Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat am 17. August 2026 ihre neue Studie „Verkehrsklima in Deutschland 2026“ veröffentlicht, für die bundesweit 2.004 Menschen zu ihrem Verhalten und ihrer Wahrnehmung im Straßenverkehr befragt wurden. Die UDV untersucht das Verkehrsklima seit Jahren. Bei nahezu allen 23 abgefragten Verhaltensweisen zur Aggression liegen die Werte 2026 höher als noch 2023. Das haben wir uns natürlich direkt einmal angesehen. Schauen wir gemeinsam auf die Ergebnisse.
Wut am Steuer wird häufiger ausgelebt
2016 sagten 29 Prozent der Autofahrenden, dass sie sich sofort abreagieren müssten, wenn sie sich über andere Autofahrer ärgern. 2019 waren es 45 Prozent, 2023 bereits 50 Prozent und 2026 sind es 55 Prozent.
Ähnlich sieht es beim Vordrängeln aus. 2016 gaben 37 Prozent an, bei einer wartenden Autoschlange zu versuchen, sich möglichst weit vorne einzuordnen. Inzwischen sind es 56 Prozent.
Weniger eindeutig ist die Entwicklung beim Schnellfahren aus Ärger. 2016 sagten 47 Prozent, dass sie schneller fahren als sonst, wenn sie sich ärgern. 2019 waren es ebenfalls 47 Prozent, 2023 53 Prozent und 2026 51 Prozent. Gegenüber der letzten Erhebung ist der Wert damit sogar leicht gesunken.
Drängeln, Ausbremsen und Rechtsüberholen
Wenn vor ihnen ein Auto „bummelt“, gaben 2016 29 Prozent an, zu drängeln, um vorbeizukommen. 2019 waren es 32 Prozent, 2023 39 Prozent und 2026 inzwischen 47 Prozent.
Auch das bewusste Ausbremsen eines Dränglers wird häufiger genannt. 2016 sagten 30 Prozent, dass sie kurz auf die Bremse treten, wenn die Person hinter ihnen drängelt, um sie zu ärgern. 2019 waren es 42 Prozent, 2023 44 Prozent und 2026 46 Prozent.
Beim dichten Auffahren auf vermeintliche Linksfahrer steigt der Wert von 26 Prozent im Jahr 2016 auf 40 Prozent im Jahr 2026. Dazwischen lagen 2019 ebenfalls 26 Prozent und 2023 34 Prozent.
Wer sich auf der Autobahn am Überholen gehindert fühlt und dann rechts vorbeifährt, kam 2016 auf 23 Prozent. 2019 waren es wieder 23 Prozent, 2023 29 Prozent und 2026 38 Prozent.
Lichthupe und Blinker werden häufiger eingesetzt
2016 erklärten zwölf Prozent der Autofahrenden, andere auf der Autobahn häufig mit Lichthupe oder Blinker auf ihr Kommen aufmerksam zu machen. 2019 waren es 16 Prozent, 2023 21 Prozent und inzwischen 32 Prozent.
Auch Drängeln wird häufiger als Teil des eigenen Fahrstils beschrieben. Der Aussage „Drängeln gehört bei den vollen Straßen heutzutage einfach zu meinem Fahrstil“ stimmten 2016 14 Prozent zu. 2019 waren es zwölf Prozent, 2023 20 Prozent und 2026 29 Prozent.
Dicht vor einem anderen Auto einzuscheren, sodass dieses abbremsen muss, räumten 2016 21 Prozent ein. 2019 waren es 20 Prozent, 2023 24 Prozent und 2026 32 Prozent.
Bei der Aussage „Manchmal erzwinge ich mir auch die Vorfahrt“ waren es 2016 20 Prozent. 2019 blieb der Wert bei 20 Prozent, 2023 stieg er auf 25 Prozent und 2026 auf 34 Prozent.
Auch Konkurrenzdenken spielt eine Rolle
18 Prozent sagten 2016, dass sie sich gut fühlen, wenn sie auf der Landstraße schnell fahren und möglichst viele Autos überholen. 2019 waren es 21 Prozent, 2023 25 Prozent und 2026 35 Prozent.
