Ein Kommentar
– was vom großen Insurtech-Traum geblieben ist
Als Neodigital 2018 die BaFin-Lizenz erhielt, war der Anspruch groß. Das Unternehmen wollte die Versicherungsbranche neu denken, Prozesse radikal digitalisieren und beweisen, dass Versicherung auch ohne die Schwerfälligkeit etablierter Konzerne funktioniert. Das Versprechen lautete: schneller, schlanker, digitaler.
Heute endet dieses Kapitel.
Nach dem Verkauf des Kfz-Geschäfts an die HUK-Coburg und der Übertragung des SHU-Bestands an Adam Riese gibt Neodigital nun auch seine BaFin-Lizenz zurück und konzentriert sich künftig vollständig auf das Plattformgeschäft. Damit reiht sich das Unternehmen in eine Entwicklung ein, die sich seit einiger Zeit abzeichnet: Bereits andere Insurtechs wie Getsafe haben beschlossen, auf die eigene Versicherungslizenz zu verzichten und stattdessen als Plattform und Assekuradeur weiterzuwachsen. Mailo ging diesen Schritt bereits vor einigen Jahren. Die Insolvenz von Element Insurance hat der gesamten Branche eindrucksvoll vor Augen geführt, wie anspruchsvoll dieses Geschäft tatsächlich ist, und auch Wefox musste seine einstigen Wachstumspläne deutlich zurückschrauben und sich nach einer tiefgreifenden Restrukturierung aus mehreren Märkten zurückziehen.
Die erste Generation deutscher Insurtechs ist mit dem Anspruch gestartet, die klassische Versicherungswirtschaft zu revolutionieren. Doch ausgerechnet die Unternehmen, die einst als digitale Versicherer antraten, entwickeln sich zunehmend zu Technologiedienstleister für genau jene Branche, die sie ursprünglich herausfordern wollten. Wer erinnert sich heute noch an Coya, Knip, FRIDAY, One oder Nexible? Vor wenigen Jahren klangen diese Namen nach der Zukunft der Assekuranz. Heute sind sie weitgehend Geschichte.
Und dann sind da noch die Investoren. Sie haben über Jahre Millionen in die Vision vom digitalen Versicherer investiert. Der erhoffte große Exit blieb bislang jedoch aus. Statt Unicorn-Euphorie dominieren heute Restrukturierungen, Strategiewechsel und der Ruf nach Profitabilität.
Neodigital verfügt zweifellos über eine leistungsfähige Technologieplattform. Sonst würde Adam Riese künftig kaum den gesamten eigenen Bestand dort verwalten lassen. Die Technologie ist also keineswegs gescheitert – sie ist heute gefragter denn je. Gescheitert ist vielmehr die Vorstellung, dass eine moderne IT allein genügt, um dauerhaft als Versicherer erfolgreich zu sein.
Denn Versicherung ist eben mehr als ein guter digitaler Abschlussprozess. Versicherung bedeutet Risikoprüfung, Kapitalmanagement, Reserven, Solvenz, Schadensteuerung und vor allem profitables Underwriting. Genau dort entscheidet sich langfristig der wirtschaftliche Erfolg – und nicht allein in der Benutzeroberfläche einer App. Versicherung, das sind eben auch Menschen. Menschen, deren Know-how über Jahrzehnte gewachsen ist und die gemeinsam Prozesse entwickelt haben, die sich im Ernstfall bewähren müssen. Dieses Wissen lässt sich nicht einfach programmieren.
Oder, um es mit Stromberg zu sagen: „Lass das mal den Papa machen.“
Die eigentliche Disruption der vergangenen Jahre war deshalb vielleicht eine ganz andere als ursprünglich angekündigt. Nicht der digitale Versicherer hat sich durchgesetzt. Sondern der digitale Zulieferer. Plattformen, White-Label-Lösungen, API-Technologien und automatisierte Prozesse verändern die Assekuranz heute tatsächlich nachhaltig. Allerdings nicht, indem sie klassische Versicherer verdrängen – sondern indem sie deren Geschäftsmodelle effizienter machen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Lehre der ersten Insurtech-Generation. Die Revolution ist ausgeblieben. Der Fortschritt nicht.
Gründer Stephen Voss wollte einst die Zukunft der Versicherung gestalten. Am Ende gestaltete er vor allem die Zukunft der Versicherungstechnologie. Das ist kein Misserfolg – aber eine ganz andere Geschichte als die, mit der Neodigital einst angetreten ist.

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