Bayerische beendet Sponsoring nach Zwangsabstieg der Löwen

„Seit zehn Jahren begleiten wir den TSV 1860 München als Partner. Aus einem Sponsoring ist in dieser Zeit viel mehr geworden: Verbundenheit, Freundschaft und die gemeinsame Überzeugung, dass Tradition, Leidenschaft und Zusammenhalt einen besonderen Wert haben.“

Warum die Bayerische die Reißleine zieht

Wer trägt die Verantwortung für den zweiten Zwangsabstieg des TSV 1860 München binnen neun Jahren? Der Verein sieht Investor Hasan Ismaik in der Pflicht. Ismaik weist die Vorwürfe zurück. Und mittendrin zieht mit der Bayerischen ausgerechnet jener Sponsor die Reißleine, der die Löwen selbst nach dem ersten Absturz 2017 noch unterstützt hatte.

Der Rückzug des langjährigen Hauptsponsors markiert einen weiteren Tiefpunkt in einer Krise, die weit über sportliche Fragen hinausgeht. Denn die Entscheidung der Bayerischen ist mehr als das Ende eines Sponsoringvertrags. Sie steht symbolisch für das Scheitern eines Konflikts, der den Verein seit Jahren begleitet.

Zehn Jahre mehr als nur Sponsoring

In einem viel beachteten LinkedIn-Beitrag begründete Vorstand Martin Gräfer den Schritt mit ungewöhnlich persönlichen Worten:

Doch auf die emotionale Würdigung folgt die wirtschaftliche Konsequenz:

„Als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit müssen wir die Interessen unserer Kunden, Mitglieder, Mitarbeitenden und Vertriebspartner wahren. Deshalb werden wir von dem vertraglich vorgesehenen Sonderkündigungsrecht Gebrauch machen.“

Die Bayerische beendet damit ihr Engagement nach zehn Jahren und nutzt eine vertraglich vereinbarte Ausstiegsklausel für den Fall eines Zwangsabstiegs.

Der Lizenzentzug als Wendepunkt

Auslöser der jüngsten Eskalation war der Verlust der Drittliga-Lizenz. Nach Angaben des Vereins konnten die finanziellen Voraussetzungen gegenüber dem Deutschen Fußball-Bund nicht fristgerecht nachgewiesen werden. Es fehlten rund 2,7 Millionen Euro.

Nach Darstellung der Vereinsführung wurden zuvor bereits zugesagte Darlehen kurzfristig wieder zurückgezogen. Dadurch sei der erforderliche Liquiditätsnachweis gescheitert. Der DFB verweigerte daraufhin die Lizenz, der Gang in die Regionalliga war unausweichlich.

Das Ende der Partnerschaft mit Hasan Ismaik

Nur einen Tag später zog der Verein die nächste Konsequenz und kündigte den seit 2011 bestehenden Kooperationsvertrag mit Investor Hasan Ismaik.

Damit endet vorerst eine Beziehung, die den Verein über anderthalb Jahrzehnte geprägt hat – und die immer wieder von Konflikten begleitet wurde.

Die taz erinnerte nach dem neuerlichen Absturz daran, dass bereits der Verlust der Drittliga-Lizenz im Jahr 2017 auf einen schweren Konflikt zwischen Vereinsführung und Investor zurückging. Der aktuelle Zwangsabstieg wirkt deshalb für viele Beobachter wie ein bitteres Déjà-vu.

15 Jahre Streit zwischen Investor und Verein

Als Hasan Ismaik 2011 bei 1860 München einstieg, galt sein Engagement zunächst als Rettung für einen finanziell angeschlagenen Traditionsverein. Über seine Unternehmensgruppe HAM International übernahm er die Mehrheit der Kapitalanteile an der Profifußball-Gesellschaft. Gleichzeitig blieb die Kontrolle über wesentliche Entscheidungen aufgrund der 50+1-Regel beim Verein.

Genau darin lag einer der zentralen Konflikte der folgenden Jahre.

Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen über Kompetenzen, Personalentscheidungen, die strategische Ausrichtung des Vereins und die Finanzierung des Profifußballs. Hinzu kamen unterschiedliche Vorstellungen über die Stadionfrage. Während Ismaik mehrfach größere Lösungen ins Gespräch brachte, bekannten sich große Teile des Vereins und der Fanszene zum Grünwalder Stadion.

Besonders konfliktreich waren regelmäßig Finanzierungsfragen. Dabei ging es häufig um Darlehen, Kapitalmaßnahmen und die Bedingungen, unter denen frisches Geld zur Verfügung gestellt werden sollte. Kritiker warfen Ismaik wiederholt vor, finanzielle Unterstützung an zusätzliche Forderungen zu knüpfen. Der Investor selbst wies solche Vorwürfe regelmäßig zurück.

Der erste große Bruch erfolgte 2017. Nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga fehlten dem Klub die finanziellen Voraussetzungen für die Drittliga-Lizenz. Nach damaliger Darstellung wollte Ismaik den Fehlbetrag nur unter bestimmten Voraussetzungen ausgleichen. Die Vereinsführung hielt Teile dieser Forderungen für nicht umsetzbar. Eine Einigung scheiterte, die Lizenz ging verloren und 1860 musste den Gang in die Regionalliga antreten.

Neun Jahre später wiederholt sich die Geschichte in bemerkenswerter Weise. Erneut scheiterte eine Finanzierungslösung, erneut verloren die Löwen die Lizenz und erneut stehen sich Verein und Investor mit unterschiedlichen Darstellungen gegenüber.