Wenn sie selbst überholt werden, treten manche nach eigener Aussage aufs Gas. Das sagten 2016 24 Prozent, 2019 25 Prozent, 2023 31 Prozent und 2026 35 Prozent.
Ein anderes Manöver hat ebenfalls deutlich zugelegt. Wer unerlaubt überholt wurde, fährt dicht auf das Fahrzeug vor sich auf, damit der Überholende nicht wieder einscheren kann. 2016 gaben das 21 Prozent an, 2019 26 Prozent, 2023 31 Prozent und 2026 37 Prozent.
Bei einer langen Abbiegerschlange einfach vorbeizufahren und sich weiter vorne einzuordnen, gaben 2016 18 Prozent an. 2019 waren es ebenfalls 18 Prozent, 2023 22 Prozent und 2026 bereits 34 Prozent.
Eine der Fragen ist positiv formuliert. 2016 erklärten 97 Prozent, beim Überholen von Radfahrenden besonders viel Rücksicht zu nehmen. 2019 und 2023 waren es jeweils 96 Prozent. 2026 sind es noch 92 Prozent.
Auch auf dem Rad wird es ruppiger
Bei Fahrrad- und Pedelecfahrenden reicht die vergleichbare Datenreihe für diese Fragen nur bis 2023 zurück. Schon innerhalb dieser drei Jahre haben sich einige Werte deutlich verändert.
2023 gaben 39 Prozent an, sich bei einer Warteschlange auf dem Radweg möglichst weit vorne einzuordnen. 2026 sind es 56 Prozent.
39 Prozent sagten 2023, dass sie drängeln und auch mal sehr dicht an langsameren Radfahrern vorbeifahren. Drei Jahre später sind es 49 Prozent.
Wer rechts nicht an Autos vorbeikommt und dann auch links überholt oder sich durch den Verkehr schlängelt, lag 2023 bei 34 Prozent. 2026 sind es 48 Prozent.
Bei der positiv formulierten Aussage, mit umsichtigem Tempo zu fahren, um plötzliche Bremsungen oder Unfälle zu vermeiden, ging der Wert dagegen von 93 auf 89 Prozent zurück.
Beim Erzwingen der Vorfahrt stieg der Anteil innerhalb von drei Jahren von 28 auf 43 Prozent.
Dass Drängeln auf engen und vollen Radwegen inzwischen einfach zum eigenen Fahrstil gehöre, sagten 2023 25 Prozent. 2026 sind es 40 Prozent.
Ebenfalls 40 Prozent geben inzwischen an, im Fahrfluss einen Zebrastreifen auch ohne Anhalten oder Bremsen zu überfahren beziehungsweise sich durch Fußgänger hindurchzuschlängeln. 2023 waren es 24 Prozent.
Die anderen sind natürlich noch viel schlimmer
Bei der Einschätzung des eigenen Verhaltens und der Beobachtung anderer gehen die Zahlen weit auseinander.
56 Prozent der Autofahrer geben selbst an, sich bei einer Autoschlange möglichst weit vorne einzuordnen. Bei anderen haben 92 Prozent dieses Verhalten beobachtet.
37 Prozent räumen ein, nach einem unerlaubten Überholvorgang dicht aufzufahren, damit sich der andere nicht wieder einordnen kann. Bei anderen beobachten das 88 Prozent.
Beim Umgang mit Radfahrern ist das Bild ähnlich. 92 Prozent der Autofahrer sagen von sich, beim Überholen von Radfahrenden besonders viel Rücksicht zu nehmen. Zugleich haben 86 Prozent beobachtet, dass andere Autofahrer Radfahrende zu dicht überholen.
32 Prozent geben an, selbst schon einmal so knapp vor einem anderen Auto eingeschert zu sein, dass dieser bremsen musste. Bei anderen haben 88 Prozent dieses Verhalten gesehen.
Bei Fahrrad- und Pedelecfahrenden sieht es nicht anders aus. 49 Prozent räumen selbst ein, langsamere Radfahrer zu bedrängen oder sehr dicht zu überholen. Bei anderen beobachten das 84 Prozent.
