Zwischen Effizienzversprechen und Arbeitsplatzsorgen
Auf der Versicherungsmesse InsureNXT in Köln ist eine Debatte eskaliert, die die Branche bislang eher hinter verschlossenen Türen geführt hat: Wie viele Arbeitsplätze wird künstliche Intelligenz tatsächlich kosten?
Auslöser war eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der Versicherungswirtschaft und der Gewerkschaft Verdi. Martina Grundler, langjährige Bundesfachgruppenleiterin Versicherungen bei Verdi, warf den Unternehmen dort öffentlich vor, bei den Folgen des KI-Einsatzes „nicht ehrlich“ zu sein. Die Sorge vor Arbeitsplatzverlusten sei unter Beschäftigten „allgegenwärtig“.
Verdi: Die Branche verschweigt die Konsequenzen
Die zentrale Kritik von Verdi lautet, dass viele Versicherer den KI-Einsatz weiterhin vor allem als Unterstützung für Beschäftigte darstellen, intern aber längst massive Rationalisierungspotenziale kalkulieren. Martina Grundler formulierte das bereits Wochen vor der InsureNXT ungewöhnlich deutlich. In einem Interview bei Versicherungswirtschaft-Heute wurde die Verdi-Vertreterin auf die Ankündigung des Allianz-Dienstleisters Allianz Partners, weltweit bis zu 1.800 Stellen abzubauen, angesprochen. Das Unternehmen hatte den Schritt unter anderem mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz begründet. Vor diesem Hintergrund warnte Grundler davor, die Allianz als Einzelfall zu betrachten. „Die Allianz wird nicht das einzige Unternehmen bleiben. Wir würden uns in der Debatte mehr Ehrlichkeit wünschen, denn die Entwicklung ist komplizierter, als sie gerne dargestellt wird. Es ist nicht unrealistisch, dass mehr Stellen abgebaut werden, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die natürliche Fluktuation ausscheiden. Und KI ist ja nur ein Teil der technologischen Veränderung, die sich in der Versicherungswirtschaft vollzieht. Wichtig wäre, dass die Beschäftigten frühzeitig darüber informiert werden, was im Unternehmen geplant ist, damit sie sich gezielt weiterentwickeln können“, sagte sie mit Blick auf Versicherer, die KI künftig zur Personalreduktion nutzen könnten.
Nach Auffassung der Gewerkschaft wird die Tragweite der Entwicklung systematisch heruntergespielt. Während Unternehmen öffentlich meist von „Entlastung“, „Effizienz“ oder „Unterstützung der Mitarbeitenden“ sprechen, rechnet Verdi intern offenbar längst mit einem tiefgreifenden Umbau vieler Tätigkeitsprofile. Besonders betroffen wären standardisierte Prozesse wie Sachbearbeitung, Kundenservice oder Teile der Schadenregulierung. Gerade dort zeigen moderne KI-Systeme inzwischen enorme Fortschritte.
Die Gewerkschaft fordert deshalb tarifliche Leitplanken für den KI-Einsatz. Dazu gehören Qualifizierungsprogramme, Mitbestimmungsrechte und langfristige Beschäftigungssicherung.
Wie procontra Ende März berichtete, befassten sich bereits Gespräche zwischen dem Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen in Deutschland (AGV) und Verdi ausdrücklich mit den Folgen von KI und Transformation für die Versicherungsbranche.
Verdi forderte einen eigenen Tarifvertrag zur Transformation der Versicherungsbranche mit Fokus auf KI, Qualifizierung und Beschäftigungssicherung. Der AGV sah dagegen keinen zusätzlichen Regelungsbedarf und verwies stattdessen auf die Chancen der Technologie.
Ergo spricht offen über Stellenabbau
Besonders bemerkenswert ist, dass einzelne Versicherer inzwischen selbst offen über sinkenden Personalbedarf sprechen. Am deutlichsten tut dies derzeit die Munich-Re-Tochter Ergo. Der Konzern kündigte an, bis 2030 rund 1.000 Stellen in Deutschland abzubauen. Parallel investiert das Unternehmen massiv in Automatisierung und KI-gestützte Prozesse. Betroffen seien vor allem repetitive Tätigkeiten und standardisierte Abläufe.
Offiziell soll der Stellenabbau sozialverträglich erfolgen — etwa über natürliche Fluktuation, Altersteilzeit oder freiwillige Programme. Gemeinsam mit Verdi vereinbarte Ergo zudem einen Kündigungsschutz bis Ende 2030. Dennoch markiert der Fall einen Wendepunkt: Erstmals verbindet ein großer deutscher Versicherer KI-Transformation offen mit konkretem Stellenabbau. Der Sachthemen-Blog hatte berichtet.
Auch bei anderen Unternehmen kursieren seit Monaten entsprechende Spekulationen. Besonders die Allianz wird immer wieder genannt, konkrete Zahlen vermeidet der Konzern bislang jedoch konsequent. Genau diese Diskrepanz kritisiert Verdi. Die Gewerkschaft argumentiert, dass nahezu alle großen Versicherer derzeit Milliarden in KI, Automatisierung und digitale Prozessketten investieren, gleichzeitig aber kaum jemand offen darüber spreche, wie stark sich dadurch der Personalbedarf tatsächlich verändern werde.
