Bröckelt die Brandmauer? Wie Verbände und Unternehmen ihr Verhältnis zur AfD definieren
Die AfD gewinnt seit Jahren an politischem Gewicht – und mit jedem Wahlerfolg wächst der Druck auf Wirtschaft und Verbände, ihr Verhältnis zur Partei eindeutig zu klären. Was früher eine theoretische Frage war, wird zunehmend zur praktischen Herausforderung: Wie umgehen mit einer Partei, die von Sicherheitsbehörden als rechtsextrem eingestuft wird, gleichzeitig aber in ostdeutschen Bundesländern vor Regierungsbeteiligungen steht?
Ein aktueller Beitrag von cash-online.de vom 11.12.2025, zeigt deutlich: Die meisten Verbände der Finanz- und Versicherungsbranche ziehen inzwischen eine klare Grenze.
Zwischen Anspruch und Realität: Der schwierige Umgang mit der AfD
Vorweg die Fakten, die Cash. in Erinnerung ruft: Die AfD wird von Verfassungsschutz und Gerichten mit rechtsextremen bzw. verfassungsfeindlichen Bestrebungen in Verbindung gebracht. Ethnisch definierte Vorstellungen vom „Volk“, Forderungen nach sogenannter „Remigration“ sowie wiederholte Angriffe auf zentrale Institutionen der Demokratie prägen das öffentliche Auftreten der Partei – Positionen, die klar außerhalb des demokratischen Grundkonsenses liegen
Trotzdem gelingt es der Partei, bei Wahlen zu punkten. Für Unternehmen und Verbände bedeutet das: Sie müssen sich positionieren. Zwei Wege stehen offen – Gespräche führen oder konsequent verweigern.
Der Fall „Die Familienunternehmer“: Ein Lehrstück über strategische Fehlkalkulation
Besonders deutlich wird die Zerrissenheit am Beispiel des Verbands Die Familienunternehmer. Die Entscheidung, zur Oktober-Veranstaltung auch AfD-Abgeordnete einzuladen, sollte ein „Stellen der Inhalte“ ermöglichen, wurde jedoch zum kommunikativen Debakel.
Die Folgen waren drastisch:
- prominente Unternehmen wie Vorwerk, Rossmann und Fritz-Kola traten aus
- interne Kritik wurde laut
- der Verband vollzog eine Kehrtwende und schloss die AfD wieder von Veranstaltungen aus
- die Glaubwürdigkeit der Präsidentin Marie-Christine Ostermann erlitt schweren Schaden
Der Fall zeigt: Neutralität oder „offene Gesprächsbereitschaft“ lässt sich gegenüber einer als extremistisch eingestuften Partei kaum halten, ohne die eigene Basis und die öffentliche Wahrnehmung zu riskieren.
Die Finanzbranche zieht klare Linien: AfW und Votum verweigern Gespräche
Andere Verbände gehen wesentlich entschiedener vor. Vor allem in der Finanz- und Versicherungsbranche scheint die Brandmauer stabil zu stehen.
Der AfW Bundesverband Finanzdienstleistung nimmt eine eindeutige Haltung ein: Keine Gespräche mit der AfD – weder offiziell noch informell.
AfW-Vorstand Frank Rottenbacher verweist gegenüber Cash. auf die Einschätzung des Verfassungsschutzes:
Da die AfD fundamentale Prinzipien von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft infrage stelle, gebe es keine Grundlage für institutionelle Gespräche.
Auch der Votum Verband Unabhängiger Finanzdienstleistungsunternehmen sieht keinen Anlass für Annäherung: Man habe bisher keine Arbeitsbeziehungen zur AfD aufgebaut und plane dies weiterhin nicht.
BVK und GdV: Distanz – mit einer Nuance
Etwas technischer formuliert es der Bundesverband deutscher Versicherungskaufleute (BVK).
Zwar betont BVK-Präsident Michael H. Heinz die parteipolitische Neutralität, die die Erstellung von Wahlprüfsteinen für alle Bundestagsparteien erfordere. Doch die zentrale Botschaft bleibt klar:
- aktiver Austausch mit der AfD findet nicht statt
- sollte die AfD eine rein fachliche Anfrage stellen, würde diese zwar beantwortet
- eine institutionelle Zusammenarbeit schließt der BVK jedoch ausdrücklich aus
Eine klare Abgrenzung – auch wenn sie diplomatischer formuliert ist als bei AfW und Votum.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) vermeidet es zwar, die AfD namentlich zu erwähnen, doch die Regel, die Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen formuliert, lässt keinen Interpretationsspielraum:
Gesprächspartner seien nur Parteien, die sich eindeutig zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen.
Extremistische Positionen – egal aus welcher Richtung – seien grundsätzlich ausgeschlossen.
Damit ist faktisch auch hier eine Brandmauer gezogen.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Die Recherche von Cash. macht etwas sehr deutlich: Die politische Normalisierung der AfD wird von den großen Branchenverbänden der Wirtschaft nicht mitvollzogen. Im Gegenteil – je näher die Partei einer Regierungsbeteiligung kommt, desto stärker betonen die Verbände ihre Distanz.
