Wachsende Angst um Arbeitsplätze in der Versicherungsbranche

Die Angst vor dem großen Stellenabbau ist längst angekommen Während Vorstände von Produktivität sprechen, sprechen viele Beschäftigte von Unsicherheit. Kaum eine Branche erlebt die Einführung Künstlicher Intelligenz derzeit so intensiv wie die Versicherungswirtschaft. Schadenbearbeitung, Kundenservice, Vertragsmanagement oder Risikoprüfung – nahezu jeder Kernprozess eines Versicherers wird inzwischen auf KI-Potenziale untersucht. Die Frage, die viele Beschäftigte beunruhigt, […]

Die Angst vor dem großen Stellenabbau ist längst angekommen

Während Vorstände von Produktivität sprechen, sprechen viele Beschäftigte von Unsicherheit. Kaum eine Branche erlebt die Einführung Künstlicher Intelligenz derzeit so intensiv wie die Versicherungswirtschaft. Schadenbearbeitung, Kundenservice, Vertragsmanagement oder Risikoprüfung – nahezu jeder Kernprozess eines Versicherers wird inzwischen auf KI-Potenziale untersucht. Die Frage, die viele Beschäftigte beunruhigt, lautet jedoch nicht, wie leistungsfähig die Technologie ist. Sie lautet: Wird mein Arbeitsplatz in fünf Jahren noch existieren?

Eine aktuelle Befragung der Gewerkschaft ver.di zeigt, wie groß die Verunsicherung inzwischen geworden ist. Nach Angaben von ver.di verbinden mehr als 40 Prozent der Beschäftigten in der Versicherungsbranche die Einführung von Künstlicher Intelligenz mit Ängsten um ihren Arbeitsplatz. Gleichzeitig berichten acht von zehn Befragten, dass sie bislang keine Verringerung ihres Arbeitspensums durch KI spüren. Fast neun von zehn sehen keine Entlastung vom täglichen Arbeitsdruck. Ver.di veröffentlichte diese Ergebnisse am 19. Juni 2026 unter dem Titel „Viel KI, doch bisher wenig Entlastung“. Die Gewerkschaft stützt sich dabei auf eine groß angelegte Befragung von Beschäftigten der Branche. Nach Angaben von ver.di nahmen daran mehr als 8.000 Beschäftigte teil. Die Gewerkschaft selbst weist allerdings darauf hin, dass die Untersuchung nicht repräsentativ im wissenschaftlichen Sinn ist. Dennoch handelt es sich derzeit um die umfangreichste öffentlich bekannte Erhebung speziell unter Beschäftigten der deutschen Versicherungswirtschaft.

Die Ergebnisse treffen auf eine Branche, die sich mitten in einem grundlegenden Umbau befindet. Versicherer investieren seit Jahren massiv in Automatisierung und KI. Nach einer Untersuchung von Deloitte und dem InsurTech Hub Munich sehen die Unternehmen das größte Potenzial derzeit im Schadenmanagement und im Vertragsmanagement. Dort lassen sich Dokumente automatisiert auswerten, Schäden vorprüfen und Standardvorgänge ohne menschliches Eingreifen bearbeiten. Deloitte berichtete Ende 2024, dass bereits fast die Hälfte der befragten Versicherer in diese Bereiche investiert.

Dass die Sorgen der Beschäftigten nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigen konkrete Unternehmensentscheidungen. Besonders aufmerksam verfolgt wurde Anfang 2026 die Ankündigung der ERGO-Gruppe, bis zum Jahr 2030 rund 1.000 Stellen abzubauen. Unternehmen und Arbeitnehmervertreter betonten zwar übereinstimmend, dass dies vor allem über natürliche Fluktuation, Vorruhestand und Umschulungen erfolgen solle. Dennoch gilt die Entscheidung vielen Beschäftigten als Vorbote eines strukturellen Wandels. Darüber berichteten unter anderem das Handelsblatt sowie Fachmedien der Versicherungswirtschaft. Parallel berichtete Reuters Ende 2025 über Pläne bei Allianz Partners, weltweit zwischen 1.500 und 1.800 Stellen abzubauen. Besonders betroffen seien Tätigkeiten in Callcentern und der telefonischen Schadenbearbeitung. Diese Berichte verstärkten die Wahrnehmung vieler Beschäftigter, dass KI nicht nur Arbeitsprozesse verändert, sondern langfristig auch Beschäftigung reduzieren könnte.

