.000 Euro könnte es bei 100 Quadratmetern ziemlich eng werden. Genau deshalb wirkt diese Summe zunehmend wie ein statistischer Restwert aus einer anderen Zeit.

Preisentwicklung von Hausratgegenständen

Die Preisentwicklung liefert dafür durchaus Stoff. Seit 2020 sind Wohnmöbel nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes um rund 21 Prozent teurer geworden, Garten- und Campingmöbel um knapp 27 Prozent, Teppiche um rund 23 Prozent und Schmuck um gut 24 Prozent. Über alle Möbel, Leuchten, Geräte und sonstigen Haushaltswaren hinweg liegt das Preisniveau ebenfalls deutlich höher als noch vor wenigen Jahren.

Das sind keine abstrakten Zahlen. Genau diese Dinge müssen nach einem Totalschaden zum heutigen Neuwert ersetzt werden – jedenfalls so lange, bis die vereinbarte Entschädigungsgrenze erreicht ist.

Ein möglicher Einwand wäre: Die Versicherungssumme wird in vielen Hausratverträgen doch ohnehin regelmäßig an die Preisentwicklung angepasst. Richtig. Nur hilft das wenig, wenn bereits die Ausgangssumme beim Neuabschluss zu niedrig angesetzt wurde. Die Indexierung schreibt die vorhandene Versicherungssumme lediglich mit der Preisentwicklung fort – sie korrigiert keine Lücke, die durch eine von Anfang an zu niedrige Quadratmeterpauschale entstanden ist. Eine zu niedrige Ausgangsbasis bleibt damit eine zu niedrige Ausgangsbasis.

Und damit stellt sich zwangsläufig die Frage, warum eine Quadratmeterpauschale von 650 Euro in vielen Produkten noch immer nahezu unverändert weiterlebt.

Wenn aus einer Orientierung plötzlich die Wertermittlung wird

Natürlich sind zunächst Vermittler und Kunde gefragt, eine Versicherungssumme zu vereinbaren, die dem tatsächlichen Versicherungswert entspricht. Daran gibt es nichts zu deuteln.

Trotzdem wäre es zu einfach, die Verantwortung allein dort abzuladen.

Denn rund um die Quadratmeterpauschale hat sich über viele Jahre ein Automatismus entwickelt. Wohnfläche eingeben, Pauschale anwenden, Versicherungssumme berechnen – fertig.

Gerade bei digitalen Abschlussstrecken und Vergleichsportalen wird regelmäßig keine detaillierte Inventarliste abgefragt und auch keine aufwendige individuelle Wertermittlung vorgenommen. Im Mittelpunkt steht die Wohnfläche. Aus ihr wird über die hinterlegte Pauschale die Versicherungssumme abgeleitet, anschließend folgt das Angebot und daraus gegebenenfalls direkt der Vertrag.

Damit bekommt die Quadratmeterpauschale in der Praxis eine Bedeutung, die sie eigentlich gar nicht haben dürfte. Aus einem Hilfsmittel zur vereinfachten Wertermittlung wird für viele Kunden faktisch die Wertermittlung selbst.

Und genau an dieser Stelle kommen für mich auch die Versicherer ins Spiel.

Wer Tarife mit 650, 700 oder 800 Euro je Quadratmeter anbietet und weiß, dass diese Werte in automatisierten Abschlussstrecken vielfach praktisch ungeprüft zur Grundlage der Versicherungssumme werden, sollte regelmäßig prüfen, ob diese Pauschalen noch zur Preisrealität passen.

Das gilt umso mehr, wenn dem Kunden gleichzeitig ein Unterversicherungsverzicht angeboten wird, der zumindest sprachlich ein hohes Maß an Sicherheit vermittelt.

„Ganz neu ist die Zahl übrigens nicht – im Gegenteil. Die heute noch verbreiteten 650 Euro je Quadratmeter lassen sich bereits unmittelbar nach Einführung des Euro nachweisen. Zuvor arbeiteten Versicherer mit Größenordnungen von etwa 1.200 bis 1.300 D-Mark je Quadratmeter. Schon 2002 tauchten 650 Euro als Pauschale auf. Damit begleitet dieser Wert die Hausratversicherung inzwischen seit rund einem Vierteljahrhundert. Angesichts der Preisentwicklung seitdem darf man durchaus fragen, ob eine solche Rechengröße heute zeitgemäß ist.“

Die Frage darf deshalb durchaus an die Produktgeber gehen: Wenn sich Wiederbeschaffungskosten über Jahre deutlich verändern, warum bleiben die zugrunde gelegten Quadratmeterpauschalen dann so lange nahezu unverändert? Und reicht selbst eine Anhebung von 650 auf 700 oder 800 Euro tatsächlich aus, wenn die Pauschale vom Kunden häufig gar nicht als grober Richtwert, sondern als vermeintlich verlässliche Berechnung seines gesamten Hausratwertes verstanden wird?

Einige Versicherer haben inzwischen reagiert und arbeiten mit 700 oder 800 Euro je Quadratmeter, teilweise auch darüber hinaus. Trotzdem bleibt die Grundfrage dieselbe.

Denn die Quadratmeterpauschale ist ein Durchschnittswert. Nicht mehr und nicht weniger.

