Bayerische-Vorstand Gräfer legt sich mit der AfD an – und mit Teilen seines LinkedIn-Netzwerks

Der Vorstand der Bayerischen Martin Gräfer legt sich auf LinkedIn mit der AfD an. Nach dem ZDF-Sommerinterview von Alice Weidel wirft er ihr und weiteren führenden Politikern ihrer Partei vor, systematisch mit Falschbehauptungen zu arbeiten. Sein Post löst eine heftige Debatte aus – auch über das von Gräfer als Quelle angeführte Recherchenetzwerk Correctiv. Vergleichbar deutlich positionieren sich Spitzenmanager der Versicherungsbranche gegen die AfD nur selten.

Martin Gräfer hält sich auf LinkedIn selten zurück. Der Vorstand der Versicherungsgruppe Die Bayerische kommentiert Geschäftszahlen und Unternehmenspolitik ebenso wie gesellschaftliche und politische Themen. Auch sein Privatleben macht er regelmäßig zum Gegenstand seiner Posts.

„Keine Stimme. Nirgendwo. Niemals.“

Am 23. August wandte sich Gräfer mit deutlichen Worten an seine mittlerweile fast 14.000 Follower.

„Alice Weidel lügt. Und das muss laut gesagt werden“,

beginnt ein Beitrag des Versicherungsmanagers. Gräfer wirft der AfD-Vorsitzenden und weiteren führenden Politikern der Partei vor, falsche Behauptungen emotional aufzuladen und systematisch über soziale Medien zu verbreiten. „Von Weidel über Chrupalla bis Höcke und Siegmund: falsche Behauptungen, emotional zugespitzt, millionenfach verbreitet – von eigenen Trollfabriken befeuert“, schreibt Gräfer.

Anlass für den Post war Weidels ZDF-Sommerinterview vom selben Tag. Dort hatte die AfD-Chefin unter anderem über Migration, Klimawandel, Verbrennungsmotoren und einen möglichen deutschen Ausstieg aus dem Euro gesprochen. Bis zur Veröffentlichung unseres Artikels erhielt Gräfers Post mehr als 500 Likes und über 100 Kommentare.

Das ZDF überprüfte mehrere Aussagen Weidels anschließend in einem Faktencheck. Der Sender widersprach unter anderem ihrer Darstellung zur Zahl arbeitsloser Eingebürgerter sowie zum sogenannten Verbrenner-Verbot und ordnete ihre Aussagen zum Klimawandel ein. Nicht jede Aussage bewertete das ZDF allerdings als falsch: Weidels Hinweis, dass sich die Mehrheit der Autokäufer bislang für Verbrenner entscheide, bezeichnete der Sender als zutreffend, verwies zugleich aber auf den wachsenden Anteil von Elektroautos.

Gräfers Urteil fällt eindeutig aus: Die von ihm angeführten Falschdarstellungen seien „kein Ausrutscher“, sondern „Methode“, die bei fast 30 Prozent der Menschen in Deutschland verfange. „Politische Entscheidungen dürfen auf unterschiedlichen Überzeugungen beruhen. Aber nicht auf einer erfundenen Wirklichkeit.“ Sein Beitrag endet mit der ebenso unmissverständlichen Aufforderung: „Keine Stimme für die AfD. Nirgendwo. Niemals.“

Zur Untermauerung seiner Kritik verlinkt Gräfer neben dem ZDF auch einen Faktencheck des Recherchezentrums Correctiv. Darin geht es um eine Behauptung, Angela Merkel habe eingeräumt, muslimische Migranten absichtlich nach Deutschland geholt zu haben, um die extreme Rechte zu stoppen. Correctiv kommt nach Prüfung des zugrunde liegenden Interviews zu dem Ergebnis, Merkel habe dies nicht gesagt. Der Faktencheck stammt vom 12. August 2026.

Zustimmung zur Botschaft, Streit um die Quellen

Die Reaktionen unter Gräfers Beitrag zeigen, wie schwer sich politische Debatten inzwischen von Debatten über Medien und Quellen trennen lassen. Zahlreiche Kommentatoren stimmen Gräfer inhaltlich in seiner Kritik an der AfD und Alice Weidel zu. So schreibt Anne Connelly:

„Danke für die offenen Worte! Ich war entsetzt, als ich das Interview gesehen habe, vor allem mit welcher Aggression.“

Noch deutlich schärfer formuliert Toygar Çinar:

„Die gesamte Partei ist durchseucht von Lügnern und Personen, die nicht mal politisches Basiswissen haben.“

Andere LinkedIn-User führen den Zuspruch für die AfD gerade auf die Politik der etablierten Parteien und der Bundesregierung unter Friedrich Merz zurück. Sie werfen Gräfer vor, die Ursachen ihres Aufstiegs auszublenden, und argumentieren, Falschaussagen, gebrochene Versprechen und politische Täuschung seien keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der AfD.

Noch auffälliger ist, wie oft selbst Kommentatoren, die Gräfers Grundanliegen teilen, an seinem Correctiv-Verweis Anstoß nehmen. Markus Schön bringt diesen Zwiespalt auf den Punkt. Er halte den Post für wichtig und finde, Lügen müssten benannt werden. Correctiv sei dafür jedoch

„die denkbar schlechteste Quelle“.

