Wie das Insurtech mit Helden.de seinen Strategiewechsel vorantreibt
Zwei Zufälle standen am Anfang der Gründung von Getsafe – und eine Idee, die bis heute die deutsche Versicherungsbranche herausfordern will. Als Christian Wiens, Maschinenbauingenieur und heutiger CEO, einst die Glastür seines Vermieters zerbrach, wurde ihm bewusst, wie kompliziert und schwer zugänglich Versicherungen sein können. Sein späterer Mitgründer Marius Simon, Physiker, suchte derweil über eine Facebook-Gruppe nach Gleichgesinnten – Wiens war der einzige, der zu einem persönlichen Treffen erschien. Warum ausgerechnet Versicherung? Weil sich dort der größte Mehrwert schaffen lässt, wo die Probleme am größten sind.
Heute, rund ein Jahrzehnt später, treibt Getsafe genau diesen Anspruch weiter voran. Mit der Übernahme des digitalen Assekuradeurs Helden.de baut das Heidelberger Insurtech seine Plattform weiter aus. Mehr als 100.000 Versicherungsverträge aus den Bereichen Haftpflicht, Hausrat und Fahrrad sollen in den kommenden Monaten integriert werden. Für Getsafe ist es bereits die zweite größere Bestandsübernahme innerhalb weniger Jahre.
Erst 2023 hatte Getsafe rund 50.000 Policen vom Deutschlandgeschäft des französischen Insurtechs Luko übernommen. Die Integration sei damals innerhalb weniger Wochen gelungen, teilte das Unternehmen mit. Nun folgt mit Helden.de ein weiterer Baustein in einer Strategie, die weniger auf organisches Wachstum als auf gezielte Zukäufe und technologische Skalierung setzt.
Abschied vom klassischen Versicherer
Der Hintergrund dieser Expansion liegt in einem tiefgreifenden Umbau des Geschäftsmodells. Im Juni 2025 gab Getsafe seine Lizenz als Schaden- und Unfallversicherer zurück. Statt selbst Risiken zu tragen, agiert das Unternehmen seitdem als sogenannter Managing General Agent (MGA) – ein Modell, bei dem Produktentwicklung, Vertrieb und Kundenbeziehung in eigener Hand bleiben, während das Versicherungsgeschäft im engeren Sinne von Partnern übernommen wird.
Für Mitgründer und Geschäftsführer Christian Wiens ist dieser Schritt konsequent: Eigene Lizenzen seien zu langsam und zu unflexibel, um das Ziel einer umfassenden digitalen Versicherungsplattform zu erreichen. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil liege in der Technologie und im Zugang zum Kunden, nicht in der Risikotragung.
Plattformlogik statt Produktlogik
Mit dieser Neuausrichtung folgt Getsafe einem Muster, das sich zunehmend in der Insurtech-Branche beobachten lässt. Viele Anbieter, die ursprünglich als vollwertige Versicherer gestartet sind, stoßen an die Grenzen eines stark regulierten und kapitalintensiven Geschäfts. Der Plattformansatz verspricht dagegen mehr Geschwindigkeit und Skalierbarkeit.
Konkret bedeutet das: Getsafe bündelt Versicherungsprodukte verschiedener Risikoträger in einer App, übernimmt die digitale Kundenführung und automatisiert zentrale Prozesse – etwa die Schadenbearbeitung, die nach Unternehmensangaben bereits zu großen Teilen KI-gestützt erfolgt. Die Zukäufe liefern dabei nicht nur zusätzliche Prämienvolumina, sondern vor allem Zugang zu neuen Kundengruppen und Daten.
Wachstum durch Integration
Die Integration von Helden.de soll für Bestandskunden „nahtlos“ verlaufen, verspricht Getsafe. Erfahrungen aus früheren Migrationen zeigen, dass solche Übergänge nicht nur technisch machbar sind, sondern auch wirtschaftliches Potenzial bergen: Nach der Luko-Übernahme habe ein Großteil der Kunden innerhalb kurzer Zeit weitere Produkte abgeschlossen.
Genau hier setzt die Plattformstrategie an. Statt einzelne Policen zu verkaufen, will Getsafe langfristige Kundenbeziehungen aufbauen und über verschiedene Lebensphasen hinweg passende Versicherungen anbieten – von der Haftpflicht über Tier- und Zahnzusatzversicherungen bis hin zu Altersvorsorgeprodukten.
Wettbewerb um die digitale Kundenschnittstelle
Mit inzwischen rund 500.000 Kunden und etwa 150 Mitarbeitern gehört Getsafe zu den etablierten Insurtechs in Deutschland. Der Wettbewerb bleibt jedoch intensiv. Neben klassischen Versicherern, die ihre digitalen Angebote ausbauen, drängen auch andere Plattformanbieter auf den Markt. Die entscheidende Frage wird sein, ob es Getsafe gelingt, seine technologische Infrastruktur tatsächlich in einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu übersetzen.
Der Weg zum digitalen Ökosystem führt für Getsafe nicht mehr über eigene Lizenzen – sondern über Daten, Technologie und die Fähigkeit, Kunden möglichst effizient in eine Plattform zu integrieren.


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