Insurtechs gescheitert?

„Die Lizenz bietet uns keinen Wettbewerbsvorteil mehr. Deshalb werden wir sie im Laufe des Jahres zurückgeben.“

Getsafe gibt Versicherungslizenz zurück – das leise Sterben der Insurtech-Vision

Das Heidelberger Start-up Getsafe hatte einst große Ambitionen: Es wollte nicht weniger als die Versicherungswelt grundlegend verändern. Mit technologischem Anspruch und einer mobilen Plattform sollte der etablierte Markt aufgerollt, das klassische Versicherungsgeschäft digitalisiert und verschlankt werden. 2021 krönte sich das Unternehmen mit der eigenen BaFin-Lizenz zum vollregulierten Erstversicherer – ein Meilenstein, der als Signal für den Aufbruch einer neuen Generation von Versicherern galt.

Doch nur wenige Jahre später zieht sich Getsafe still aus dieser Rolle zurück. Die Lizenz wird 2025 zurückgegeben. Offiziell aus strategischen Gründen. Doch unter der Oberfläche zeigt sich ein ernüchterndes Bild: Die Vision der vollintegrierten, technologiegetriebenen Digitalversicherer hat ihre Grenzen erreicht.

Getsafe war das einzige deutsche Insurtech aus der Gründungswelle um 2015, das es überhaupt bis zum profitablen Versicherungsgeschäft gebracht hatte. Dennoch reicht das nicht mehr als Begründung für eine eigene Lizenz, so Gründer Christian Wiens im Interview mit dem Handelsblatt:

Künftig will das Unternehmen wieder als Assekuradeur agieren: Vertrieb, Kundenbetreuung und Schadenmanagement werden selbst durchgeführt, das eigentliche Risiko jedoch an etablierte Versicherer übertragen. Diese Flexibilität, so das Narrativ, soll schnellere Expansion und fokussiertes Wachstum ermöglichen.

Tatsächlich ist Getsafe mit dieser Entscheidung nicht allein. In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Insurtechs wieder von ihrer Versicherungslizenz verabschiedet. Mailo, Coya/Luko, Wefox – alle haben sich aus dem regulierten Erstversicherungsgeschäft zurückgezogen. Jüngst meldete Element Insurance, ebenfalls einst mit großen Ambitionen gestartet, Insolvenz an. Was als Innovationswelle begann, endet zunehmend in strategischer Konsolidierung – oder in der Auflösung.

Der Grund für diese Entwicklung ist vielschichtig, aber letztlich simpel: Technologie allein reicht nicht aus, um das Versicherungsgeschäft nachhaltig zu betreiben. Wer als Versicherer am Markt bestehen will, braucht weit mehr als nur eine intuitive App und moderne Schnittstellen. Es geht um Kapitalanforderungen, aufsichtsrechtliche Rückstellungen, belastbare Risikomodelle, versicherungsmathematische Expertise und regulatorisches Know-how. All das ist im klassischen Versicherungswesen tief verwurzelt – in Jahrzehnten aufgebaut, von Generationen weitergegeben.

Viele Insurtechs haben unterschätzt, wie komplex und kapitalintensiv das Versicherungsgeschäft tatsächlich ist. Der Versuch, diese Strukturen mit Start-up-Mentalität und Risikokapital zu „disruptieren“, hat in vielen Fällen nicht funktioniert. Der Glaube, mit Technologie ließen sich regulatorische Anforderungen einfach umgehen oder vereinfachen, hat sich als trügerisch erwiesen.

Getsafe verkauft den Rückzug aus dem Versicherungskern dennoch als Fortschritt. Das Unternehmen wolle sich künftig auf seine Plattform konzentrieren – auf das Nutzererlebnis, auf KI-basierte Prozesse, auf die Schnittstelle zum Kunden. Die Risiken übernehmen nun wieder die alten Player. Der digitale Versicherer wird also de facto wieder zum digitalen Makler, eingebettet in ein Partnernetzwerk aus klassischen Versicherern.

Christian Wiens umschreibt es diplomatisch:

„Für unser Ziel, die führende Versicherungsplattform für digitale Kunden zu werden, ist der Weg über eigene Lizenzen zu langsam und weniger flexibel.“

Was dabei herauskommt, ist ein neues arbeitsteiliges Modell: Technologieanbieter vorne, Risikoträger hinten. Ein Modell, das vielleicht funktional ist – aber mit der ursprünglichen Insurtech-Idee wenig gemein hat. Statt den Markt zu revolutionieren, ordnet man sich wieder ein.

Für die Branche bedeutet das: Die große Transformation bleibt aus. Statt echter struktureller Veränderung erleben wir eine schrittweise Rückkehr zu bewährten Mustern – lediglich mit digitalem Anstrich. Der Rückzug Getsafes ist damit nicht nur ein individueller Strategiewechsel, sondern ein Symbol für das Ende einer Illusion, die viele Start-ups seit 2015 angetrieben hat.
Getsafe vollzieht keine offensive Neuausrichtung, sondern eine defensive Kurskorrektur. Die Vision vom eigenständigen, technologiegetriebenen Digitalversicherer war wirtschaftlich wie operativ nicht tragfähig. Das Insurtech reiht sich ein in eine wachsende Liste von Start-ups, die feststellen mussten: Versicherung ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf – und Technologie kann Erfahrung nicht vollständig ersetzen.


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