Sebastian Reinemann geht noch weiter und schreibt:

„Correctiv lügt erwiesenermaßen und auch durch ein Gericht festgestellt. Sie verbreiten hier schlicht und einfach Propaganda der Gegenseite.“

Andere User, darunter Dirk Gabriel, stellen sowohl Correctiv als auch das ZDF als verlässliche Quellen infrage. Franz Kerker schreibt, Weidel sei kaum in der Lage gewesen, „mal zehn Sekunden zu sprechen, ohne dass Wulf Schmiese sie sofort unterbrochen hat“. Das Interview sei „ein absoluter Tiefpunkt der Regierungsmedien“ gewesen. Weidel habe sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen.

„Warum also so ein sinnfreier Post?“

Insgesamt verschiebt sich ein beträchtlicher Teil der Diskussion damit von der Frage, ob einzelne Aussagen Weidels korrekt waren, hin zur Glaubwürdigkeit der Medien und Organisationen, die solche Aussagen überprüfen. Gräfer trägt selbst dazu bei, dass die Auseinandersetzung breiten Raum einnimmt: Er reagiert auf einen Großteil der Kommentare und verteidigt dabei nicht nur seine politische Position, sondern auch seinen Rückgriff auf Correctiv als Quelle.

Er schreibt unter anderem:

„Correctiv erhält öffentliche Projektförderung. Das macht Kritik möglich und nötig, ist aber etwas anderes als politische Steuerung.“

Gräfer verweist zudem darauf, dass staatliche Fördergelder nach seinen Recherchen nicht in investigative Recherchen, Faktenchecks oder die redaktionelle Arbeit flössen, sondern ausschließlich in Medienbildungsprojekte.

Gräfer sucht immer wieder die politische Debatte

Dass sich Gräfer gegen die AfD positioniert, ist keineswegs neu. Bereits vor rund fünf Monaten wandte er sich auf LinkedIn direkt an Menschen in seinem Netzwerk, die die Partei wählen oder mit ihr sympathisieren.

Die AfD stehe für

„Hass, Hetze und Dauerempörung“,

schrieb er damals und bezeichnete sie zugleich als Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung.

Später legte er erneut nach und empfahl eine CDU-Broschüre über die AfD sowie das AfD-Programm für Sachsen-Anhalt zur Lektüre und schrieb, inzwischen gehe es um Demokratie, Rechtsstaat und Menschenwürde. Auch dieser Beitrag entwickelte sich mit mehr als 250 Kommentaren zu einer breiten Debatte.

Zuletzt griff Gräfer zudem rassistische Kommentare gegen den deutschen Marathonläufer und Europameister Amanal Petros auf und wandte sich ausdrücklich gegen die Vorstellung, Menschen mit Migrationsgeschichte seien keine „richtigen Deutschen“.

Politische Positionierung ist ein wiederkehrender Bestandteil seines Auftritts, auch über die AfD hinaus. Nach der Übernahme von Twitter durch Elon Musk deaktivierte Gräfer seinen privaten X-Account; später ließ die Bayerische auch ihren Unternehmensaccount löschen. Er begründete dies mit der Entwicklung der Plattform zu einem aus seiner Sicht zunehmend faktenfreien Propagandamedium. Nach Donald Trumps Wahlsieg 2024 sprach er von einem „eiskalten Weckruf“ für Europa.

Ein Vorstand als eigene Medienmarke – Selbstinszenierung inklusive

Wer Gräfers LinkedIn-Auftritt länger verfolgt, erkennt allerdings schnell: Haltung ist nur ein Teil seiner persönlichen Kommunikationsstrategie. Der Vorstand der Bayerischen macht sich selbst und sein Leben regelmäßig zum Gegenstand seiner Beiträge. Sein öffentliches Profil weist inzwischen mehr als 1.000 Beiträge aus.

Vor einem Monat erfuhr man aus einem Post, dass der Spitzenmanager nach eigener Aussage seit 15 Monaten keinen Alkohol mehr trinkt. Im April 2025 habe er 133,5 Kilogramm gewogen, inzwischen seien es 91,5 Kilogramm. Dazu postete er ein Bild von seinem Zieleinlauf beim „B2Run München“.

Auch Geschäftliches und Privates lässt der 57-Jährige bewusst ineinanderlaufen. Vor wenigen Monaten ließ er sich die Wohngebäude- und Sachversicherung der Bayerischen nicht etwa im Büro oder Filmstudio erklären, sondern „bei mir zuhause. Ganz privat“, wie er schrieb. Dabei waren unter anderem der Versicherungsmakler Nico Streker und Mitarbeiter der Bayerischen. Aus dem privaten Beratungstermin wurde anschließend ein LinkedIn-Beitrag über Beratung, Risiken und ein Produkt des Versicherers.