40 Prozent sagen, dass sie im Fahrfluss gelegentlich einen Zebrastreifen überfahren, ohne anzuhalten oder zu bremsen. Bei anderen haben 81 Prozent dieses Verhalten beobachtet.
48 Prozent schlängeln sich nach eigener Aussage durch den Verkehr oder überholen Autos links, wenn sie rechts nicht weiterkommen. Bei anderen sehen das 83 Prozent.
Die Vorfahrt erzwingen sich nach eigener Aussage 43 Prozent zumindest in einem gewissen Maß. Bei anderen haben 80 Prozent dieses Verhalten beobachtet.
Der Titel der UDV-Pressemitteilung trifft diesen Teil der Untersuchung ziemlich gut: „Schuld sind immer die anderen.“
Das Smartphone fährt weiter mit
Die Untersuchung beschäftigt sich auch mit der Ablenkung am Steuer. Und das Smartphone ist längst mehr als nur ein Telefon.
2026 geben 24 Prozent der Autofahrer an, zumindest gelegentlich während der Fahrt Textnachrichten zu schreiben. 2016 waren es 14 Prozent, 2019 17 Prozent und 2023 23 Prozent.
Ohne Freisprechanlage telefonieren 2026 zumindest gelegentlich 27 Prozent. 2016 waren es 20 Prozent, 2019 17 Prozent und 2023 wieder 20 Prozent.
Mit Freisprechanlage telefonieren 2026 59 Prozent zumindest gelegentlich während der Fahrt. 2016 waren es 56 Prozent, 2019 66 Prozent und 2023 70 Prozent.
Bei sozialen Medien ist der Anstieg deutlich. 2019 nutzten sieben Prozent während der Fahrt zumindest gelegentlich soziale Netzwerke. 2023 waren es zwölf Prozent und 2026 21 Prozent.
Im Internet surften 2019 acht Prozent während der Fahrt, 2023 17 Prozent und 2026 24 Prozent.
Sprachnachrichten versenden 2026 34 Prozent zumindest gelegentlich. 2023 waren es 31 Prozent. Beim Anhören liegt der Anteil 2023 und 2026 jeweils bei 41 Prozent.
Textnachrichten lesen 2026 31 Prozent während der Fahrt. 2023 waren es 33 Prozent, 2019 29 Prozent.
Für einige Tätigkeiten gibt es keine durchgängige Vergleichsreihe. 2026 geben 45 Prozent an, während der Fahrt Audioinhalte auszuwählen. 24 Prozent nehmen Fotos oder Videos auf. Smartphone oder Navigationsgerät bedienen 63 Prozent zumindest gelegentlich während der Fahrt.
Sicher fühlen sich die meisten trotzdem
58 Prozent der Befragten fühlen sich 2026 im Straßenverkehr sicher oder sehr sicher. 35 Prozent vergeben auf der fünfstufigen Skala eine Vier, weitere 23 Prozent die Bestnote Fünf. 2016 kamen diese beiden Gruppen zusammen noch auf 62 Prozent.
Auf der anderen Seite hat sich der Anteil derjenigen verdoppelt, die sich gar nicht oder eher nicht sicher fühlen. 2016 waren es zusammen sieben Prozent, 2026 sind es 14 Prozent.
Männer fühlen sich dabei deutlich sicherer als Frauen. 66 Prozent der Männer bewerten ihr Sicherheitsgefühl mit vier oder fünf Punkten, bei den Frauen sind es 48 Prozent.
Mit dem Alter steigt das Sicherheitsgefühl. Bei den 18- bis 35-Jährigen fühlen sich 38 Prozent sicher oder sehr sicher. Bei den 36- bis 55-Jährigen sind es 58 Prozent, bei den 56- bis 69-Jährigen 64 Prozent und bei den über 70-Jährigen 74 Prozent.
Auch zwischen den Verkehrsmitteln gibt es Unterschiede. 64 Prozent der Pkw-Fahrer fühlen sich sicher oder sehr sicher. Bei Motorradfahrenden sind es 65 Prozent, bei Fußgängern 55 Prozent und bei Fahrradfahrenden 51 Prozent.
Pedelecfahrende kommen ebenfalls auf 51 Prozent, E-Scooter-Fahrende auf 46 Prozent und Mofa- beziehungsweise Mopedfahrende auf 42 Prozent.
