White-Label & Assekuradeure

White-Label, Assekuradeure und die stille Macht der Risikoträger: Ein Blick hinter die Kulissen eines zunehmend fragmentierten Marktes Die Digitalisierung hat die Wertschöpfungskette der Versicherungswirtschaft grundlegend verändert. Viele Produkte, die früher ausschließlich in den Produktabteilungen klassischer Versicherer entstanden, werden heute über Plattformen, Start-ups und spezialisierte Dienstleister entwickelt und vertrieben. Für Kundinnen und Kunden wirkt der Markt […]

White-Label, Assekuradeure und die stille Macht der Risikoträger: Ein Blick hinter die Kulissen eines zunehmend fragmentierten Marktes

Die Digitalisierung hat die Wertschöpfungskette der Versicherungswirtschaft grundlegend verändert. Viele Produkte, die früher ausschließlich in den Produktabteilungen klassischer Versicherer entstanden, werden heute über Plattformen, Start-ups und spezialisierte Dienstleister entwickelt und vertrieben. Für Kundinnen und Kunden wirkt der Markt moderner, bequemer und die Produkte individueller – aber auch undurchsichtiger. Hinter der sichtbaren Marke stehen Strukturen, deren Mechanik nur den wenigsten bekannt ist. Besonders deutlich wird das im Zusammenspiel von White-Label-Anbietern, Assekuradeuren und Risikoträgern.

White-Label-Produkte: Versicherungen ohne sichtbaren Versicherer

White-Label-Modelle folgen einem einfachen Prinzip: Das Produkt stammt vom Versicherer, der Vertrieb vom Partnerunternehmen. Die Marke im Vordergrund ist selten der Risikoträger im Hintergrund – und genau das schafft Intransparenz, vor allem im Schadenfall. Der Kunde meldet das Problem beim Markenanbieter, entscheiden muss am Ende der Versicherer.

White-Label-Produkte: Individualisierung ja – aber innerhalb enger Grenzen

Viele White-Label-Anbieter betonen, ihre Produkte ließen sich individuell konfigurieren – ähnlich wie man es aus Maklerkonzepten kennt. In der Praxis bleibt die Individualisierung jedoch eng gesteckt. Sie erfolgt fast ausschließlich über Rabattkontingente sowie über vordefinierte, standardisierte Leistungsbausteine, die der Risikoträger bereitstellt. Die individuelle Zusammenstellung dieser Module erzeugt den Eindruck eines maßgeschneiderten Produkts, dient aber häufig einem anderen Zweck: Sie erschwert die direkte Vergleichbarkeit am Markt, da Tarife zwar ähnlich aufgebaut sind, sich aber in Details unterscheiden, die im Preis-Leistungs-Vergleich schwer transparent abzubilden sind.

Hinzu kommt: Beim White-Label-Vertriebspartner findet kein klassisches Underwriting statt. Risiken werden nicht individuell bewertet, sondern anhand standardisierter Kriterien automatisch gezeichnet. Das senkt zwar die Zugangshürden für Kunden und beschleunigt den Abschlussprozess, bedeutet aber auch, dass echte Risikodifferenzierung ausschließlich beim Risikoträger verbleibt und die Tariflandschaft weitgehend schematisiert bleibt.

Assekuradeure: Techniker – mit unterschiedlichen Vollmachten und Kostenstrukturen

Während White-Label-Partner vor allem Kundenzugang bieten, agieren Assekuradeure deutlich näher am Kerngeschäft. Sie entwickeln Tarife, kalkulieren Risiken, übernehmen Zeichnung, Verwaltung und – je nach Vollmacht – Teile oder die gesamte Schadenregulierung. Doch die Rolle des Assekuradeurs ist kein einheitliches Modell:

  • manche regulieren Schäden vollständig,
  • manche nur bis zu einer definierten Schadengrenze,
  • manche überhaupt nicht und überlassen die gesamte Regulierung dem Risikoträger.