Geschäftsreisen und Urlaube liefern Gräfer ebenfalls Stoff für LinkedIn. Ende 2025 berichtete er von einer Reise mit Führungskräften nach Miami. Zuletzt wurde selbst die Heimreise aus dem Urlaub zum Aufhänger für einen längeren Post über die deutsche Wirtschaft: Gräfer griff einen vor Urlaubsbeginn gelesenen Artikel der FAZ wieder auf, der ein positiveres Bild der wirtschaftlichen Lage zeichnete. Auch Geschäftszahlen inszeniert Gräfer gern persönlich und zugespitzt. Seinen Rückblick auf das Geschäftsjahr 2025 eröffnete er mit den Worten: „Aus, aus, das Spiel ist aus … die Bayerische gewinnt 2:1.“

Dazu passt sein sprachlicher Stil. Kurze Sätze, starke Zuspitzungen, Emojis, bewusst gesetzte Ein- oder Zwei-Wort-Passagen und Formulierungen wie „Das ist kein Ausrutscher. Das ist Methode.“ erinnern stark an jenen Linkedin-Stil, der inzwischen häufig mithilfe von KI produziert wird. Ob Gräfer bei seinen Beiträgen tatsächlich ein KI-Werkzeug einsetzt, lässt sich daraus allerdings nicht belegen.


Mein Kommentar: Eine richtige Botschaft

Man kann Martin Gräfer sendungsbewusst oder aufmerksamkeitsuchend nennen. Sein LinkedIn-Auftritt erinnert mich mitunter an Carsten Maschmeyer oder Karl-Theodor zu Guttenberg: Auch sie beherrschen die Kunst, die eigene Person zum Mittelpunkt einer fortlaufenden Erzählung zu machen. Kaum ein Erlebnis scheint grundsätzlich ungeeignet, irgendwann zum LinkedIn-Content zu werden. Persönliches wird zur großen Erkenntnis, Erfolge zu Geschichten über Haltung und Führung. Nicht selten schwingt die Botschaft mit: Schaut her, was ich erlebt, erkannt oder erreicht habe. Gräfer bedient diese Form der Selbstinszenierung ebenfalls ausgiebig.

Gleichzeitig versteht Gräfer besser als viele andere Versicherungsvorstände, dass LinkedIn längst ein eigenes Medium geworden ist. Er beherrscht die Mechanik der Plattform und weiß, dass Persönlichkeit, Zuspitzung und Konflikt Reichweite bringen.

In diesem Fall ist es gut, dass Gräfer die Klaviatur sozialer Medien so wirkungsvoll bespielt. Denn mit seiner Botschaft liegt er richtig. Für mich ist die AfD unwählbar. Viele ihrer Positionen, etwa die Leugnung des menschengemachten Klimawandels, sind ein Anschlag auf den gesunden Menschenverstand. Und ich finde es richtig, wenn ein Vorstand eines großen Versicherungsunternehmens das nicht nur im vertraulichen Gespräch sagt, sondern öffentlich.

Richtig finde ich auch, dass Gräfer die Arbeit von Correctiv gegen pauschale Angriffe verteidigt. Das Recherchenetzwerk ist nicht unfehlbar; Fehler und juristische Niederlagen gehören zu seiner Bilanz. Dass Gräfer sachlich bleibt und gegen den reaktionären Irrsinn mancher Kommentatoren argumentiert, die im Zusammenhang mit Correctiv etwa von „grünen Staatsgeldern“ fabulieren, ist ihm hoch anzurechnen.

Wo sind die anderen Vorstände?

Enttäuschend finde ich dagegen die Zurückhaltung vieler seiner Vorstandskollegen in der Versicherungsbranche. Anfang 2024, nach den Enthüllungen über das Potsdamer Treffen, positionierten sich zahlreiche Spitzenmanager der Assekuranz gegen Rechtsextremismus und teilweise ausdrücklich gegen die AfD. Danach wurde es wieder deutlich ruhiger.

Grundsätzlich scheuen Versicherungsmanager die öffentliche Debatte keineswegs. Allianz-Chef Oliver Bäte etwa löste Anfang 2025 mit seiner Forderung nach einem Karenztag bei Krankheit eine bundesweite politische Diskussion aus. Auch zu Regulierung, Sozialabgaben, Wettbewerbsfähigkeit oder Klimapolitik äußern sich Vorstände regelmäßig.

Beim Thema AfD herrscht aber gerade jetzt vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt weitgehend Funkstille. Dabei ist diese Wahl aus meiner Sicht von existenzieller Bedeutung: Es geht längst nicht mehr nur um unterschiedliche politische Programme, sondern auch um die Zukunft demokratischer Institutionen und Grundwerte. Zumindest in diesem Fall sollte eine parteipolitische Positionierung für Unternehmenslenker nicht tabu sein. Wer für zehntausende Beschäftigte, Milliardenanlagen und langfristige Kundenversprechen Verantwortung trägt, muss Teil der gesellschaftlichen Debatte sein.

Gräfer ist mir in seiner öffentlichen Selbstdarstellung häufig zu viel. Hier ist er es nicht, denn er nutzt seine Reichweite für eine Botschaft, die viel zu wenige seiner Vorstandskollegen derzeit öffentlich vertreten.


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