Rentenfaktor unter Beschuss

Neue Klagen gegen Versicherer setzen Branche unter Druck Ein Urteil des Bundesgerichtshofs bringt Bewegung in die private Altersvorsorge. Neue Klagen gegen große Versicherer könnten weitreichende Folgen für viele Verträge haben. Der Streit um Rentenkürzungen in fondsgebundenen Lebensversicherungen spitzt sich zu. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat laut eigener Pressemitteilung neue Klagen gegen die Allianz Lebensversicherungs-AG und die […]

Neue Klagen gegen Versicherer setzen Branche unter Druck

Ein Urteil des Bundesgerichtshofs bringt Bewegung in die private Altersvorsorge. Neue Klagen gegen große Versicherer könnten weitreichende Folgen für viele Verträge haben.

Der Streit um Rentenkürzungen in fondsgebundenen Lebensversicherungen spitzt sich zu. Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat laut eigener Pressemitteilung neue Klagen gegen die Allianz Lebensversicherungs-AG und die R+V Lebensversicherung AG eingereicht. Verhandelt wird demnach vor den Oberlandesgerichten Stuttgart und Frankfurt am Main. Im Zentrum steht erneut eine unscheinbare, aber entscheidende Größe: der Rentenfaktor.

Warum der Rentenfaktor so wichtig ist

Der Rentenfaktor legt fest, wie viel monatliche Rente Versicherte pro 10.000 Euro angespartem Kapital erhalten. Schon kleine Veränderungen können große Auswirkungen haben – vor allem dann, wenn Versicherer den Faktor nachträglich absenken.

Ein Beispiel des Finanz-Portals Finanztip zeigt die Dimension:
Bei einem Vertragsguthaben von 100.000 Euro ergibt ein Rentenfaktor von 30 rund 300 Euro monatliche Rente. Sinkt der Faktor auf 20, bleiben nur noch 200 Euro pro Monat. Bis zum 80. Lebensjahr summiert sich das auf rund 15.000 Euro weniger, bis zum 90. Lebensjahr auf etwa 28.000 Euro.

Noch deutlicher wird der Effekt beim Blick auf die Lebensdauer:
Um die eigenen 100.000 Euro überhaupt wieder vollständig als Rente zurückzuerhalten, müsste eine versicherte Person nach einer Rechnung von Finanztip bei einem Rentenfaktor von 30 etwa 94,8 Jahre alt werden. Liegt der Faktor nur bei 20, verschiebt sich dieser Punkt auf rund 108,7 Jahre – jeweils ohne Berücksichtigung von Rentensteigerungen.

Wie hoch sind die Rentenfaktoren?

Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Je nach Tarif und Laufzeit liegen viele aktuelle Rentenfaktoren im Bereich der mittleren 20er-Werte pro 10.000 Euro Kapital. Die garantierten Faktoren, die eine vertraglich fest zugesicherte Untergrenze darstellen, fallen häufig deutlich niedriger aus.

Gerade deshalb wirken sich nachträgliche Kürzungen besonders stark aus: Schon wenige Punkte weniger können die spätere Rente deutlich reduzieren.

Das BGH-Urteil als Wendepunkt

Auslöser der aktuellen Entwicklung ist ein Urteil des Bundesgerichtshof vom Dezember 2025. Die Richter erklärten eine Klausel der Allianz in fondsgebundenen Riester-Renten für unwirksam.

Der Grund: Die Regelung erlaubte zwar eine Absenkung des Rentenfaktors, verpflichtete den Versicherer aber nicht dazu, ihn bei besseren Rahmenbedingungen wieder zu erhöhen. Genau diese fehlende Ausgewogenheit – Juristen sprechen vom „Symmetriegebot“ – wurde zum entscheidenden Punkt.

Neue Klagen, gleiche Grundproblematik

Die jetzt angegriffenen Klauseln unterscheiden sich zwar im Wortlaut. Nach Auffassung der Verbraucherschützer verfolgen sie jedoch das gleiche Prinzip: Sie eröffnen Spielräume für Rentenkürzungen, ohne einen echten Ausgleich für Versicherte sicherzustellen.

Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat nach eigenen Angaben bisher etwa 160 Verträge geprüft. Ihrer Einschätzung nach handelt es sich nicht um Einzelfälle. Laut Verbraucherzentrale könnten Bundesweit eine hohe sechs- oder sogar siebenstellige Zahl von Verträgen betroffen sein.

Branche insgesamt im Fokus

Der Konflikt beschränkt sich nicht auf Allianz und R+V. Bereits zuvor hatte das Landgericht Köln eine ähnliche Klausel der Zurich für unwirksam erklärt. Weitere Verfahren gegen die AXA und gegen die LPV Lebensversicherung (ehemals Postbank Lebensversicherung) bereitet laut eigenen Angaben die Verbraucherzentrale NRW vor.

Damit wird zunehmend klar: Es geht nicht um einzelne Vertragsdetails, sondern auch um die Glaubwürdigkeit der Branche.

Branche zusätzlich unter Reformdruck

Die juristischen Auseinandersetzungen treffen die Versicherer in einer Phase grundlegender politischer Veränderungen. Der Deutsche Bundestag hat mit dem Altersvorsorgereformgesetz beschlossen, die bisherige Riester-Rente ab 2027 durch ein neues staatlich gefördertes Modell zu ersetzen.

Geplant ist unter anderem ein Kostendeckel von einem Prozent, der die Gebühren deutlich begrenzen soll. Gleichzeitig soll ein staatlich organisiertes Standardprodukt eingeführt werden, das als günstige und transparente Alternative zu klassischen Versicherungsprodukten gedacht ist.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband begrüßte die Reform ausdrücklich. Vorständin Ramona Pop bezeichnete die Einigung als „Meilenstein für Verbraucherinnen und Verbraucher und ein guter Tag für alle, die privat vorsorgen müssen“. Besonders das geplante Standardprodukt bewertet sie als Fortschritt: „Endlich wird es ein Standardprodukt für alle geben, das kostengünstig und renditestark sein soll.“

Für die Versicherungsbranche bedeutet dies eine doppelte Herausforderung: Einerseits geraten bestehende Vertragsmodelle – wie aktuell beim Rentenfaktor – juristisch unter Druck. Andererseits wächst durch Reformen der politische und wettbewerbliche Druck, kostengünstigere und verständlichere Produkte anzubieten.

Was Versicherte jetzt tun sollten

Für Verbraucher bedeutet die Entwicklung vor allem eines: genau hinschauen. Betroffen sind vor allem fondsgebundene Rentenversicherungen, bei denen der Rentenfaktor zwar genannt, aber zugleich veränderbar ausgestaltet wurde.

Wurde der Rentenfaktor bereits gesenkt, kann sich eine Prüfung lohnen. In bestimmten Fällen kommen eine Neuberechnung der Rente und mögliche Nachzahlungen in Betracht – allerdings immer abhängig vom konkreten Vertrag.

Ein Urteil mit Signalwirkung

Das Urteil des Bundesgerichtshofs ist vermutlich kein Einzelfall, sondern eher der Auftakt zu einer breiteren juristischen Klärung. Die kommenden Entscheidungen könnten maßgeblich darüber bestimmen, wie verlässlich Rentenzusagen in der privaten Altersvorsorge tatsächlich sind.

Für viele Versicherte steht dabei mehr auf dem Spiel als eine abstrakte Kennzahl – nämlich die Höhe ihrer späteren Altersrente.


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