Hier kollabierte eine Lieferkette, die jahrelang auf dünner Datenbasis und noch dünnerer Marge fuhr: Die Düsseldorfer Direkt-AS GmbH ist insolvent; das Amtsgericht Düsseldorf eröffnete das Verfahren über den Assekuradeur bereits am 26. August 2025 und bestellte den Düsseldorfer Anwalt Till Forster (White & Case) zum vorläufigen Verwalter. Dass es so weit kam, hat viel mit der Pleite des Berliner Risikoträgers Element zu tun, auf den ein großer Teil der von Direkt-AS gezeichneten Policen aufsetzte.
Als das Amtsgericht Charlottenburg am 1. März 2025 über Element das endgültige Verfahren eröffnete, endeten die meisten Verträge gesetzlich einen Monat später – ein veritabler Bestandseinbruch für jeden Assekuradeur, der sich so eng an einen einzigen Kapazitätsgeber lehnt.
Die Chronik ist bekannt, aber in ihrer Konsequenz unterschätzt: Element war für zahlreiche Wohngebäude-, Hausrat-, Haftpflicht- und Unfallpolicen und weitere Sachsparten der Risikoträger – häufig unsichtbar hinter den Marken der Partner.
Verbraucherschützer mussten im März deshalb erklären, dass laufende Verträge zwar bis April bestünden, der Schutz aber eingeschränkt sein könne und dass man existenziell wichtige Risiken unverzüglich anderweitig decken sollte. Das ist kein Theoriehinweis, sondern die praktische Folge, wenn ein Sachversicherer in die Insolvenz rutscht: Es gibt keinen Lebensversicherungs-Rettungsschirm à la Protektor. Die Abwicklung von Schäden und Prämienerstattungen läuft über das Sicherungsvermögen und – falls das nicht reicht – werden Ansprüche nur anteilig oder gar nicht mehr befriedigt.
Für Kundinnen und Kunden von Direkt-AS bedeutete das spätestens ab April Lücken, wenn die Umdeckung nicht rechtzeitig organisiert war.
Hinzu kamen juristische Nachbeben: Der Element-Insolvenzverwalter Friedemann Schade kündigte im April an, Ansprüche gegen einen Assekuradeur vor dem Landgericht Düsseldorf geltend zu machen, der trotz Pflicht seine Betreuungs- und Schadenbearbeitungsaufgaben nicht erbringe. Namen wurden offiziell nicht genannt; in der Branche verdichtete sich der Verdacht, es gehe um Direkt-AS. Selbst wenn man das offen lässt, zeigt die Episode, wie fragil arbeitsteilige Modelle werden, wenn ein Glied reißt: Wer den Kunden gegenüber die Verwaltung übernimmt, trägt Verantwortung – auch dann, wenn der Risikoträger wegfällt.
Was folgt daraus hier und heute?
Erstens: Für Bestandskunden, die über Direkt-AS platziert wurden, zählt jetzt Transparenz über den Risikoträger. Der Assekuradeur trägt nicht das Risiko; Verträge bestehen – sofern nicht vom Element-Cut betroffen – beim Versicherer fort. Aber Betreuung und Schadenprozess können holpern. Was jetzt zählt, ist nüchterne Abarbeitung. Kunden sollten umgehend klären, ob ihre Police einen Element-Bezug hatte und – falls ja – ob nach dem 1. April 2025 eine Deckungslücke entstanden ist. Gegebenenfalls sollte dann zügig neu eingedeckt werden. Ist der Vertrag über Direkt-AS anderweitig platziert worden, sollte der Risikoträger direkt angesprochen werden. In der Regel ist dieser in der Police und den Vertragsunterlagen ersichtlich. Kunden sollten proaktiv informiert und gleichzeitig nach noch offenen Schäden befragt werden. Sollte ein Risikoträger nicht identifizierbar sein und das Vertragsverhältnis nicht zu ermitteln sein – und nur dann –, sollte man lieber anderweitig eine neue Deckung besorgen.
Zweitens: Für Makler ist dies eine Pflichtenkaskade, keine Option. Rechtsanwälte verweisen zu Recht darauf, dass die Insolvenz eines Assekuradeurs den Versicherungsvertrag nur mittelbar berührt – die vertragliche Beziehung bleibt zum Versicherer bestehen. Aus Vermittlersicht heißt das: aktiv den Bestand screenen, die Kommunikation mit dem Risikoträger übernehmen, Courtage-Zusagen prüfen und gegebenenfalls anpassen. Wer im Frühjahr bei Element sofort umgedeckt hat, sparte seinen Kunden nicht nur Nerven, sondern möglicherweise bares Geld bei noch offenen Schäden. Wer bei Direkt-AS geblieben ist und gewartet hat, steht jetzt doppelt in der Verantwortung: gegenüber dem Kunden und gegenüber der eigenen Dokumentation.
Drittens: Das Markt-Lernstück. Die Kette Direkt-AS ↔ Element war anfällig, weil mehrere Risiken gleichzeitig ignoriert wurden: Klumpenrisiko beim Kapazitätsgeber, ambitionierte Zeichnung in preissensitiven Sparten und ein Pricing, das in der Gebäudesparte spätestens mit den inflationsgetriebenen Schadenkosten nicht mehr zu halten war. Dass ausgerechnet Wohngebäude zum Sargnagel wurde, überrascht niemanden, der die Sanierungswellen und Rückversicherer-Restriktionen der letzten zwei Jahre verfolgt hat. Es brauchte keine Propheten, um die Bruchstellen zu sehen – Underwriting-Disziplin hätte genügt.
Mein Kommentar dazu ist so unbequem wie notwendig: Das kommt davon, wenn weder Risikoträger noch Assekuradeur seriöses Underwriting betreiben, im Pricing auf „billig“ fixiert sind und in erster Linie nach Masse an Policen jagen. Aber auch Makler, die ihre Kunden dort eingedeckt haben, hätten sehen können, dass diese Prämien im Marktumfeld nicht funktionieren – und spätestens mit der Element-Insolvenz Direkt-AS laut und deutlich in Frage stellen müssen. Leidtragende sind die Kunden. Und ja: Auch sie hätten bei signifikanten Prämienabweichungen zum Markt stutzig werden können.
Wieder einmal zeigt sich: Wer billig kauft, bekommt Probleme.
Alle Beteiligten sollten aus meiner Sicht künftig die Pricing-Realität akzeptieren. Versicherungsmathematik und Underwriting sind kein Würfelspiel. Eine auskömmliche Prämie ist kalkulierbar und muss gegebenenfalls laufend nachjustiert und an ein verändertes Marktumfeld angepasst werden. Wer diese Grundlagen nicht versteht, sollte lieber Flohmarktverkauf betreiben und das Versicherungsgeschäft den Profis überlassen.
So wird aus einer unschönen Insolvenz wenigstens eine weitere Branchenlektion, die mehr ist als ein moralischer Zeigefinger. Vielleicht hören die Billigheimer dann auch endlich auf, die Kunden zu verwirren – auch wenn ich daran ehrlich gesagt nicht so recht glauben mag.
Foto: KI – generiert


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