Für Kunden und Geschädigte der insolventen Element Insurance AG geht die quälende Ungewissheit weiter. Mehr als 25.000 konkrete Schadenfälle sind inzwischen beim Insolvenzverwalter und dem von ihm eingeschalteten externen Schadendienstleister eingegangen. Ausgezahlt wird dennoch nichts – selbst dann nicht, wenn eine Forderung unbestritten ist.
Bei der Eröffnung des Insolvenzverfahrens im März 2025 war noch von schätzungsweise 15.000 bis 20.000 offenen Schadenfällen ausgegangen worden. Inzwischen liegt die Zahl deutlich höher. Wann die Betroffenen erstmals Geld erhalten und welcher Anteil ihrer Ansprüche am Ende überhaupt erfüllt werden kann, steht weiterhin nicht fest.
Insolvenzverwalter: Auch unbestrittene Forderungen bleiben liegen
Insolvenzverwalter Friedemann Schade begründet die ausbleibenden Zahlungen damit, dass zunächst sämtliche angemeldeten Ansprüche umfassend geprüft werden müssten. Erst danach lasse sich feststellen, welche Quote den einzelnen Schadengläubigern ausgezahlt werden könne.
Die zentrale Aussage des Insolvenzverwalters lautet:
„Die bestehenden Ansprüche können derzeit noch nicht ausgezahlt werden.“
Das gelte ausnahmslos und damit ausdrücklich auch für unbestrittene Forderungen. Trotz der Einschaltung eines externen Schadendienstleisters werden nach derzeitigem Stand im Jahr 2026 voraussichtlich keine Auszahlungen mehr erfolgen. Damit müssen sich die Betroffenen vermutlich mindestens bis 2027 gedulden.
Schon bei Eröffnung des Verfahrens hatte Schade erklärt, dass weder Zeitpunkt noch Höhe möglicher Zahlungen feststünden. Damals lautete seine Warnung an die Versicherten:
„Ich rate allen vom Insolvenzverfahren der ELEMENT Insurance AG betroffenen Versicherten, sich zügig um neuen Versicherungsschutz zu kümmern. ELEMENT kann keinen vollumfänglichen Versicherungsschutz mehr sicherstellen.“
Die offenen Schäden müssen aus dem sogenannten Sicherungsvermögen nach § 125 Versicherungsaufsichtsgesetz bedient werden. Schadengläubiger haben darauf grundsätzlich einen vorrangigen Anspruch gegenüber den sonstigen Insolvenzgläubigern. Reicht dieses Vermögen jedoch nicht zur vollständigen Regulierung aus, werden die Ansprüche lediglich anteilig bedient. Wie hoch diese Quote ausfallen könnte, ist bislang nicht bekannt.
Vom Handyschaden bis zur Wohngebäudeversicherung
Element war als White-Label-Versicherer tätig. Die Produkte wurden häufig über Assekuradeure, Makler, Plattformen und andere Kooperationspartner angeboten. Für viele Kunden war deshalb möglicherweise nicht auf den ersten Blick erkennbar, dass Element im Hintergrund der eigentliche Risikoträger war.
Das Unternehmen versicherte ein ausgesprochen breites Spektrum. Dazu gehörten unter anderem Unfall-, Privat- und Berufshaftpflicht-, Rechtsschutz-, Hausrat-, Fahrrad-, Boots-, Tierkranken-, Wohngebäude-, Kfz-Garantie-, Garantieverlängerungs- und Handyversicherungen.
Entsprechend unterschiedlich können die mehr als 25.000 offenen Schäden sein. Bei einem defekten Mobiltelefon, einem Fahrraddiebstahl oder einer kleineren Tierarztrechnung geht es möglicherweise um einige Hundert Euro. Das ist ärgerlich und für manche Haushalte durchaus belastend, in der Regel aber nicht existenzbedrohend.
Anders sieht es bei einem hohen Leitungswasserschaden am Wohnhaus, einer hohen Invaliditätsleistung nach einem schweren Unfall oder einem größeren Haftpflichtschaden aus. In solchen Fällen können fünf- oder sechsstellige Beträge im Raum stehen. Welche konkreten Schäden angemeldet wurden und wie sich die Fälle auf die einzelnen Versicherungssparten verteilen, wird bislang nicht offengelegt.
Kunden bleiben auf ihren Kosten sitzen
Welche Folgen die Insolvenz für einzelne Versicherte haben kann, zeigte ein vom rbb-Verbrauchermagazin „SUPER.MARKT“ dokumentierter Rechtsschutzfall. Eine Kundin wollte sich nach ihrer Kündigung arbeitsrechtlich gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber wehren. Zunächst wurde ihr über ihre Versicherung eine Anwältin empfohlen. Wegen der Insolvenz erhielt sie anschließend jedoch keine Kostenübernahme.
