Oliver Bäte spricht aus, was viele lieber verschweigen

„Wir wissen nicht, wer der Überlebende sein wird.“

Die Allianz treibt ihre KI-Strategie konsequent voran. Auf einer Presseveranstaltung in München sprach Vorstandschef Oliver Bäte nicht nur über neue Technologien und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Konzern, sondern auch ungewöhnlich offen über die Auswirkungen auf Arbeitsplätze.


„Endlich sagt es mal einer. Allianz-Chef Oliver Bäte spricht aus, worum sich viele Versicherer seit Jahren herumdrücken. Warum ich ihm dafür Respekt zolle, lest ihr weiter unten in meinem Kommentar …“

— Stephan von Heymann


Wie das Handelsblatt berichtet, setzt Europas größter Versicherer künftig noch stärker auf künstliche Intelligenz – sowohl im eigenen Unternehmen als auch im Vertrieb gegenüber den Kunden. Im Mittelpunkt steht dabei die Zusammenarbeit mit dem US-KI-Unternehmen Anthropic. Nach Angaben des Handelsblatts rechnet die Allianz damit, im nächsten Entwicklungsschritt Zugang zum neuen KI-Modell „Mythos“ zu erhalten. Bislang steht dieses Modell nur wenigen großen Unternehmen – insbesondere aus dem Bereich der kritischen Infrastruktur in den USA – zur Verfügung. Das Modell gilt als besonders leistungsfähig und soll unter anderem selbstständig Schwachstellen in IT-Systemen erkennen können. Gleichzeitig will sich die Allianz bewusst nicht von einem einzelnen Anbieter abhängig machen. IT-Vorständin Barbara Karuth-Zelle erklärte laut Handelsblatt, dass die IT-Landschaft des Konzerns so aufgebaut sei, dass jederzeit auf andere große Sprachmodelle gewechselt werden könne. Sollte ein Anbieter beispielsweise seine Preise deutlich erhöhen oder sich technisch anders entwickeln, könne die Allianz problemlos auf alternative KI-Systeme umsteigen.

Vorstandschef Oliver Bäte sieht die aktuelle Entwicklung rund um KI allerdings nicht nur als große Chance, sondern warnt gleichzeitig vor überzogenen Erwartungen am Markt.

Bäte zog dabei einen Vergleich zur Zeit der Dotcom-Blase Ende der 1990er-Jahre. Viele Unternehmen würden derzeit mit enormen Erwartungen bewertet, obwohl sich noch längst nicht entschieden habe, welche Geschäftsmodelle am Ende tatsächlich erfolgreich sein werden. Wörtlich sagte der Allianz-Chef:

Ein weiterer Schwerpunkt der KI-Strategie ist der Vertrieb. Nach Auffassung der Allianz müssen Versicherer künftig dort präsent sein, wo sich Kunden informieren – nämlich direkt in Sprachmodellen wie ChatGPT oder Claude. In Spanien hat Allianz Direct bereits eine entsprechende Integration gestartet. Kunden können sich dort innerhalb von ChatGPT zu Kfz-Versicherungen beraten lassen und werden anschließend für den Vertragsabschluss auf die Website des Versicherers weitergeleitet.

Nach Einschätzung von Oliver Bäte könnte sich dadurch der gesamte Versicherungsvertrieb verändern. Große Sprachmodelle würden langfristig klassische Vergleichsportale zunehmend ersetzen und für viele Kunden zum ersten Ansprechpartner bei Versicherungsfragen werden.

Mit dieser Entwicklung entstehen jedoch auch neue rechtliche Fragen. Wer haftet eigentlich, wenn ein KI-System falsche Empfehlungen ausspricht oder fehlerhafte Informationen liefert?

Für Oliver Bäte ist die Antwort eindeutig:

„Die Anbieter der Sprachmodelle sind haftbar. Sie behaupten, sie seien es nicht, aber sie sind es.“

Gerade bei sensiblen Themen wie Gesundheitsfragen dürfe sich ein KI-Anbieter nach Ansicht des Allianz-Chefs nicht mit einem einfachen „Ups, das war wohl falsch.“ aus der Verantwortung ziehen.

Doch die KI-Transformation verändert nicht nur den Vertrieb, sondern auch die Organisation innerhalb des Konzerns. Wie viele weitere Stellen durch den Einsatz von KI künftig wegfallen könnten, wollte Oliver Bäte nicht beziffern. Er machte jedoch deutlich, dass sich Tätigkeiten und Berufsbilder nachhaltig verändern werden. Es werde Bereiche geben, in denen künftig weniger Mitarbeiter benötigt würden, während an anderer Stelle neue Aufgaben entstünden.

