KI wird in der Versicherungsbranche Stellen kosten.

Künstliche Intelligenz wird in der Versicherungsbranche kaum Stellen kosten. Wir brauchen sie vor allem, weil die Babyboomer in Rente gehen und Fachkräfte fehlen. KI schließt also lediglich die demografische Lücke. Klingt schön. Ich glaube nur nicht daran.

Meinungsbeitrag

KI wird Stellen kosten.

Vielleicht häufig schleichend. Vielleicht sozialverträglich über Renteneintritte und natürliche Fluktuation. Aber wenn eine Stelle wegen KI nicht mehr nachbesetzt wird, ist sie trotzdem weg. Wenn Unternehmen mit KI dieselbe Arbeit mit deutlich weniger menschlichem Aufwand erledigen können, wird das langfristig Auswirkungen auf die Beschäftigtenzahl haben. Alles andere wäre eine ziemlich merkwürdige Betriebswirtschaft.

Human in the Loop – aber wie viele Humans?

Auch „Human in the Loop“ gehört für mich zu den beruhigenden Erzählungen dieser Debatte.

Natürlich wird es weiterhin Menschen brauchen.

Die Frage ist nur: wie viele?

Nehmen wir eine Schadenabteilung oder ein Kundenservicecenter mit heute 100 Beschäftigten. KI liest Dokumente, beantwortet Standardanfragen, prüft Vorgänge, bereitet Entscheidungen vor und erledigt große Teile der Routine. Am Ende braucht es vielleicht noch 20 Menschen für Kontrolle, komplexe Fälle, Eskalationen und Entscheidungen.

Perfekt: Human in the Loop.

Nur eben 20 statt 100.

Für die anderen 80 beginnt dann eine wesentlich unangenehmere Realität.

Weiterqualifizieren – aber wohin?

Die Standardantwort lautet: Wir müssen die Menschen eben weiterqualifizieren.

Ja. Nur wohin? Denn aus einem Mitarbeiter im Kundenservice oder einem Schadenssachbearbeiter wird nicht automatisch ein IT-Spezialist, Aktuar oder Underwriter, nur weil das Unternehmen Weiterbildung anbietet. Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten, Erfahrungen und Voraussetzungen. Manche können sich hervorragend in neue Aufgaben entwickeln. Andere eben nicht in dem Maße, das für hochspezialisierte Funktionen notwendig wäre.

Und damit schlägt auch das Argument Fachkräftemangel nicht automatisch durch.

Ein Versicherer kann gleichzeitig zu wenig IT-Spezialisten, Aktuare oder erfahrene Underwriter haben und zu viele Mitarbeiter in Bereichen, deren Arbeit künftig durch KI erledigt werden kann.

Wenn 80 Stellen wegfallen und an anderer Stelle 20 Spezialisten fehlen, kann ich nicht einfach sagen:

Prima, Problem gelöst!

Die fehlenden Spezialisten lassen sich nicht einfach aus genau den Bereichen weiterqualifizieren, in denen Stellen wegfallen. Und selbst wenn das gelingt, wird die Zahl der neuen hochqualifizierten Jobs meist deutlich kleiner sein als die Zahl der durch Automatisierung entfallenden Positionen. Das ist keine Geringschätzung dieser Mitarbeiter. Das ist schlicht Arbeitsmarkt- und Qualifikationsrealität. Wir werden deshalb ziemlich wahrscheinlich beides gleichzeitig erleben:

Fachkräftemangel und Stellenabbau.

KI zahlt keine Sozialversicherungsbeiträge

Dabei gibt es noch eine ganz andere Frage, über die erstaunlich wenig gesprochen wird.

Ein menschlicher Beschäftigter zahlt Steuern und Sozialversicherungsbeiträge – privat krankenversicherte Angestellte entsprechend Beiträge zur privaten Kranken- und Pflegeversicherung. Auch der Arbeitgeber beteiligt sich an den Beiträgen zur Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Die gesetzliche Unfallversicherung wird sogar vollständig vom Arbeitgeber finanziert.

Für KI gilt das nicht.

Wenn menschliche Arbeit in großem Stil durch automatisierte Arbeit ersetzt wird, steigt möglicherweise die Produktivität – aber die Maschine wird dadurch nicht zum neuen Beitragszahler. Und das ausgerechnet in einer alternden Gesellschaft mit mehr Rentnern, mehr Pflegebedürftigen und steigenden Ausgaben im Gesundheitswesen. Dem könnten künftig weniger Menschen aus Fleisch und Blut gegenüberstehen, auf deren Arbeitseinkommen Beiträge erhoben werden.

Produktivität kann man automatisieren. Beitragszahler nicht.

Auch darüber werden wir reden müssen.

Wirtschaft und Gesellschaft

KI bezieht kein Gehalt und konsumiert nicht. KI kauft keine Waren, nutzt keine Dienstleistungen, zahlt keine Miete und schließt keine Versicherungsverträge ab. Ersetzt sie Menschen, fällt damit auch Kaufkraft weg.

Und was machen wir mit denen, die anschließend keinen neuen Job finden? Bekommen sie kostenlose Tickets für den Freizeitpark, damit sie wenigstens beschäftigt sind? Menschen verschwinden nicht, nur weil ihre Arbeitsplätze verschwinden. Sie müssen weiterhin wohnen, leben, konsumieren und irgendwie am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.

Die schöne Geschichte wird nicht aufgehen

Ich glaube nicht an menschenleere Versicherungsunternehmen.

Aber ich glaube genauso wenig an die Geschichte, KI werde im Wesentlichen nur Renteneintritte kompensieren und ansonsten kaum Arbeitsplätze kosten. Menschen gehen in Rente und werden nicht ersetzt. Teams schrumpfen. Neueinstellungen bleiben aus. Routinejobs verschwinden. Manche werden weiterqualifiziert. Und manche eben nicht.

Man kann das Transformation nennen.

Man kann versuchen, es sozialverträglich zu gestalten.

Aber man sollte es nicht schönreden.

KI wird in der Versicherungsbranche Stellen kosten.

Vielleicht ohne großen Knall.

Allerdings dürfte es auch eine erhebliche Zahl an Kündigungen geben.

Wollen wir wetten?


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