Die Frau blieb auf 540 Euro Anwaltskosten sitzen und musste ihren Rechtsstreit ohne anwaltliche Vertretung weiterführen. Ein Betrag, der gegenüber einem großen Gebäudeschaden überschaubar wirkt – aber anschaulich zeigt, was es praktisch bedeutet, wenn eine zugesagte Versicherungsleistung im entscheidenden Moment ausbleibt.
Warum dauert die Prüfung so lange?
Die Abwicklung ist zweifellos komplex. Element verwaltete bei Verfahrenseröffnung rund 320.000 Versicherungsverträge und arbeitete mit zahlreichen Vertriebspartnern zusammen. Vertrags-, Kunden- und Schadendaten können deshalb über unterschiedliche Systeme, Dienstleister und Zuständigkeiten verteilt sein.
Zudem muss für jeden einzelnen Fall geklärt werden, ob zum Schadenzeitpunkt Versicherungsschutz bestand, ob der Schaden unter die vereinbarten Bedingungen fällt, welche Höhe nachgewiesen ist und ob bereits Zahlungen geleistet wurden. Hinzu kommt die Frage, wie hoch das vorhandene Sicherungsvermögen ist und ob es zur vollständigen Befriedigung aller berechtigten Forderungen reicht.
Das erklärt, weshalb nicht jeder Schaden sofort vollständig reguliert werden kann. Es erklärt aber nur unzureichend, weshalb mehr als 16 Monate nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens noch immer weder eine vorläufige Quote noch ein belastbarer Zeitplan vorliegt.
Für Betroffene bleiben daher zentrale Fragen offen:
Wie hoch ist das Gesamtvolumen der angemeldeten Schäden? Wie viele Fälle wurden bereits abschließend geprüft? Welcher Wert steht diesen Ansprüchen im Sicherungsvermögen gegenüber? Und wann kann wenigstens eine ungefähre Auszahlungsquote genannt werden?
Mein Kommentar: Große Versprechen, leere Taschen
Element markiert für mich den bitteren Höhepunkt der einst so vollmundig gestarteten deutschen Insurtech-Szene. Riesige Summen wurden in den Digitalversicherer gepumpt – und dürften heute zumindest zu erheblichen Teilen versenkt sein. Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin dürfte davon als größter Investor inzwischen ein besonders trauriges Lied singen können.
Versicherung sollte plötzlich völlig neu gedacht werden: schneller, digitaler und vermeintlich effizienter. Bei Element zeigte sich jedoch, dass eine Plattform weder auskömmliche Prämien noch solides Underwriting ersetzt.
Für die Branche ist Element längst abgehakt. Die Schieflage wurde kurz vor Weihnachten 2024 öffentlich, seitdem zogen zahlreiche andere Meldungen durch die Timelines. Für die Kunden ist dagegen gar nichts erledigt. Sie haben Beiträge gezahlt, Schäden gemeldet und warten weiter auf ihr Geld.
Dabei wissen wir nicht, was sich hinter den offenen Fällen verbirgt. Die Einzelfälle kennen wir nicht. Gerade deshalb darf man die möglichen Dimensionen nicht kleinreden.
Element ist auch nicht das einzige Beispiel für die Ernüchterung nach dem Insurtech-Hype. Getsafe gab seine eigene Versicherungslizenz zurück und konzentriert sich wieder auf die Rolle als Assekuradeur. Wefox zog sich weitgehend aus dem deutschen Versicherungsgeschäft zurück. Und nun gibt auch Neodigital seine Lizenz als Schaden- und Unfallversicherer zurück, überträgt den Bestand an Adam Riese und fokussiert sich auf das Plattformgeschäft. Wer erinnert sich heute noch an Coya, Knip, FRIDAY, One oder Nexible?
Das bedeutet nicht, dass Digitalisierung gescheitert ist. Gescheitert ist vielmehr die Vorstellung, Versicherung lasse sich mit Investorengeld, großen Präsentationen und Software neu erfinden, ohne ihr Handwerk zu beherrschen.
Versicherung ist kein Planspiel für Leute, die zuerst mit dem großen Klingelbeutel bei Investoren herumlaufen und sich anschließend mit dem Risiko beschäftigen. Dieses Geschäft braucht realistische Kalkulationen, Rückstellungen, Kapital, gutes Underwriting und Fachleute, die wissen, was sie tun.
Am Ende bleiben bei Element vor allem Kunden zurück, die seit vielen Monaten auf Leistungen warten. Der Schaden ist da, die Forderung ist angemeldet und berechtigt – aber das Geld bleibt aus. Genau das ist Gift für das Vertrauen in die gesamte Branche.

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