Besonders deutlich wurde der Allianz-Chef mit einer Aussage, die in der Versicherungsbranche für Aufmerksamkeit sorgen dürfte:

„Wir können unseren Mitarbeitern nicht versprechen, dass sie ihren jetzigen Job behalten. Wir werden aber diejenigen unterstützen, die bereit sind, sich weiterzuentwickeln und in sich selbst zu investieren.“

Abschließend zeichnete Bäte auch ein eher düsteres Bild für den Wirtschaftsstandort Europa. Geopolitische Konflikte, steigende Energiepreise und schleppende Reformen könnten dazu führen, dass Europa im internationalen Wettbewerb weiter zurückfällt. Deutschland drohe im schlimmsten Fall zu einer Art „Run-off-Wirtschaft“ zu werden – einem Markt, in dem vor allem bestehende Strukturen verwaltet werden, anstatt neues Wachstum zu schaffen. Gerade bei Zukunftstechnologien wie der Künstlichen Intelligenz entstünden die entscheidenden Innovationen derzeit überwiegend in den USA.


💬 Meine Meinung

Ich muss ehrlich sagen: Danke, Oliver Bäte.

Nicht dafür, dass Arbeitsplätze wegfallen werden. Das ist für die Betroffenen alles andere als eine gute Nachricht. Sondern dafür, dass endlich einmal ein Vorstandschef ausspricht, was viele in der Versicherungsbranche seit Jahren wissen – sich aber kaum jemand öffentlich zu sagen traut.

Wie oft habe ich auf Kongressen, Messen, bei Podiumsdiskussionen oder in LinkedIn-Beiträgen dieselbe Geschichte gehört?

„KI unterstützt nur den Menschen.“

„Human in the Loop.“

„Wir haben doch Fachkräftemangel.“

„Die KI hilft uns lediglich dabei, den demografischen Wandel aufzufangen.“

Ganz ehrlich? Diese Erzählung war noch nie die ganze Wahrheit!

Natürlich wird künstliche Intelligenz Prozesse beschleunigen. Natürlich wird sie Mitarbeitende entlasten. Natürlich entstehen neue Berufsbilder. Aber gleichzeitig werden sehr viele Tätigkeiten schlicht nicht mehr gebraucht.

Und genau das spricht Oliver Bäte endlich offen an.

Besonders bemerkenswert finde ich seinen Satz, dass niemandem versprochen werden könne, seinen heutigen Arbeitsplatz zu behalten. Ja, er nimmt die Schärfe sofort wieder etwas heraus und ergänzt, man werde diejenigen unterstützen, die bereit seien, sich weiterzuentwickeln und in sich selbst zu investieren.

Das ist richtig. Aber seien wir doch realistisch.

Nicht jeder Sachbearbeiter wird morgen KI-Spezialist. Nicht jeder Mitarbeiter im Callcenter wird Projektleiter. Und schon gar nicht kann jeder in eine Führungsposition wechseln. Denn wenn Unternehmen durch KI insgesamt mit weniger Personal auskommen, dann wird auch an der Spitze die Luft dünner. Wo weniger Menschen beschäftigt sind, braucht es zwangsläufig auch weniger Teamleiter, weniger Abteilungsleiter und weniger Führungskräfte.

Seit Jahren erzählt uns die Branche, KI werde in erster Linie den Fachkräftemangel lösen. Das mag in einzelnen Bereichen stimmen. Aber langfristig geht es um etwas anderes: um Produktivität. Und höhere Produktivität bedeutet eben häufig auch geringeren Personalbedarf.

Deshalb verdient Oliver Bäte meinen Respekt.

Nicht, weil seine Botschaft angenehm ist.

Sondern weil sie ehrlich ist.

Vielleicht wäre genau diese Ehrlichkeit bei vielen anderen Versicherern längst überfällig. Statt die Debatte mit wohlklingenden Schlagworten zu beruhigen, sollten wir offen darüber sprechen, wie KI unsere Arbeitswelt tatsächlich verändern wird.

Denn eines ist sicher: Der Wandel hat längst begonnen. Und wer heute noch glaubt, die Versicherungsbranche werde davon verschont bleiben, macht sich etwas vor.


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