Gleichzeitig zeigt der Fall „Die Familienunternehmer“, wie schnell Unternehmen unter Druck geraten können, wenn sie versuchen, eine Linie zwischen Offenheit und Abgrenzung zu ziehen. Wirtschaftliche Neutralität gegenüber einer Partei, die demokratische Grundsätze angreift, scheint kaum möglich.
Die Brandmauer mag politisch wackeln – in der Finanz- und Versicherungswirtschaft steht sie derzeit stabiler als anderswo.
Inspiriert durch den Artikel habe ich mich gefragt, welche Branchenmeinungen mir selbst bisher dazu aufgefallen sind. Ganz so beliebt sind politische Themen in Branchenpublikationen ja ohnehin nicht und dann noch AfD, aber es gibt auch dazu einige eindeutige Positionierungen.
Öffentliche Stimmen, Initiativen und Vermittlerstimmungen
Auffällig ist zudem, dass sich auch einzelne prominente Branchenvertreter zunehmend öffentlich zur politischen Lage äußern – insbesondere in den sozialen Medien. Einer der sichtbarsten ist Martin Gräfer, Vorstand des Versicherers Die Bayerische, der auf LinkedIn die Einstufung der AfD als gesichert rechtsextrem ausdrücklich begrüßte und als „überfällig“ bezeichnete. Gräfer bekräftigt seine Positionierung regelmäßig mit neuen Appellen an die Branche, Verantwortung für demokratische Grundwerte zu übernehmen. Seine Beiträge lösen dabei stets zahlreiche zustimmende Reaktionen von Führungskräften, Versicherungsangestellten und Vermittlern aus.
Auch auf Unternehmensebene sorgt der Umgang mit der AfD für Diskussionen. Bei der Allianz etwa wurde im Oktober 2025 ein extern erstelltes internes Kommunikationspapier bekannt, das Leitlinien zum Umgang mit der AfD skizzieren sollte. Über dessen genaue Inhalte wurde nie öffentlich informiert, doch allein der Auftrag führte zu einer heftigen internen Debatte – bis hin zu einem arbeitsgerichtlichen Verfahren, nachdem ein Mitarbeiter die Maßnahme kritisiert hatte und sich anschließend benachteiligt fühlte. Der Vorgang zeigte, wie politisch sensibel das Thema selbst in einem globalen Konzern geworden ist.
Eine besondere Rolle spielt auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Der Verband hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach aktiv pro Demokratie und gegen extremistische Tendenzen positioniert. Unter dem Hashtag #DemokratieVersichert rief der GDV gemeinsam mit zahlreichen Versicherungsunternehmen zur Teilnahme an der Bundestagswahl auf und betonte die Bedeutung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung als Fundament der Branche. GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen warnte in diesem Kontext offen vor populistischen und demokratiefeindlichen Kräften und appellierte, die demokratischen Parteien zu stärken. Schon zuvor hatten Asmussen und GDV-Präsident Norbert Rollinger deutlich gemacht, dass rechtsextreme Positionen und wirtschaftliche Stabilität nicht miteinander vereinbar seien. Mit Initiativen wie #WirVersicherer unterstreicht der Verband außerdem seine Haltung für Vielfalt, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.
Wie aber sieht es bei den Vermittlern selbst aus? Repräsentative Umfragen, die das tatsächliche Wahlverhalten von Versicherungsvermittlern messen, existieren bislang nicht. Ein aussagekräftiges, wenn auch nicht repräsentatives Stimmungsbild lieferte zuletzt das AfW-Vermittlerbarometer 2023: In der dort erhobenen Sonntagsfrage gaben rund 21 % der Befragten an, die AfD wählen zu wollen, womit die Partei hinter CDU/CSU und FDP auf Platz drei lag. Seit 2024 erscheint das Vermittlerbarometer allerdings ohne politische Sonntagsfrage, sodass aktuellere Daten fehlen.
Legt man – mit aller Vorsicht – nahe, dass die Sympathiewerte für die AfD unter Vermittlern etwas unterhalb der Werte der Gesamtbevölkerung liegen, wie sie von repräsentativen Instituten wie Infratest dimap, Forsa oder INSA gemessen werden, dann entsteht ein interessantes Bild: Die klare Brandmauer der Verbände liegt zwar weit entfernt vom mutmaßlichen Wahlverhalten eines relevanten Teils der Vermittlerschaft, dürfte aber mit der großen Mehrheit der Vermittlerschaft weiterhin deckungsgleich sein. Zumal nicht alle AfD-Sympathisanten die extremen Positionen der Partei aktiv teilen – auch wenn sie diese scheinbar billingend in Kauf nehmen.
Diese Beispiele machen deutlich: Die Branche beginnt, ihre eigene Rolle im gesellschaftlichen Diskurs stärker zu reflektieren. Während Verbände institutionell auf Distanz zur AfD gehen und sich klar für demokratische Grundwerte positionieren, zeigen Einzelstimmen, interne Kontroversen und Stimmungsindikatoren aus Vermittlerumfragen, dass der Konflikt um Werte, Demokratie und politische Abgrenzung längst im inneren Diskurs der Versicherungswirtschaft angekommen ist.
Artikel von cash-online.de: „Warum Finanz- und Versicherungsverbände klare Grenzen zur AfD ziehen“ vom 11.12.2025.

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