Altersvorsorge-Reform: Der 27. MCC-Kongress „Zukunftsmarkt AltersVorsorge“ fand am 17. und 18. März 2026 in Berlin statt
Beim MCC-Kongress zur Altersvorsorge prallen die Positionen von Verbraucherschützern und Vermittlern frontal aufeinander. Während Finanztip-Chef Hermann-Josef Tenhagen einen drastisch niedrigeren Kostendeckel fordert, warnt der BVK vor massiven Folgen für Beratung und Vertrieb. Vieles deutet darauf hin: Die Politik könnte den Deckel tatsächlich deutlich senken.
Streitpunkt Kosten: 1,5 Prozent wohl vom Tisch
Die Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge nimmt weiter Fahrt auf – und mit ihr die Debatte um die zulässigen Kosten. Ein ursprünglich diskutierter Kostendeckel von 1,5 Prozent scheint nach Einschätzung von Finanztip-Chef Hermann-Josef Tenhagen kaum noch haltbar.
Auf dem MCC-Kongress „Zukunftsmarkt Altersvorsorge“ in Berlin machte Tenhagen deutlich:
„Die 1,5 Prozent sind eigentlich weg.“
Er verwies dabei auf die jüngste Anhörung im Finanzausschuss und das dort erkennbare politische Stimmungsbild.
Tenhagen: 0,5 Prozent als neue Zielmarke
Für Tenhagen ist die Richtung klar: Der Kostendeckel müsse deutlich niedriger liegen – idealerweise bei 0,5 Prozent. Seine Begründung: Die Realität der Kapitalmärkte habe sich verändert.
Günstige ETF-Lösungen mit Kosten von teils unter 0,2 Prozent hätten die Erwartungen der Anleger verschoben. Ein deutlich höherer Kostensatz sei aus Verbrauchersicht kaum vermittelbar.
Tenhagen untermauerte seine Kritik mit einer Beispielrechnung: Bereits ein Prozentpunkt höhere Kosten können die spätere Rente um rund 75.000 Euro schmälern. Aus seiner Sicht ein strukturelles Problem des Systems. „Beim Sparer kommt zu wenig an – ein erheblicher Teil versickert in den Kostenstrukturen“, so der Finanztip-Chef. Entsprechend kritisch sieht er auch die staatliche Förderung: Es sei schwer vermittelbar, dass ein subventioniertes Vorsorgemodell mit derart hohen Kosten belastet werde.
Für Tenhagen ein zentrales Argument:
„Es landet zu wenig beim Sparer.“
BVK widerspricht: Gefahr für Beratung
Deutlich anders bewertet der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) die Lage. NRW-Landeschef Ludger Tillmann warnte vor einem zu niedrigen Kostendeckel – und dessen Folgen für die Branche.
Sein Kernargument: Die oft kritisierten Kosten kämen nicht in erster Linie bei Vermittlern an. Die tatsächliche Vergütung sei über Jahrzehnte gestreckt und vergleichsweise gering.
Zugleich stellte er klar:
„Wir können nicht im karitativen Auftrag unterwegs sein.“
Vor allem sieht der BVK die qualifizierte Beratung in Gefahr. Ohne ausreichende Vergütung drohe ein Rückgang des Angebots – mit direkten Folgen für die Altersvorsorge insgesamt.
Tillmann betonte, dass eine gute Beratung erhalten bleiben müsse. Sie sei wichtig, weil viele Menschen bei der Altersvorsorge unsicher sind und das Thema als kompliziert empfinden. Reine Online-Angebote, wie sie beim geplanten Standardprodukt vorgesehen sind, würden seiner Meinung nach nicht ausreichen. „Digitale Ladentheken lösen keinen Impuls aus, sich um die eigene Vorsorge zu kümmern.“ Stattdessen müssten Altersvorsorgeprodukte aktiv vermittelt und erklärt werden.
Grundsatzfrage: Braucht das Standardprodukt Beratung?
Im Kern geht es um eine grundlegende Frage, die in der Debatte bislang nur angerissen wurde:
Wie viel Beratung braucht ein standardisiertes Altersvorsorgeprodukt überhaupt?
- Der BVK betont die Notwendigkeit persönlicher Ansprache und aktiver Beratung
- Tenhagen setzt auf einfache, digitale Lösungen und eigenständige Entscheidungen der Kunden
Diese unterschiedlichen Weltbilder prägten auch die Diskussion in Berlin – ohne dass eine Annäherung erkennbar wurde.
Politik signalisiert Bewegung
Entscheidend wird nun das parlamentarische Verfahren. Und hier verdichten sich die Hinweise, dass der Kostendeckel tatsächlich gesenkt wird:
- Aus dem Bundesfinanzministerium heißt es, es werde „noch Bewegung“ geben
- Auch innerhalb der SPD-Fraktion gibt es entsprechende Signale
- Der Bundesrat fordert bereits maximal 0,5 Prozent
Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Forderung der Verbraucherschützer zumindest teilweise durchsetzt.
Die Festlegung des Kostendeckels dürfte zu einer der zentralen Weichenstellungen der Reform werden.