Ismaik weist die Vorwürfe zurück

Während große Teile des Vereinsumfelds den Investor für das Scheitern der Lizenzierung verantwortlich machen, weist Hasan Ismaik die Vorwürfe zurück.

Noch vor der offiziellen Kündigung des Kooperationsvertrags veröffentlichte er eine Stellungnahme, in der er vor vorschnellen Schuldzuweisungen warnte:

„Bevor wir eine einzelne Person für alles verantwortlich machen, was in den vergangenen Jahren geschehen ist, sollten wir uns eine einfache Frage stellen: Hatte diese Person tatsächlich die Entscheidungsbefugnis für die wichtigsten Entscheidungen?“

Mit dieser Aussage verweist Ismaik auf die komplizierten Entscheidungsstrukturen bei 1860 München. Aus seiner Sicht greift es zu kurz, die Verantwortung allein beim Investor zu suchen.

Der Verein verweist dagegen auf die aus seiner Sicht nicht erfüllte Finanzierungspflicht und die daraus resultierenden Folgen für die Lizenzierung.

Zwischen diesen beiden Sichtweisen bewegt sich die Debatte bis heute.

Warum der Ausstieg der Bayerischen besonders schwer wiegt

Der Rückzug des Sponsors ist deshalb bemerkenswert, weil die Bayerische in der Vergangenheit nicht den einfachen Weg gewählt hatte.

Nach dem ersten Zwangsabstieg 2017 blieb das Unternehmen an Bord. Für viele Fans wurde der Versicherer zum Symbol eines Partners, der auch in schwierigen Zeiten Verantwortung übernimmt.

Martin Gräfer erinnerte in den Kommentaren zu seinem LinkedIn-Beitrag daran, wie weit dieses Engagement ging:

„Wir haben den Verein nun zehn Jahre eng begleitet. Nach dem Abstieg von der 2. Liga in die 4. Liga haben wir ihn massiv unterstützt. Als Präsident und Geschäftsführer plötzlich verschwunden sind, haben wir Verantwortung übernommen. Wir haben vor einigen Jahren die Insolvenz verhindert und durch die Vergabe von Darlehen die Lizenz gerettet.

Und die Liste ließe sich noch weiter verlängern. Aber wir müssen respektieren, dass die Gesellschafter des Profifußballs keine Lösungen gefunden haben und keinen gemeinsamen Weg gehen können. Nun fehlen die Rahmenbedingungen, um in dieser Konstellation überhaupt weitermachen zu können.“

Diese Aussage verdeutlicht, dass die Bayerische weit mehr war als ein klassischer Werbepartner. Das Unternehmen verstand sich über Jahre hinweg als Unterstützer und Stabilitätsfaktor im Umfeld des Vereins.

Die Bayerische reagierte schnell

Wie ungewöhnlich der Zeitpunkt des Rückzugs war, hebt eine Analyse des Wirtschaftsmagazins Business Punk hervor. Demnach zog die Bayerische ihr vertraglich vereinbartes Sonderkündigungsrecht bereits wenige Stunden nach Ablauf der DFB-Frist. Zwar seien entsprechende Klauseln im Sportsponsoring üblich, ein sofortiger Vollzug unmittelbar nach einem Abstieg oder Lizenzentzug jedoch keineswegs selbstverständlich. Häufig würden Sponsoren zunächst die Folgen der Krise bewerten oder Gespräche über die künftige Zusammenarbeit führen.
Vor diesem Hintergrund wirft die Analyse die Frage auf, ob die Bayerische die Risiken rund um den TSV 1860 München bereits deutlich früher und kritischer eingeschätzt hatte als viele Beobachter außerhalb des Vereinsumfelds. Als Versicherungsunternehmen verfüge die Bayerische über ausgeprägte Risiko- und Compliance-Strukturen und beobachte ihre Sponsoring-Partner kontinuierlich. Die Bayerische sei im Münchner Raum tief verankert und kenne die lokale Stakeholder-Landschaft. Sie wisse, was in den Münchner Wirtschaftskreisen gemurmelt werde, Belege dafür, dass dem Unternehmen konkrete, nicht öffentliche Informationen vorlagen, nennt die Analyse allerdings nicht.

Ein Signal an den Verein

Obwohl die Bayerische ihren Schritt ausdrücklich mit wirtschaftlicher Verantwortung begründet, besitzt die Entscheidung auch eine symbolische Dimension.

Ein Sponsor, der selbst nach dem Absturz von 2017 geblieben war und sich öffentlich immer wieder zum Verein bekannte, zieht nun die Konsequenzen aus einer Entwicklung, die nach Ansicht vieler Beobachter seit Jahren ungelöst geblieben ist.

Gleichzeitig vermeidet Gräfer jeden Ton der Abrechnung.

„Unsere Wertschätzung für den TSV 1860 München bleibt unverändert. Für die Menschen im Verein. Für die vielen Ehrenamtlichen. Und ganz besonders für die Fans, die ihren Löwen auch in schweren Zeiten die Treue halten.“

Und weiter:

„Ob dies das Ende eines gemeinsamen Weges ist oder der Beginn eines echten Neuanfangs, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.“

Ob dieser Neuanfang gelingt, bleibt offen.

Fest steht jedoch: Mit dem Lizenzentzug, der Trennung von Hasan Ismaik und dem Rückzug der Bayerischen endet eine Ära bei 1860 München. Die kommenden Monate werden zeigen, ob darin tatsächlich die Chance für einen Neuanfang liegt.


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