Wie sich der Versicherungsvertrieb bis 2031 verändern könnte
Wer schließt im Jahr 2031 Versicherungen ab – der Kunde selbst, sein Makler oder ein digitaler KI-Agent? Was heute noch futuristisch klingt, wird in der Versicherungswirtschaft inzwischen ernsthaft diskutiert.
Besonders deutlich formulierte diese Entwicklung Jens Hasselbächer, Vorstand Kunden und Vertrieb der R+V Versicherung. Im Versicherungsfunk-Podcast „2031 werden KI-Agenten eigenverantwortlich Versicherungspolicen abschließen“ sprach er über mögliche Entwicklungen der Branche bis zum Jahr 2031.
Der digitale Stellvertreter
Hasselbächer erwartet, dass vor allem jüngere Generationen künftig Teile ihres Alltags an digitale Assistenten delegieren werden.
Auf die Frage nach dem Zeithorizont ergänzte er:
„Ich glaube, dass es das in 2031 geben wird.“
Die Aussagen fielen im Rahmen eines Zukunftsgesprächs des Versicherungsfunk-Podcasts über die Entwicklung der Versicherungsbranche in den kommenden fünf Jahren. Hasselbächer beschreibt dabei ein Szenario, in dem KI-Agenten persönliche Präferenzen, Lebensziele und individuelle Risikovorstellungen ihrer Nutzer kennen und daraus eigenständig Versicherungsentscheidungen ableiten können.
Der Versicherungsabschluss würde damit vom aktiven Handeln des Kunden zu einem delegierten Prozess werden. Nicht mehr der Mensch selbst würde jedes Produkt vergleichen und auswählen, sondern ein digitaler Assistent, der seine Wünsche, Prioritäten und Absicherungsziele kennt.
Vertrauen bleibt ein menschliches Thema
Trotz seiner technologischen Prognosen erwartet der R+V-Vorstand keinen vollständigen Ersatz menschlicher Beratung.
Im selben Podcast betonte Hasselbächer:
„Vertrauen hat bei mir etwas mit Verletzlichkeit und Zeit zu tun.“
Und weiter:
„Also mein Vertrauen gewinne ich, wenn ich auf einer persönlichen Ebene Beziehungen aufbauen kann.“
Für ihn bleibt das Versicherungsgeschäft deshalb auch künftig ein Vertrauensgeschäft. KI könne Prozesse beschleunigen, Risiken analysieren und Entscheidungen vorbereiten, menschliche Beziehungen jedoch nicht vollständig ersetzen.
Gerade bei existenziellen Fragen wie Altersvorsorge, Berufsunfähigkeit oder Vermögensschutz dürfte die Bereitschaft vieler Menschen begrenzt sein, die Verantwortung vollständig an eine Maschine zu übertragen. Vielmehr zeichnet sich ein hybrides Modell ab, in dem digitale Systeme und persönliche Beratung nebeneinander existieren.
Allianz setzt auf agentenbasierte KI
Dass große Versicherer bereits heute konkrete Vorbereitungen für eine solche Entwicklung treffen, zeigt die Allianz.
Im Januar 2026 kündigte der Münchner Versicherungskonzern eine globale Partnerschaft mit dem KI-Unternehmen Anthropic an. Im Mittelpunkt stehen laut Allianz drei Themen: KI-Unterstützung für Mitarbeitende, agentenbasierte Automatisierung sowie Transparenz und Compliance.
Allianz-Chef Oliver Bäte erklärte dazu:
„Mit dieser Partnerschaft unternimmt die Allianz einen entscheidenden Schritt, um zentrale KI-Herausforderungen in der Versicherungswirtschaft anzugehen.“
Besonders bemerkenswert ist der Fokus auf sogenannte agentenbasierte KI. Dabei handelt es sich um Systeme, die nicht nur Informationen bereitstellen, sondern mehrstufige Aufgaben selbstständig bearbeiten können. Die Allianz sieht Anwendungsfelder unter anderem bei der Dokumentenverarbeitung, in der Schadenbearbeitung und bei internen Entscheidungsprozessen.
Gleichzeitig betont der Konzern ausdrücklich das sogenannte „Human-in-the-Loop“-Prinzip. Das bedeutet: In sensiblen oder komplexen Fällen soll die finale Entscheidung weiterhin von Menschen getroffen werden.
Der Kampf um die Kundenschnittstelle
Die Diskussion über KI-Agenten geht weit über reine Effizienzsteigerungen hinaus. Tatsächlich könnte sie die Machtverhältnisse im Versicherungsvertrieb grundlegend verändern.
Wenn digitale Assistenten künftig Versicherungen recherchieren, vergleichen und abschließen, verschiebt sich die entscheidende Kundenschnittstelle. Versicherer konkurrieren dann nicht mehr nur um die Aufmerksamkeit von Menschen. Sie müssen auch in den Empfehlungssystemen von KI-Plattformen sichtbar und vertrauenswürdig erscheinen.
Genau auf diese Entwicklung verweist Hasselbächer. Neben der Automatisierung von Prozessen sieht er eine Zukunft, in der digitale Plattformen den ersten Kundenkontakt prägen und Versicherer darum konkurrieren, von KI-Systemen überhaupt als relevante Anbieter erkannt zu werden.
Für Vermittler stellt sich damit eine zentrale Frage: Wie bleibt Beratung relevant, wenn die erste Produktauswahl bereits durch intelligente Systeme erfolgt?
