KI wird zur Schicksalsfrage
Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsthema mehr. Sie entwickelt sich zur strategischen Kernfrage der gesamten Versicherungswirtschaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse der Unternehmensberatung McKinsey. Die Botschaft ist eindeutig: In den kommenden zehn Jahren dürfte KI die Branche stärker verändern als jede vorherige Technologiewelle – und zwar weit über die Automatisierung einzelner Prozesse hinaus.
Während Versicherer in den vergangenen Jahren vor allem mit digitalen Antragsstrecken, Kundenportalen und Schaden-Apps experimentierten, geht es nun um weit mehr. KI greift in die gesamte Wertschöpfungskette ein – von der Produktentwicklung über das Underwriting bis hin zum Vertrieb und Schadenmanagement. Gleichzeitig könnten sich die Kräfteverhältnisse im Markt grundlegend verschieben.
Mit einem weltweiten Prämienvolumen von rund 8,3 Billionen US-Dollar zählt die Versicherungswirtschaft zu den größten Finanzbranchen der Welt. Dennoch blieb die Profitabilität in den vergangenen zwei Jahrzehnten hinter den Erwartungen zurück.
McKinsey nennt dafür mehrere Ursachen. Die Vertriebskosten sind unverändert hoch. Je nach Sparte fließen zwischen zehn und 25 Prozent jeder vereinnahmten Prämie in Provisionen und Akquisitionskosten. Gleichzeitig stagniert die Produktivität vieler Versicherer seit Jahren. Auch zahlreiche Digitalisierungsinitiativen konnten daran bislang nur wenig ändern.
Hinzu kommt eine wachsende sogenannte Schutzlücke. Naturkatastrophen verursachen weltweit Schäden, die vielfach unversichert bleiben. Noch deutlicher wird dies im Cyberbereich: Weniger als ein Prozent der weltweit entstehenden Cyberkosten sind nach Angaben von McKinsey derzeit überhaupt versichert. Hier sieht die Beratung erhebliches Wachstumspotenzial.
KI eröffnet neue Geschäftsfelder
Genau an dieser Stelle soll künstliche Intelligenz ansetzen. Leistungsfähigere Datenanalysen und neue Risikomodelle könnten Versicherern ermöglichen, bislang schwer kalkulierbare Risiken besser zu bewerten.
Dazu zählen unter anderem Cyberangriffe, Klimarisiken sowie Haftungsrisiken im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig könnte sich das Geschäftsmodell der Versicherer verändern. Anstatt erst nach einem Schaden zu leisten, würden sie ihre Kunden künftig kontinuierlich begleiten, Risiken überwachen und präventiv eingreifen. Versicherungen würden damit stärker zu aktiven Risikomanagern.
Der Vertrieb steht vor einer Zeitenwende
Besonders weitreichend sind die Prognosen für den Vertrieb.
McKinsey geht davon aus, dass künftig immer häufiger KI-Assistenten Policen vergleichen, Angebote bewerten und Tarifwechsel empfehlen werden. Damit verschiebt sich der erste Kundenkontakt weg vom klassischen Vermittler und hin zu digitalen Assistenten oder Plattformen. Wer mit seinen Produkten dort nicht präsent ist oder von den KI-Systemen nicht empfohlen wird, könnte künftig erhebliche Marktanteile verlieren.
Im standardisierten Privatkundengeschäft dürfte diese Entwicklung besonders schnell voranschreiten. In komplexen Gewerbe- und Industrieversicherungen oder bei anspruchsvollen Vermögensrisiken bleibt die persönliche Beratung zwar weiterhin wichtig. Dennoch erwartet McKinsey auch dort deutliche Produktivitätssteigerungen durch KI.
McKinsey verbindet diese Entwicklung mit konkreten Effizienzpotenzialen. Durch den konsequenten Einsatz von KI seien unter anderem höhere Abschlussquoten im Vertrieb, ein stärkeres Prämienwachstum, sinkende Kosten in der Neukundengewinnung sowie eine präzisere Schadenbearbeitung möglich. Entscheidend sei allerdings, dass KI nicht nur einzelne Prozesse unterstützt, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette eingesetzt wird.