Tempolimits finden mehr Zustimmung
74 Prozent unterstützen 2026 eine Null-Promille-Regelung für alle Kraftfahrer. 2023 waren es 68,2 Prozent, 2019 allerdings noch 76,2 Prozent.
Für eine 1,1-Promille-Grenze bei Radfahrenden sprechen sich 71,8 Prozent aus. 2023 waren es 61,1 Prozent.
Eine festzulegende Cannabisgrenze für Radfahrende unterstützen 67,6 Prozent. Für die Cannabisgrenze von 3,5 Nanogramm THC sind 66,9 Prozent.
Beim Tempolimit auf Autobahnen hat sich die Zustimmung deutlich verändert. Tempo 130 unterstützen 2026 60,1 Prozent. 2023 waren es 52,9 Prozent, 2019 53,3 Prozent, 2016 47,2 Prozent und 2010 55,6 Prozent.
Tempo 80 auf Landstraßen befürworten inzwischen 52,6 Prozent. 2023 waren es 47,2 Prozent, 2019 47,7 Prozent, 2016 40,9 Prozent und 2010 45,3 Prozent.
Tempo 30 in Städten erreicht 2026 eine Zustimmung von 42,6 Prozent. 2023 waren es 40,7 Prozent, 2019 39,4 Prozent, 2016 35,1 Prozent und 2010 36,1 Prozent.
Anders entwickelt sich die Zustimmung zu einer verpflichtenden Rückmeldefahrt für Menschen ab 75 Jahren. 2016 waren dafür noch 67,8 Prozent, 2019 62 Prozent, 2023 58,9 Prozent und 2026 54,6 Prozent.
Wie die Studie funktioniert
Grundlage ist eine repräsentative Online-Befragung von 2.004 Personen ab 18 Jahren. Sie wurde zwischen dem 16. März und dem 17. April 2026 durchgeführt. Die Ergebnisse wurden unter anderem nach Alter, Geschlecht, Bildung, Region, Führerscheinbesitz und der Nutzung verschiedener Verkehrsmittel gewichtet.
Beim aggressiven Fahrverhalten legt die UDV den Teilnehmern konkrete Aussagen vor. Gefragt wird beispielsweise nach Drängeln, dichtem Auffahren, Rechtsüberholen, Ausbremsen oder dem Erzwingen der Vorfahrt.
Geantwortet wird auf einer vierstufigen Skala. Für die veröffentlichten Grafiken fasst die UDV die Antworten anschließend zu zwei Gruppen zusammen. Die eine lautet „trifft nicht zu“. In der zweiten stecken sämtliche Antworten von „trifft kaum zu“ bis „trifft voll zu“.
Das ist für die Einordnung der Zahlen wichtig. Wenn etwa 55 Prozent bei einer bestimmten Aussage ausgewiesen werden, heißt das nicht, dass 55 Prozent dieses Verhalten häufig oder besonders ausgeprägt zeigen. In diesen 55 Prozent stecken auch diejenigen, die angegeben haben, dass die Aussage nur „kaum“ auf sie zutrifft.
Bei den Fragen zum aggressiven Fahrverhalten der Autofahrer umfasst die Teilstichprobe 2026 insgesamt 1.578 Personen. Für viele Aussagen gibt es Vergleichswerte aus den Jahren 2016, 2019, 2023 und 2026. Bei Fahrrad- und Pedelecfahrenden lässt sich dieser Teil der Untersuchung derzeit zwischen 2023 und 2026 vergleichen.
Ein einzelner Prozentwert sagt damit zunächst nur begrenzt etwas darüber aus, wie häufig ein bestimmtes Verhalten tatsächlich vorkommt. Aufschlussreicher ist der Vergleich über die Jahre. Und dort liegen die Werte bei Drängeln, dichtem Auffahren, Ausbremsen, Vordrängeln und Rechtsüberholen heute zum Teil erheblich über denen früherer Erhebungen.
Nur beim eigenen Anteil am schlechten Verkehrsklima scheint die Wahrnehmung weiterhin etwas großzügiger zu sein als bei den anderen.

Deine Meinung ist uns wichtig!