Bemerkenswert ist dabei ein Widerspruch, der sich durch nahezu alle Untersuchungen zieht. Während Gewerkschaften und Beschäftigtenbefragungen vor allem Unsicherheit messen, kommen Unternehmensstudien häufig zu deutlich optimistischeren Ergebnissen.

So veröffentlichte Allianz Research im Juli 2024 eine Analyse zu den Auswirkungen generativer KI auf die Versicherungswirtschaft. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Befürchtungen eines massenhaften Arbeitsplatzverlustes „überzogen“ seien. Ihrer Einschätzung nach wird KI zwar zahlreiche Tätigkeiten verändern, aber nicht zwangsläufig zu einem dramatischen Beschäftigungseinbruch führen. Vielmehr könnten Produktivitätsgewinne helfen, die Folgen des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels abzufedern.

Auch internationale Arbeitnehmerbefragungen zeichnen ein differenzierteres Bild. In der globalen „Workforce Hopes and Fears Survey 2025“ von PwC erklärten 50 Prozent der Beschäftigten im Finanzsektor, KI könne ihre Arbeitsplatzsicherheit sogar erhöhen. Über alle Branchen hinweg lag dieser Wert lediglich bei 38 Prozent. PwC argumentiert, dass viele Beschäftigte KI zunehmend als Werkzeug wahrnehmen, das ihre Produktivität steigern kann.

Gleichzeitig zeigen andere Studien, dass die Angst vor Arbeitsplatzverlusten keineswegs auf die Versicherungsbranche beschränkt ist. Im European AI Barometer von EY gaben 70 Prozent der befragten Beschäftigten in Deutschland an, dass sie davon ausgehen, KI werde generell Arbeitsplätze vernichten. 36 Prozent äußerten konkrete Sorgen um ihren eigenen Arbeitsplatz.

Besonders betroffen von den Veränderungen dürften nach Einschätzung vieler Experten standardisierte Tätigkeiten sein. Dazu zählen vor allem die telefonische Kundenbetreuung, die Bearbeitung einfacher Schadensfälle sowie dokumentenintensive Backoffice-Prozesse. Weniger eindeutig ist die Lage bei hochqualifizierten Berufsgruppen wie Underwriting, Aktuariat oder Produktentwicklung. Dort erwarten viele Studien eher eine Verschiebung der Aufgaben als eine vollständige Verdrängung menschlicher Arbeit. Eine internationale Untersuchung von Accenture unter 430 Führungskräften im Underwriting kommt sogar zu dem Ergebnis, dass 81 Prozent der Befragten neue Berufsbilder durch KI erwarten und 65 Prozent vor allem einen steigenden Weiterbildungsbedarf sehen.

Die eigentliche Konfliktlinie verläuft deshalb möglicherweise nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen zwei unterschiedlichen Vorstellungen von Transformation. Unternehmen sehen in KI vor allem ein Mittel gegen Fachkräftemangel, steigende Kosten und wachsende regulatorische Anforderungen. Beschäftigte erleben dagegen häufig, dass neue Technologien eingeführt werden, ohne dass sich Arbeitsdruck oder Arbeitsmenge verringern.

Genau an diesem Punkt setzt die aktuelle Tarifdebatte zwischen ver.di und dem Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen an. Die Gewerkschaft fordert verbindliche Regeln für Qualifizierung, Mitbestimmung und Beschäftigungssicherung. Dahinter steht die Erkenntnis, dass die größte Unsicherheit vieler Beschäftigter nicht aus der Technologie selbst entsteht, sondern aus der Frage, wie Unternehmen mit den Folgen ihres Einsatzes umgehen werden.

Die derzeit verfügbare Evidenz spricht daher weder für ein Szenario des massenhaften Arbeitsplatzsterbens noch für die beruhigende These, KI werde ausschließlich entlasten. Was sich jedoch bereits heute sagen lässt: Die Verunsicherung in den Belegschaften der Versicherungswirtschaft ist real. Mehr als 40 Prozent der Beschäftigten geben an, dass KI Ängste um ihren Arbeitsplatz auslöst. Das allein macht die Debatte längst zu einer sozialen und politischen Frage – und nicht mehr nur zu einer technologischen.


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