Für Kunden ist diese Differenzierung unsichtbar – für Makler hingegen entscheidend.

Ein unterschätzter Schwachpunkt: die Kostenkette

Was häufig übersehen wird: Assekuradeurskonstruktionen sind ökonomisch komplexer als klassische Versichererprodukte. Bei White-Label-Lösungen verdient in der Regel der Plattformpartner in Form von Provisionen oder Maklercourtagen am Vertrieb der Policen – und der Versicherer trägt die restlichen Kosten. Bei Assekuradeuren hingegen setzen sich die Kostenstrukturen aus mehreren Ebenen zusammen:

Der Versicherer trägt das Risiko und natürlich auch seine Verwaltungskosten.

Der Assekuradeur benötigt eine Vergütung für seine Dienstleistungen – Tarifentwicklung, Verwaltung, Underwriting, Schadenmanagement.

Vertriebe wie Maklerpools oder größere Vertriebsorganisationen erhalten Overhead-Courtagen für Vertragsverwaltung und Vertrieb.

Der Versicherungsmakler bekommt seine Courtage.

Im ungünstigsten Fall fließt die Prämie also durch vier Vergütungsebenen, bevor sie beim Risikoträger ankommt. Was als „modular und flexibel“ verkauft wird, bedeutet in der Realität: Die Schadenquote muss besser sein, weil weniger echte Risikoprämie übrig bleibt.

Dieser Effekt ist kein Randthema, sondern ein realer wirtschaftlicher Treiber dafür, dass Risikoträger Kooperationen beenden oder Tarife zurückziehen – insbesondere in Zeiten steigender Schadenkosten. Viele Bestände sind schlicht nicht mehr kostendeckend.

Ein aktuelles Beispiel für komplexe Vertriebsstrukturen ist die DOMCURA AG. Die Gesellschaft vertreibt ihre Produkte seit Jahren über Makler und Maklerpools, aber auch über Vertriebe wie MLP. Seit 1. Januar 2015 gehört die DOMCURA-Gruppe selbst vollständig zur MLP Finanzberatung SE.

Mehrere Risikoträger – manchmal sogar für ein Produkt

Viele Assekuradeure arbeiten heute mit mehreren Risikoträgern gleichzeitig. Die DOMCURA AG zeigt exemplarisch, wie komplex solche Konstruktionen werden können: Neben deutschen Gesellschaften tritt seit 2020 iptiQ EMEA P&C S.A. (Luxemburg) als Risikoträger auf, seit 2024 zudem die niederländische Nationale-Nederlanden. Mehrere Risikoträger für ein Konzept – eine Flexibilität, die den Markt professioneller, aber auch schwerer durchschaubar macht.

Anders die Entwicklung bei der Manufaktur Augsburg GmbH. Diese stellte 2025 ihr SHU-Privatgeschäft auf einen einzigen Risikoträger – die VHV Allgemeine – um, nachdem zuvor mehrere Gesellschaften, unter anderem auch die Element Insurance AG, beteiligt waren. Dies verdeutlicht jedoch, wie schwankend der Markt im Assekuradeursgeschäft ist.

Wenn Risikoträger gehen – oder ausfallen

Die Zahl der Risikoträgerwechsel hat zuletzt deutlich zugenommen. Ein wesentlicher Grund sind steigende Schadenkosten – von Bau- und Reparaturpreisen bis zu Elementarschäden. Viele Bestände wurden unauskömmlich, Tarife passten nicht mehr zur Realität. Für Risikoträger heißt das: Kündigung von Kooperationen, Rückzug aus Konzepten oder komplette Aufgabe von Produktlinien.

Das bekamen 2025 die WECOYA UNDERWRITING GmbH und deren Kunden zu spüren, als die SparkassenVersicherung zwei Gewerbekonzepte einstellte. Neugeschäft gestoppt, Bestände gekündigt – ein klassischer Fall wirtschaftlicher Notwendigkeit.

