Stromberg im Kanzleramt – Die Capitol lässt grüßen

Bernd Stromberg war Leiter der Schadensregulierung bei der fiktiven Capitol Versicherung. Friedrich Merz ist Bundeskanzler. Zwei Männer, zwei Karrieren. Und gelegentlich eine verblüffende Ähnlichkeit im Umgang mit Kritik. Wer die vergangenen Monate verfolgt hat, könnte meinen, Stromberg habe sich beruflich noch einmal verändert.

Erst reden, dann erklären

Bei Stromberg gehörte es zum Führungsstil, erst etwas Unbedachtes zu sagen und anschließend den anderen zu erklären, warum sie ihn falsch verstanden hatten. Nicht jeder verstand seine Genialität. Vor allem nicht die Mitarbeiter. Auch Friedrich Merz hat inzwischen einige Erfahrung mit der nachträglichen Erläuterung eigener Äußerungen. Seine Bemerkungen über das Stadtbild beschäftigten wochenlang die Öffentlichkeit. Nach seinem Besuch im brasilianischen Belém fühlten sich sogar die Gastgeber beleidigt. Einer Kinderärztin erklärte er im Fernsehen, sie sei Nutznießerin des Gesundheitssystems. Und einer schwer kranken Frau hielt er bei einem Bürgerdialog eine deutliche Standpauke, nachdem diese eine Behauptung über sein Gehalt aufgestellt hatte.

Auch die Arbeitsmoral der Deutschen bereitet  dem Kanzler Sorgen. Zu wenig Arbeit, zu viele Krankheitstage, zu viel Work-Life-Balance. Dass er die Menschen für faul halte, wies er allerdings zurück. Bei der Capitol argumentierte Bernd Stromberg seinerzeit:

„Chef ist wie’n Wecker. Keiner will ihn, jeder hasst ihn, aber ohne ihn würden alle immer nur pennen, pennen, pennen.“

Man muss nicht jede Kritik an Merz teilen, um festzustellen: Seine Öffentlichkeitsarbeit produziert regelmäßig neuen Gesprächsbedarf. Bei der Capitol hätte man dafür vermutlich längst eine eigene Schadenabteilung eingerichtet.

Die Belegschaft bittet zum Gespräch

Am Montag versammelten sich rund 160 CDU-Kreisvorsitzende im Berliner Konrad-Adenauer-Haus. Die Stimmung war angespannt. Wahlniederlagen, schlechte Umfragen und Unzufriedenheit mit der Bundesregierung hatten Spuren hinterlassen. Zunächst durfte Generalsekretärin Franziska Hoppermann die Runde begrüßen. Eigentlich sollten Arbeitsgruppen über Parteiorganisation, Digitalisierung und Finanzen sprechen. Die Kreisvorsitzenden wollten lieber über die Probleme reden, die sie tatsächlich beschäftigten. Also wurde die Tagesordnung geändert. Schon am Nachmittag ging es hoch her. Merz erschien erst gegen 17:30 Uhr. Seine Generalsekretärin hatte die erste Welle der Kritik da bereits hinter sich. Eine bemerkenswerte Parallele zur Capitol: Erst darf die Personalabteilung die aufgebrachte Belegschaft anhören, dann kommt der Chef.

Der Chef hört zu. Die Mitarbeiter staunen.

Fast zwei Stunden stellte sich Merz anschließend den Fragen seiner Parteifreunde. Es ging um fehlende Führung, enttäuschte Erwartungen, schleppende Reformen und den schwindenden Kontakt zur Basis. Die Aussprache verlief nach Teilnehmerberichten sachlicher als die Diskussion am Nachmittag. Einige Kreisvorsitzende bescheinigten Merz anschließend durchaus Einsicht. Andere waren weniger begeistert. Besonders deutlich wurde Désirée Schrade, CDU-Kreisvorsitzende aus Frankfurt/Oder. Im Podcast von Paul Ronzheimer schilderte sie, wie sie Merz die Schwierigkeiten der örtlichen CDU erklärt hatte. Seine Reaktion empfand sie als beinahe spöttisch. Schrade kritisierte zudem, dass Merz bei einem Besuch des Leibniz-Instituts für innovative Mikroelektronik (IHP) in Frankfurt/Oder den örtlichen CDU-Kreisverband nicht informiert habe. Als sie ihn in Berlin darauf ansprach, habe er „fast ein bisschen herablassend“ reagiert und gesagt:

„Also Frau Schrade, ich kann hier keine Kreisvorsitzende mit in so ein Institut nehmen.“

Ein anderer Kreisvorsitzender zog gegenüber dem Tagesspiegel ein knappes Fazit:

„Ich bin genauso schlau wie vorher auch.“

Stromberg hätte das vermutlich als konstruktives Mitarbeitergespräch verbucht.

Eine Frage der Schadensregulierung

Natürlich ist Friedrich Merz nicht Bernd Stromberg. Der eine führt eine Bundesregierung, der andere hatte schon mit seiner Versicherungsabteilung ausreichend Schwierigkeiten. Doch beide liefern reichlich Anschauungsmaterial für eine besondere Form der Führungskommunikation: Der Chef erklärt, die Mitarbeiter hören zu, und anschließend besteht weiterer Klärungsbedarf. Merz sagte einmal, er habe nicht die Absicht, Liebling der Nation zu werden. Das ist zumindest eine Zielsetzung, bei der er sich keine übertriebenen Erwartungen vorwerfen lassen muss. In der Versicherungswirtschaft würde man bei einer solchen Häufung kommunikativer Schadenfälle vermutlich irgendwann über Schadenverhütung sprechen.

Vielleicht sollte die CDU zu ihrem nächsten Bundesparteitag einen erfahrenen Haftpflicht-Underwriter hinzuziehen. Der könnte wenigstens erklären, warum nicht jeder Schaden versichert ist. Und weshalb wiederholte Schäden irgendwann Fragen nach dem Risikomanagement aufwerfen. Fürs Vaterland würde ich mich selbst dazu bereiterklären!


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