Zwischen Beschwichtigung und Realität
Tatsächlich fällt auf, dass viele Versicherer ihre Kommunikation sehr vorsichtig formulieren. Häufig ist davon die Rede, KI werde Menschen „unterstützen“ statt ersetzen. Zudem verweisen Unternehmen gerne auf den demografischen Wandel: Der Abgang älterer Beschäftigter könne mögliche Stellenverluste abfedern.
Doch genau diese Argumentation hält Verdi für unvollständig. Moderne generative KI betrifft längst nicht mehr nur einfache Routinetätigkeiten. Systeme zur automatisierten Dokumentenanalyse, KI-gestützte Schadenprüfung oder generative Kundenkommunikation greifen zunehmend auch in qualifizierte Wissensarbeit ein. Viele Prozesse, für die bislang große Teams notwendig waren, könnten künftig mit deutlich weniger Personal bewältigt werden.
Hinzu kommt, dass auf Veranstaltungen wie der InsureNXT genau diese Effizienzsprünge offensiv präsentiert werden. Dort demonstrieren Unternehmen KI-Agenten, automatisierte Schadenbearbeitung und weitgehend autonome Prozessketten. Öffentlich wird der technologische Fortschritt gefeiert — über die Beschäftigungsfolgen wird dagegen meist nur sehr abstrakt gesprochen.
Mein Kommentar:
Die Versicherungsbranche wird kaum die Ausnahme sein!
Vielleicht liegt genau hier der eigentliche Kern der Debatte. Denn selbst wenn heute noch niemand seriös beziffern kann, wie viele Arbeitsplätze künstliche Intelligenz tatsächlich kosten wird, spricht vieles dafür, dass die Versicherungsbranche hier langfristig kaum eine Ausnahme darstellen dürfte.
In nahezu allen Wirtschaftsbereichen wird inzwischen offen darüber diskutiert, welche Folgen KI für Beschäftigung haben wird. Tech-Konzerne reduzieren bereits Stellen mit Verweis auf Automatisierung, Medienhäuser experimentieren mit KI-generierten Inhalten, Kundenservice-Abteilungen werden zunehmend durch Chatbots ergänzt und selbst im Handwerk entstehen erste KI-gestützte Robotersysteme, die perspektivisch körperliche Tätigkeiten übernehmen könnten. Wenn inzwischen sogar daran gearbeitet wird, Maurerarbeiten teilweise zu automatisieren, erscheint es wenig plausibel anzunehmen, ausgerechnet wissens- und prozessbasierte Dienstleistungsbranchen würden dauerhaft verschont bleiben.
Gerade Versicherungen bestehen zu großen Teilen aus standardisierten Informations- und Verwaltungsprozessen — also genau jenen Bereichen, in denen moderne KI-Systeme besonders schnell Fortschritte machen. Dokumentenanalyse, Schadenprüfung, Kundenkommunikation oder Vertragsbearbeitung gehören inzwischen zu den klassischen Anwendungsfeldern generativer KI. Bereits heute unterstützen KI-Systeme menschliche Sachbearbeiter bei der Schadenregulierung, analysieren Dokumente in Sekunden oder formulieren standardisierte Kundenantworten.
Natürlich gibt es weiterhin berechtigte Vorbehalte. Viele Unternehmen zögern noch, KI vollständig autonom arbeiten zu lassen, weil Fehlerquoten, Haftungsfragen und regulatorische Risiken eine große Rolle spielen. Gerade in der Versicherungswirtschaft, wo Fehlentscheidungen schnell teuer werden können, gilt bislang oft noch das Prinzip der menschlichen Kontrolle.
Lügen die Versicherer?
Dass bisher keine konkreten Zahlen über mögliche zukünftige Entlassungen veröffentlicht werden, muss allerdings nicht zwangsläufig bedeuten, dass Versicherer die Öffentlichkeit bewusst täuschen. Wahrscheinlich wissen viele Unternehmen selbst noch nicht exakt, wie schnell sich agentische KI-Systeme tatsächlich durchsetzen werden und welche Prozesse sich am Ende wirklich vollständig automatisieren lassen. Die technologische Entwicklung verläuft derzeit so dynamisch, dass selbst Experten kaum belastbare Langfristprognosen abgeben können. Doch genau diese Unsicherheit dürfte eher eine Übergangsphase sein als ein dauerhafter Zustand.
Wird KI Arbeitsplätze in der Branche ersetzen?
KI-Systeme werden kontinuierlich leistungsfähiger, zuverlässiger und besser kontrollierbar. Mit jedem Entwicklungsschritt sinkt die Hemmschwelle, ihnen komplexere Aufgaben zu übertragen. Was heute noch als Assistenzsystem eingeführt wird, könnte morgen bereits große Teile eines Prozesses eigenständig übernehmen. Deshalb wirkt die Vorstellung zunehmend unrealistisch, dass es bei bloßer „Unterstützung“ bleiben wird. Wahrscheinlicher erscheint, dass viele Tätigkeiten mittelfristig zwar nicht vollständig verschwinden, aber mit deutlich weniger Personal erledigt werden können. Genau das würde erklären, warum Verdi inzwischen so offensiv warnt — und warum viele Beschäftigte der offiziellen Beschwichtigung offenbar nur noch begrenzt vertrauen.
Die entscheidende Frage ist daher vermutlich nicht mehr, ob KI Arbeitsplätze in der Versicherungsbranche verändern oder teilweise ersetzen wird. Die eigentliche Frage lautet eher, wie schnell dieser Wandel abläuft, wie sozialverträglich er gestaltet wird — und wie offen Unternehmen tatsächlich darüber sprechen.

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