Altersvorsorge im Umbruch

Lebensversicherungen verlieren an Relevanz

Die Lebensversicherung war über Jahrzehnte das Fundament der privaten Altersvorsorge in Deutschland. Garantien, staatliche Förderung und ein engmaschiges Vertriebsnetz machten sie zum Standardprodukt für Millionen Sparer. Doch dieses Modell gerät zunehmend unter Druck – durch veränderte Erwartungen junger Generationen ebenso wie durch politische Reformpläne, die das Geschäftsmodell der Versicherer grundlegend infrage stellen.

Einer Studie von Capgemini und LIMRA zufolge stehen 45 Prozent der unter 40-Jährigen klassischen Lebensversicherungen ablehnend gegenüber. Als Gründe nennen sie vor allem hohe Kosten, komplexe Produktstrukturen und eine geringe Passung zu modernen Lebensentwürfen, erklärt Klaus Thummert, Senior Director bei Capgemini Invent.

Generation Z stellt alte Versprechen infrage

Vor allem junge Erwachsene begegnen klassischen Lebensversicherungen mit wachsender Skepsis. Für die Generation Z stehen Flexibilität, Transparenz und digitale Zugänglichkeit im Vordergrund. Langfristige Verträge mit komplexen Kostenstrukturen, schwer nachvollziehbaren Renditeaussichten und eingeschränkter Verfügbarkeit passen immer weniger zu Lebensentwürfen, die von Mobilität, wechselnden Erwerbsbiografien und digitaler Selbstverwaltung geprägt sind.

Zwar halten viele junge Menschen Altersvorsorge grundsätzlich für wichtig – doch sie erwarten Produkte, die sich an ihr Leben anpassen und nicht umgekehrt. Kapitalmarktorientierte Lösungen wie ETF-Sparpläne erscheinen verständlicher, günstiger und kontrollierbarer als klassische Policen mit Garantielogik und langen Bindungsfristen.

Politik verschärft den Strukturwandel

Parallel zu diesem gesellschaftlichen Wandel greift nun auch die Politik stärker in den Vorsorgemarkt ein. Mit der geplanten Riesterreform 2027 will der Gesetzgeber die staatlich geförderte Altersvorsorge neu ausrichten – und setzt dabei im Gesetzesentwurf klare Kostengrenzen, die in der Versicherungswirtschaft erhebliche Bauchschmerzen auslösen.

Kostendeckel: Die politische Zäsur

Das umstrittenste Element der Reform ist der neue Kostendeckel von maximal 1,5 Prozent jährlich im sogenannten Standarddepot.

Zusätzlich soll die Zillmerung abgeschafft werden: Abschlusskosten dürfen künftig nicht mehr zu Vertragsbeginn verrechnet werden, sondern müssen linear über die gesamte Vertragslaufzeit verteilt werden. Für Versicherer – und insbesondere für Vermittler – ist das ein massiver Einschnitt. Ein zentrales Element der bisherigen Geschäftsmodelle verliert damit seine Grundlage.

Ein weiterer Punkt in der Reformdiskussion betrifft die Auszahlphase: Anders als bei der klassischen Riester-Rente soll die geförderte Altersvorsorge künftig nicht mehr zwingend lebenslang verrentet werden müssen, sondern auch Auszahlungslösungen bis etwa zum 85. Lebensjahr zulässig sein, Was die bisherigen Produkte der Versicherer zusätzlich schwächt.

In der Versicherungsbranche wird der Reformentwurf daher vielfach als Reaktion auf die aus Sicht der Politik enttäuschenden Erfahrungen aus über zwei Jahrzehnten Riester-Rente verstanden. Nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) wurden seit Einführung der Riester-Rente in Deutschland etwa 20 Millionen Verträge abgeschlossen. Heute bestehen davon noch rund 15 Millionen, von denen etwa ein Viertel nicht mehr aktiv bespart wird, während ca. 5 Millionen Verträge im Laufe der Jahre vollständig gekündigt wurden.

Hohe Kosten, komplexe Produktkonstruktionen und enttäuschte Sparer haben das Vertrauen in das System erodieren lassen. Nun zahlt die Politik ihre Frustration scheinbar gewissermaßen in barer Münze zurück. Die Zeiten hoher Provisionen und üppiger Kostenstrukturen in der geförderten Altersvorsorge sind vorbei.