Ob dieser Durchschnitt zum konkreten Haushalt passt, ist eine ganz andere Frage.

Der Vermittler wird dadurch nicht aus seiner Verantwortung entlassen. Und auch der Kunde muss vernünftige Angaben zu seinem Hausrat machen. Aber wenn der Markt ein System etabliert hat, bei dem eine einzige Zahl – die Wohnfläche – vielfach ausreicht, um mit wenigen Klicks eine Hausratversicherung abzuschließen, dann gehört zur Diskussion eben auch die Frage, ob die dafür hinterlegten Pauschalen noch zeitgemäß sind.

Zu wenig ist schlecht – zu viel aber auch

Für Makler ist die richtige Versicherungssumme deshalb keine akademische Spielerei. Das Thema ist haftungsrelevant.

Ist die angesetzte Pauschale zu niedrig, droht im Totalschaden eine Deckungslücke. Eigentlich müsste man also den Hausrat individuell erfassen und bewerten. Fachlich wäre das sauber.

In der Praxis ist es allerdings wenig attraktiv, mit jedem Kunden umfangreiche Wertermittlungsbögen durchzugehen. Das kostet Zeit, funktioniert nur mit entsprechender Mitwirkung und wird von vielen Kunden vermutlich als ziemlich überdimensioniert empfunden.

Die Alternative, den Wert einfach grob zu schätzen, geht schneller – kann rechtlich aber unangenehm werden.

Dazu kommt der psychologische Effekt des Begriffs Unterversicherungsverzicht. Der klingt nach umfassender Sicherheit. Tatsächlich verzichtet der Versicherer aber nur auf die sogenannte Verhältnisprüfung. Die absolute Entschädigungsgrenze bleibt bestehen. Ist die vereinbarte Summe objektiv zu niedrig, hilft der Unterversicherungsverzicht darüber nicht hinweg.

Genau deshalb muss im Beratungsgespräch sauber zwischen einer rechnerischen Vereinfachung und dem tatsächlichen Versicherungsbedarf unterschieden werden.

Allerdings kann die Quadratmeterpauschale auch in die andere Richtung danebenliegen.

Nicht jeder Mensch füllt 100 Quadratmeter mit teuren Möbeln, Elektronik und Kleidung. Wer bewusst minimalistisch lebt, einfache Möbel besitzt und viel freie Fläche hat, kann bei 100 Quadratmetern tatsächlich nur auf einen sauber nachweisbaren Hausratwert von beispielsweise 30.000 Euro kommen.

Wird dieser Haushalt automatisch mit 65.000 oder 80.000 Euro versichert, zahlt der Kunde dauerhaft für eine deutlich höhere Summe, als er eigentlich benötigt.

Auch hier gilt wieder: Maßgeblich ist der tatsächliche Wiederbeschaffungswert.

Ist der sauber dokumentiert und umfasst tatsächlich den gesamten Hausrat, kann ein Versicherer keine Unterversicherung allein deshalb herleiten, weil die Versicherungssumme nicht zu irgendeiner Quadratmeterpauschale passt.

Parallel dazu gibt es inzwischen Tarifmodelle, die ganz anders funktionieren. Dort dient die Wohnfläche im Wesentlichen nur noch als Prämienindikator. Statt einer klassischen Versicherungssumme sieht der Tarif beispielsweise eine Höchstentschädigung von 300.000 oder 500.000 Euro je Versicherungsfall vor.

Für viele Haushalte kann das ausgesprochen komfortabel sein. Das Risiko einer systematischen Unterdeckung sinkt deutlich.

Ganz ohne Grenzen sind allerdings auch solche Tarife nicht.

Wertsachen, Schmuck, Bargeld, Fahrräder oder Leistungen der Außenversicherung haben regelmäßig eigene Sublimits. Eine hohe Gesamthöchstentschädigung ersetzt deshalb nicht den Blick in diese Einzelbegrenzungen.

Und auch wirtschaftlich muss die Lösung zum Kunden passen.

Ein Tarif mit 300.000 oder 500.000 Euro Höchstentschädigung ist häufig bereits im Grundbeitrag entsprechend kalkuliert. Für unseren minimalistisch lebenden Kunden mit nachweislich nur 30.000 Euro Hausratwert auf 100 Quadratmetern wäre eine solche Lösung kaum sachgerecht. Er würde dauerhaft für eine Deckung bezahlen, die in keinem vernünftigen Verhältnis zu seinem tatsächlichen Versicherungswert steht.

Am Ende zählt die bedarfsgerechte Versicherungssumme

Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt.

Nicht die größtmögliche Deckung ist automatisch die richtige. Und auch die bekannte Quadratmeterpauschale ist keine universelle Wahrheit.

Entscheidend ist das individuelle Risiko.

Die Versicherungssumme muss dem Versicherungswert entsprechen. Daran hat sich nichts geändert. Die Quadratmeterpauschale kann bei der Ermittlung helfen, sie bleibt aber ein Hilfsmittel.

Zwischen statistischem Durchschnitt und tatsächlichem Lebensstandard können ziemlich viele Möbel, Kleidungsstücke, Elektrogeräte – und im Ernstfall eben auch ziemlich viele Tausend Euro – liegen.


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