Weitaus gravierender verlief die Insolvenz der ELEMENT Insurance AG. Als Risikoträger für zahlreiche Assekuradeurs- und White-Label-Produkte brach ELEMENT aus der Lieferkette heraus. Kurze Zeit später folgte die Insolvenz des Assekuradeurs Direkt-AS, der stark auf ELEMENT-Konstruktionen setzte.

Transparenz: Der Kunde sieht Namen – aber nicht die Mechanik

Zwar steht der Risikoträger im Versicherungsschein, aber der Kunde erkennt daraus nicht:

  • wie die Zusammenarbeit zwischen Risikoträger und Assekuradeur funktioniert,
  • welche Partei den Schaden reguliert,
  • wie viele Vergütungsebenen in der Prämie stecken,
  • ob ausländische Risikoträger beteiligt sind.

Für den Kunden ist das in der Praxis kaum durchschaubar. Viele lesen die Unterlagen nicht bis ins Detail und suchen zu Beginn auch gar nicht bewusst nach dem Risikoträger. Wenn die Produktleistungen stimmig wirken und der Preis attraktiv ist, stellt sich die Frage nach der Gesellschaft im Hintergrund häufig erst gar nicht. Außerdem möchte ein Assekuradeur bzw. White-Label-Anbieter verständlicherweise seine eigene Marke in den Vordergrund stellen und beim Kunden verankern. Für den eigentlichen Risikoträger bleibt es daher meist bei der gesetzlich vorgeschriebenen, aber deutlich weniger prominenten Nennung in den Vertragsunterlagen.

Gerade deshalb merken viele Versicherte erst spät – manchmal erst im Schadenfall –, wer tatsächlich hinter ihrem Vertrag steht und welche Konsequenzen ein Risikoträgerwechsel haben kann.

Für Kundinnen und Kunden wichtig: Ungewollt wieder beim unerwünschten Versicherer

Viele Kundinnen und Kunden möchten nach schlechten Erfahrungen einen bestimmten Versicherer bewusst meiden. Bei White-Label-Produkten und Assekuradeuren kann das jedoch schwierig sein: Der eigentliche Risikoträger ist oft nicht auf den ersten Blick erkennbar – und kann sich auch später im Hintergrund sogar noch ändern. Dadurch kann man als Kunde trotz guter Absicht unbemerkt wieder bei genau dem Versicherer landen, mit dem man nicht mehr zusammenarbeiten wollte. Der Makler gerät dann ggf. in Erklärungsnot, wenn der Kunde ganz klar in der Beratung geäußert hatte, mit einem bestimmten Versicherer nichts mehr zu tun haben zu wollen.

Für Makler ist genau diese Durchdringung Pflicht – nicht Kür. Wer Produkte eines Assekuradeurs oder White-Label-Partners vermittelt, muss die Konstruktion verstehen: Kostenstruktur, Vollmachten, Schadenwege, finanzielle Stabilität und Risikoträgerhintergrund.

Der Markt wird komplexer, modularer – und gleichzeitig fragiler. White-Label-Produkte schaffen Kundenzugang, Assekuradeure technische Tiefe. Doch beide Modelle stehen vor denselben Herausforderungen wie die klassischen Versicherertarife: steigende Schadenkosten, dünne Risikoprämien und immer öfter unauskömmliche Bestände. Und je mehr Mittler an einer Prämie verdienen, desto weniger Reserven bleiben für Schäden – ein Kernrisiko, das zunehmend über Kooperationen entscheidet.

Für Kunden bleibt vieles unsichtbar. Für Vermittler ist die Kenntnis der Mechanik Pflicht. Denn moderne Versicherungsprodukte sind längst keine simplen Tarife mehr, sondern Partnerschaftsgebilde, deren Qualität erst sichtbar wird, wenn der Schadenfall kommt.

Foto: KI – generiert


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