
Wirtschaft als Treiber der Umweltpolitik: PFAS im Fokus
Ein Artikel in der taz („Wirtschaft treibt Umweltpolitik“, Heike Holdinghausen) zeigt eindrucksvoll, wie wirtschaftliche Akteure zunehmend Druck auf politische Prozesse im Bereich Umwelt ausüben – insbesondere beim Umgang mit per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen, kurz PFAS, auch bekannt als „Ewigkeitschemikalien“. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) rät seinen Mitgliedern dazu, PFAS-bezogene Schäden nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt zu versichern. Diese Risiken seien kaum kalkulierbar – was Versicherer unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zur Vorsicht zwingt.
Natürlich betrifft diese Entwicklung insbesondere die Betriebshaftpflichtversicherungen. Diese Versicherungen decken Schäden ab, die Unternehmen Dritten gegenüber verursachen – etwa durch Umwelteinträge wie PFAS. Da die Risiken und Folgekosten im Zusammenhang mit diesen Chemikalien kaum kalkulierbar sind, ziehen sich viele Versicherer zunehmend zurück oder formulieren enge Ausschlüsse.
Betroffen sind dabei insbesondere Hersteller von PFAS oder PFAS-haltigen Produkten und auch sogenannte Quasi-Hersteller – also Unternehmen, die Produkte unter eigenem Namen vertreiben, ohne sie selbst produziert zu haben. Rechtlich gelten sie dennoch als Inverkehrbringer und können im Schadensfall haftbar gemacht werden. Ebenso gelten Importeure von Produkten aus Nicht-EU-Ländern als Hersteller im Sinne der EU-Chemikalienverordnung. Wer also PFAS-haltige Produkte von außerhalb der EU in den europäischen Markt einführt, übernimmt automatisch auch die volle Produkthaftung – inklusive der möglichen Umweltschäden.
Für diese Unternehmen bedeutet das: Wer PFAS einsetzt, vertreibt oder importiert, steht im Ernstfall womöglich bald ohne oder mit eingeschränktem Versicherungsschutz da. Das erhöht nicht nur den finanziellen Druck, sondern zwingt viele Betriebe, ihre Produktverantwortung, Lieferketten und eingesetzten Stoffe kritisch zu prüfen. Die Betriebshaftpflicht wird so zum stillen, aber wirkungsvollen Hebel für Veränderung.
Auch die Wasserversorgungsbranche reagiert: Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft empfiehlt seinen Mitgliedsunternehmen, Verursacher von PFAS-Verunreinigungen haftbar zu machen und rechtlich gegen sie vorzugehen. Die Kosten für Reinigung und Sanierung sind enorm – und oft bleibt der öffentliche Sektor bislang auf ihnen sitzen.
Was sich hier abzeichnet: Umweltpolitik wird nicht nur aus ethischen oder wissenschaftlichen Gründen betrieben – wirtschaftlicher Druck kann ein ebenso entscheidender Faktor sein.
Was sind PFAS?
Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) sind eine Gruppe von über 10.000 industriell hergestellten Stoffen, die sich durch ihre außergewöhnliche chemische Stabilität auszeichnen. Diese Eigenschaft sorgt dafür, dass sie nicht nur besonders langlebig – sondern auch nahezu unzerstörbar in der Umwelt sind. Aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften sind PFAS in unzähligen Produkten enthalten.
Einsatzgebiete und Verarbeitung
PFAS werden in verschiedensten Industriezweigen eingesetzt:
- Kochgeschirr: Antihaftbeschichtungen wie Teflon enthalten PFAS.
- Textilien: Regenkleidung, Teppiche oder Möbelstoffe werden damit imprägniert.
- Verpackungen: Besonders fettabweisende Verpackungen für Fast Food oder Backwaren.
- Kosmetik: PFAS sorgen in Make-up oder Cremes für wasserfeste Eigenschaften.
- Feuerlöschmittel: Besonders bei der Brandbekämpfung in Flughäfen eingesetzt.
- Industrieanwendungen: In der Elektronikfertigung, Galvanotechnik oder beim Ätzen von Metallen.
Trotz aller technischen Kontrolle gelangen PFAS regelmäßig über Abwasser, Produktionsabfälle oder ungewollte Emissionen in Böden und Gewässer.
Gesundheits- und Umweltgefahren
Einige PFAS stehen im Verdacht, krebserregend zu sein oder das Hormonsystem zu stören. Studien belegen, dass sie sich im menschlichen Körper anreichern und dort langfristig Schäden anrichten können. Ihre Langlebigkeit macht es nahezu unmöglich, sie rückstandslos aus Umwelt oder Trinkwasser zu entfernen – mit erheblichen Folgen für Mensch und Natur.
Politische Reaktionen und wirtschaftlicher Einfluss
Auf europäischer Ebene wird inzwischen an einem umfassenden Verbot vieler PFAS gearbeitet. Deutschland, die Niederlande, Dänemark, Norwegen und Schweden haben bei der Europäischen Chemikalienagentur einen gemeinsamen Vorschlag eingebracht, der PFAS künftig nur noch in zwingenden Ausnahmefällen erlauben soll.
Interessanterweise kommt der Impuls zur Regulierung nicht nur aus dem politischen Raum: Versicherer, Wasserversorger und zunehmend auch große Unternehmen fordern klare Regeln – nicht zuletzt, um Haftungsrisiken zu minimieren. Der Kapitalmarkt hat begonnen, ökologische Risiken in die Bewertung von Unternehmen einfließen zu lassen. Umweltpolitik und Wirtschaftslogik beginnen sich hier zu überschneiden.
Studien und wirtschaftliche Einschätzung
Dass Umweltpolitik auch wirtschaftlich sinnvoll sein kann, zeigt unter anderem eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Demnach könnten die Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung bis 2030 das Bruttoinlandsprodukt steigern und etwa 400.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Auch die Bundesbank kommt in einer eigenen Untersuchung zu dem Schluss, dass eine strenge Klimapolitik bislang nicht zur Abwanderung von Industrieunternehmen geführt hat – im Gegenteil, langfristig könnten sich sogar Wettbewerbsvorteile ergeben.
Der Umgang mit PFAS ist ein Beispiel dafür, wie eng Umweltfragen, wirtschaftliche Interessen und politische Regulierung heute miteinander verknüpft sind. Während PFAS in unzähligen Alltagsprodukten stecken, wächst die Einsicht, dass ihre Schäden langfristig nicht tragbar sind – weder für Mensch noch Umwelt. Dass ausgerechnet wirtschaftlicher Druck zum Beschleuniger für strengere Umweltauflagen wird, mag überraschen. Doch genau darin liegt auch die Chance: Wenn ökologische Verantwortung zur ökonomischen Notwendigkeit wird, kommt Bewegung in die Umweltpolitik.
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