Kostenvergleich verschärft den Wettbewerbsdruck

Wie tiefgreifend dieser Eingriff ist, zeigt der direkte Vergleich mit reinen Kapitalmarktlösungen. ETF-Sparpläne verursachen im Durchschnitt laufende Kosten von etwa 0,2 bis 0,4 Prozent pro Jahr, bei besonders günstigen Indexfonds teils sogar deutlich weniger. Klassische Vertriebskosten spielen dort kaum eine Rolle, da viele Sparpläne digital und ohne provisionsbasierten Verkauf abgeschlossen werden.

Während Versicherer bei einem Gesamtkostenrahmen von 1,5 Prozent bereits an wirtschaftliche Grenzen stoßen – insbesondere wenn Verwaltung und Vertrieb berücksichtigt werden –, stellt dieser Kostendeckel für Investmentdepots kein strukturelles Problem dar. Der politische Eingriff wirkt damit wie ein Beschleuniger eines ohnehin laufenden Trends: weg von komplexen Versicherungsprodukten, hin zu schlanken, kosteneffizienten Kapitalmarktlösungen.

Honorarberatung als möglicher neuer Beratungsweg?

Vor diesem Hintergrund rückt ein Ansatz in den Fokus, den die Branche lange nur zögerlich diskutiert hat: Honorarberatung. Wenn Abschlussprovisionen politisch begrenzt oder wirtschaftlich unattraktiv werden, könnte eine direkte Vergütung der Beratungsleistung neue Perspektiven eröffnen.

Ein honorarbasiertes Modell würde:

  • Vermittler transparent und fair für ihre tatsächliche Beratungsarbeit entlohnen
  • Kunden produktunabhängige Empfehlungen ermöglichen
  • Beratung auch bei standardisierten, provisionsarmen Vorsorgedepots sicherstellen

Gerade im Kontext neuer Riester-Produkte könnte Honorarberatung dazu beitragen, dass Beratung nicht verschwindet, sondern sich strukturell neu aufstellt – ohne versteckte Kosten in langfristigen Verträgen.

Das letzte große Argument der Versicherer: das Langlebigkeitsrisiko

Angesichts dieser Entwicklungen verweist die Versicherungswirtschaft zunehmend auf ihr aus Sicht der Branche letztes wirklich schlüssiges Alleinstellungsmerkmal: das Langlebigkeitsrisiko. Gemeint ist die Gefahr, dass Menschen länger leben als erwartet und ihr Kapital im Alter aufbrauchen. Dieses Risiko, so das Argument, könne nur durch Lebens- und Rentenversicherungen über kollektive Ausgleichssysteme und lebenslange Rentenzahlungen abgesichert werden.

Tatsächlich war dies lange ein zentrales Argument für klassische Rentenversicherungen. Doch auch dieses Narrativ beginnt zu bröckeln.

Steigende Lebenserwartung wird zur Herausforderung für die Anbieter

Denn die stetig zunehmende Lebenserwartung stellt Versicherer selbst vor erhebliche kalkulatorische Probleme. Die Entwicklung der Sterbetafeln zeigt seit Jahren eindeutig: Menschen werden älter – teils deutlich älter als frühere Annahmen es vorgesehen haben. Was gesellschaftlich ein Erfolg ist, wird für Versicherer zur wachsenden Belastung.

Bereits heute reagieren Anbieter mit:

  • sinkenden Rentenfaktoren
  • vorsichtigeren Kalkulationsannahmen
  • steigenden Eigenkapitalanforderungen

Mittelfristig dürfte es für Versicherer immer schwieriger werden, das Langlebigkeitsrisiko dauerhaft in der bisherigen Form zu tragen, insbesondere vor dem Hintergrund niedriger Kapitalmarktrenditen. Erste Anzeichen dieser Entwicklung sind bereits sichtbar – und die langfristigen Projektionen der Sterbetafeln sprechen eine klare Sprache.

Ein Alleinstellungsmerkmal mit begrenzter Haltbarkeit

Damit stellt sich eine unbequeme Frage: Wenn selbst Versicherer das Langlebigkeitsrisiko nur noch unter immer restriktiveren Bedingungen absichern können, wie tragfähig ist dieses Argument langfristig noch?

Auf Sicht der kommenden Jahrzehnte dürfte das vermeintliche Alleinstellungsmerkmal der lebenslangen Rente an Überzeugungskraft verlieren – insbesondere für jüngere Generationen, die stärker auf Kostenkontrolle, Flexibilität und Kapitalverfügbarkeit achten. Das Risiko der Langlebigkeit verschwindet nicht, doch es ist fraglich, ob es dauerhaft noch über klassische Versicherungsprodukte effizient und attraktiv abgebildet werden kann.


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