- Niedriger Deckel: Mehr Effizienz und höhere Renditechancen für Sparer
- Höherer Deckel: Sicherung von Beratung und Vertriebsstrukturen
Die politische Entscheidung wird damit nicht nur ein Detail der Reform sein – sondern ein Signal für die zukünftige Ausrichtung der privaten Altersvorsorge in Deutschland.
Mein Kommentar:
Nun ja, der BVK hat in den vergangenen Wochen und Tagen bereits ordentlich mit den Flügeln geschlagen und sich vehement gegen den geplanten Kostendeckel von 1,5 % positioniert. Die Kernaussage dabei ist klar: Ein solcher Deckel mache eine provisionsbasierte Beratung – und damit aus Sicht des BVK eine breite Versicherungsberatung für das sogenannte Standarddepot – praktisch unmöglich. Innerhalb dieses Kostenrahmens sei es schlicht nicht mehr darstellbar, Vermittler über Courtagen und Provisionen angemessen zu vergüten.
Der Verbraucherschutz argumentiert jedoch aus einer völlig anderen Perspektive. Angesichts der heute marktüblichen Kosten von ETF-Sparplänen erscheint ein Kostendeckel von 1,5 % dort nicht nur ausreichend, sondern sogar deutlich zu hoch angesetzt. Vielmehr wird gefordert, dass auch 0,5 % realistisch und angemessen seien. Tatsächlich liegen viele ETF-Sparpläne bereits heute deutlich unter dieser Marke. In diesem Zusammenhang wurde auch betont, dass die 1,5 % ursprünglich eher ein politisches Zugeständnis an Banken und Versicherungen gewesen seien – und nicht das Ergebnis einer konsequent verbraucherorientierten Kalkulation.
Das verdeutlicht zugleich, wie weit die Forderung des BVK, den Kostendeckel sogar noch anheben zu wollen, von der aktuellen Marktrealität entfernt ist.
Zugleich ist die Debatte nicht frei von Widersprüchen. Kritiker weisen darauf hin, dass auch verbrauchernahe Plattformen wie Finanztip mit ETF-Sparplänen und entsprechenden Affiliate-Modellen Geld verdienen. Dennoch bleibt der zentrale Punkt bestehen: Die Belastung für den Sparer ist entscheidend. Beispielrechnungen haben bereits mehrfach gezeigt, wie stark sich Kosten über lange Laufzeiten auf die Rendite auswirken können. Ein Kostendeckel von 1,5 % – oder gar darüber hinaus – führt hier zu erheblichen Einbußen, die aus Sicht vieler kaum zu rechtfertigen sind.
Auch das Argument, man müsse Altersvorsorge „verkaufen“, weil sie sonst nicht nachgefragt werde, greift aus meiner Sicht zu kurz. Selbst wenn dem teilweise so sein mag, kann das nicht die Legitimation dafür sein, dauerhaft hohe Kostenstrukturen aufrechtzuerhalten, nur um provisionsbasierte Vertriebsmodelle zu sichern. Die Interessen der Sparer sollten hier klar im Vordergrund stehen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der die Position des BVK zusätzlich schwächt: Es ist wenig förderlich, dass der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) den Vermittlerverbänden faktisch in den Rücken fällt. Der GDV sucht seinerseits zunehmend den Schulterschluss mit der Politik und bringt verstärkt Modelle einer beratungsfreien Abwicklung ins Spiel. Dahinter steht offenkundig das Interesse, sich auch im Segment der Standardprodukte eigene Abschlusswege zu sichern und nicht gegenüber alternativen Vertriebsformen ins Hintertreffen zu geraten. Mit anderen Worten: Die Versicherungswirtschaft signalisiert ihre Bereitschaft, Produkte auch ohne provisionspflichtige Beratung anzubieten – um überhaupt einen Teil vom „Kuchen“ abzubekommen. Diese Entwicklung untergräbt die Argumentation des BVK zusätzlich, da sie zeigt, dass selbst innerhalb der Branche die Notwendigkeit klassischer Provisionsmodelle nicht mehr einheitlich vertreten wird.
Vor diesem Hintergrund wirkt das aktuelle Auftreten des BVK eher wie ein letztes politisches Signal nach innen. Einerseits will man gegenüber der Politik – sowohl in Berlin als auch auf europäischer Ebene – Präsenz zeigen und Einfluss nehmen. Andererseits richtet sich diese Aktivität vermutlich auch an die eigenen Mitglieder: als Zeichen, dass man sich engagiert und ihre Interessen vertritt.
Ob dieser Versuch jedoch Erfolg haben wird, erscheint fraglich. Angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussion wirkt es wenig realistisch, dass sich ein höherer Kostendeckel noch durchsetzen lässt. Vielmehr deutet vieles darauf hin, dass die Entwicklung in eine andere Richtung geht. Der Eindruck drängt sich daher auf, dass es dem BVK aktuell vor allem darum geht, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren – auch wenn das Ergebnis am Ende kaum noch in seinem Sinne ausfallen dürfte.


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