Zwischen Skaleneffekten und Spezialisierung
Nach Einschätzung der Unternehmensberatung werden langfristig vor allem zwei Unternehmensstrategien erfolgreich sein. Zum einen große Versicherer, die ihre milliardenschweren Investitionen in Datenplattformen, Rechenleistung und KI über entsprechende Skaleneffekte refinanzieren können. Zum anderen hoch spezialisierte Anbieter, die in klar definierten Nischen über besondere Expertise verfügen und dort einen echten Mehrwert schaffen.
Für viele mittelgroße Versicherer könnte die Entwicklung dagegen zur Herausforderung werden. Wer KI lediglich in einzelnen Pilotprojekten testet, riskiert nach Einschätzung von McKinsey, den Anschluss an den Wettbewerb zu verlieren.
Drei Aufgaben für die Unternehmensleitungen
Die Beratung empfiehlt den Vorständen deshalb, den KI-Einsatz zur Chefsache zu machen. Neben einer klaren Strategie müssten gleichzeitig Technologie, Datenbasis, Organisation und Fachkompetenz weiterentwickelt werden. Ebenso wichtig sei ein kultureller Wandel innerhalb der Unternehmen. KI müsse Bestandteil des Arbeitsalltags werden und dürfe nicht auf einzelne Innovationsprojekte beschränkt bleiben. Auffällig ist dabei, dass McKinsey den Wandel ausdrücklich nicht als klassisches IT-Projekt versteht. Vielmehr spricht die Unternehmensberatung davon, Versicherer grundlegend „neu zu verkabeln“. Einzelne Pilotprojekte oder Chatbots reichten nicht aus. Gefordert sei ein tiefgreifender Umbau von Prozessen, Datenstrukturen und Organisation.
Mein Kommentar
Dass ausgerechnet McKinsey diese Prognose veröffentlicht, überrascht kaum. Schließlich zahlt die Vision einer umfassenden KI-Transformation direkt auf das eigene Geschäftsmodell als Strategieberatung ein. Das macht die Analyse nicht automatisch falsch – sie sollte aber mit der nötigen kritischen Distanz gelesen werden.
Momentan scheint es, als könne KI jedes Problem lösen. Doch zwischen technischer Machbarkeit und tatsächlicher Akzeptanz liegen Welten. Gerade in der Versicherungsbranche geht es häufig um existenzielle Entscheidungen – um Berufsunfähigkeit, große Haftungsrisiken oder die Regulierung komplexer Schäden. In solchen Situationen wollen viele Menschen keinen Chatbot, sondern einen Berater, der zuhört, einordnet und Verantwortung übernimmt. Interessant ist dabei, dass selbst McKinsey den Erfolg nicht allein von der Technik abhängig macht. Die Berater betonen ausdrücklich, dass der kulturelle Wandel in den Unternehmen mindestens ebenso wichtig sei wie die Investitionen in die KI selbst. Anders formuliert: Auch die beste künstliche Intelligenz entfaltet keinen Nutzen, wenn Mitarbeitende und Kunden sie am Ende nicht akzeptieren.
Bei der Verantwortung beginnt aus meiner Sicht die eigentliche Diskussion. Versicherungsvermittler benötigen nicht ohne Grund eine Zulassung. Sie unterliegen umfangreichen Beratungs- und Dokumentationspflichten, haften für Fehler und müssen eine Vermögensschadenhaftpflichtversicherung unterhalten.
Wenn KI künftig beraten, Tarife empfehlen und Kunden bis zum Vertragsabschluss begleiten soll, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wer haftet für Fehlberatungen? Benötigt der Betreiber eines KI-Assistenten künftig selbst eine Vermittlererlaubnis? Schließt er eine Vermögensschadenhaftpflichtversicherung ab? Und steht er im Streitfall genauso vor Gericht wie heute ein Versicherungsvermittler?
Vielleicht werden wir dafür eines Tages regulatorische Lösungen finden. Heute sind wir davon allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Deshalb glaube ich, dass KI den Versicherungsvertrieb massiv verändern und unterstützen wird – ihn aber auf absehbare Zeit nicht ersetzen kann. Denn Vertrauen, Verantwortung und Haftung lassen sich nicht einfach automatisieren.

Deine Meinung ist uns wichtig!