Zwischen Automatisierung und Verantwortung
Mit der zunehmenden Verbreitung autonomer KI-Agenten entstehen auch neue regulatorische und haftungsrechtliche Fragen.
Wer trägt die Verantwortung, wenn ein KI-Agent eine ungeeignete Police auswählt? Wie transparent müssen die Entscheidungsprozesse solcher Systeme sein? Und wie lassen sich Beratungs- und Dokumentationspflichten erfüllen, wenn wesentliche Teile der Produktauswahl automatisiert erfolgen?
Diese Fragen beschäftigen nicht nur Versicherer, sondern auch Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber. Die Diskussion über den europäischen AI Act zeigt bereits heute, dass der regulatorische Rahmen mit der technologischen Entwicklung Schritt halten muss.
Fest steht: Je mehr Verantwortung an digitale Systeme übertragen wird, desto wichtiger werden Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Kontrolle.
Die Zukunft wird hybrid sein
Ob KI-Agenten tatsächlich bereits im Jahr 2031 eigenständig Versicherungspolicen abschließen werden, bleibt offen. Die Diskussion zeigt jedoch, wie weit die strategischen Überlegungen in der Branche bereits reichen.
Während Unternehmen wie die Allianz heute die technische Grundlage für agentenbasierte KI schaffen, beschäftigen sich Branchenvertreter wie Jens Hasselbächer bereits mit den Auswirkungen auf Vertrieb, Beratung und Kundenzugang.
Der Versicherungsvertrieb der Zukunft dürfte deshalb weder vollständig digital noch ausschließlich persönlich sein. Wahrscheinlicher ist ein hybrides Modell: KI übernimmt Recherche, Analyse und Standardentscheidungen – der Mensch bleibt dort gefragt, wo Vertrauen, Verantwortung und individuelle Lebensentscheidungen im Mittelpunkt stehen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr, ob Künstliche Intelligenz die Versicherungswirtschaft verändert. Die eigentliche Frage ist, wer künftig die Kundenschnittstelle kontrolliert – der Mensch, der Vermittler oder sein digitaler Avatar.
Mein Kommentar
In den vergangenen Monaten fällt bei vielen Veröffentlichungen aus der Versicherungsbranche ein ähnliches Muster auf. Ob Versicherer, Verbände oder Technologieanbieter – immer häufiger wird darüber gesprochen, was Künstliche Intelligenz künftig alles leisten könnte. Da ist von KI-Agenten die Rede, die Versicherungen auswählen und abschließen, von digitalen Beratern, die Kundenfragen beantworten, oder von Systemen, die Schadenregulierung, Vertragsbearbeitung und andere Aufgaben im Innendienst übernehmen.
Daran habe ich grundsätzlich keinen Zweifel. KI wird vieles davon können und vermutlich sogar schneller, als wir heute erwarten. Interessant finde ich allerdings, dass die Diskussion meist genau an dem Punkt endet, an dem sie eigentlich erst beginnen müsste. Denn fast immer folgt unmittelbar die Relativierung: Natürlich werde es auch künftig Vermittler geben. Natürlich werde persönliche Beratung wichtig bleiben. Natürlich werde man auch weiterhin Versicherungsexperten in den Unternehmen benötigen. Die KI solle schließlich unterstützen und entlasten, nicht ersetzen.
Genau hier würde ich mir mehr Ehrlichkeit wünschen. Wenn KI beraten kann, was bedeutet das langfristig für die Zahl der Vermittler? Wenn KI Schadenbearbeitung, Vertragsprüfung, Risikobewertung und Sachbearbeitung übernimmt, was bedeutet das für die Anzahl der Mitarbeiter im Innendienst? Über diese Fragen wird erstaunlich wenig gesprochen, obwohl sie die Branche vermutlich stärker verändern werden als jede neue Technologie selbst.
Die eigentliche Frage lautet nicht, was KI künftig alles kann. Die entscheidende Frage lautet, welche Aufgaben wir Menschen bewusst für uns erhalten wollen. Denn Arbeit ist weit mehr als ein Produktionsfaktor. Sie sichert Existenzen, ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe und stiftet für viele Menschen Sinn und Identität. Wenn KI immer mehr Aufgaben übernehmen kann, müssen wir uns deshalb nicht nur fragen, was technisch möglich ist, sondern auch, welche Rolle Arbeit künftig noch für den Menschen spielen soll.
Natürlich stehen viele Versicherer und Vermittler vor einem demografischen Problem. Die Vermittlerschaft ist überaltert, viele erfahrene Mitarbeiter der Unternehmen werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. KI kann dabei helfen, Wissen zu sichern und Engpässe zu überbrücken. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass wir jede Aufgabe, die technisch automatisierbar ist, auch automatisieren sollten.
Aus meiner Sicht fehlt der Branche jedoch bislang eine klare Positionierung. Es wird viel darüber gesprochen, was technisch möglich ist. Viel zu selten wird darüber gesprochen, was gesellschaftlich, sozial und ethisch überhaupt gewollt ist. Deshalb würde ich mir wünschen, dass Vorstände, Vermittlerverbände und politische Entscheider diese Diskussion offensiver führen.
Denn wenn wir nicht selbst festlegen, welche Rolle KI künftig spielen soll, dann wird diese Entscheidung am Ende allein von technologischen Möglichkeiten und betriebswirtschaftlichen Interessen getroffen. Und das wäre für eine Branche, die auf Vertrauen basiert, aus meiner Sicht deutlich zu wenig.

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