Pflegezusatz: Jeder braucht sie – keiner kauft sie

Die Pflegezusatzversicherung verkauft sich schlecht Die Kosten sind seit Jahren bekannt, die demographische Entwicklung ebenso. Die gesetzliche Pflegeversicherung gerät zunehmend unter Druck, die Eigenanteile steigen, die Zahl der Pflegebedürftigen wächst. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, kommt schnell zu dem Schluss: Ohne zusätzliche Vorsorge wird es für viele teuer. Und doch bleibt die private Pflegezusatzversicherung […]

Die Pflegezusatzversicherung verkauft sich schlecht

Die Kosten sind seit Jahren bekannt, die demographische Entwicklung ebenso. Die gesetzliche Pflegeversicherung gerät zunehmend unter Druck, die Eigenanteile steigen, die Zahl der Pflegebedürftigen wächst. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, kommt schnell zu dem Schluss: Ohne zusätzliche Vorsorge wird es für viele teuer. Und doch bleibt die private Pflegezusatzversicherung ein Randprodukt.

Dabei ist nicht einmal das wirklich Neue an der aktuellen Lage, dass die Vertragszahlen zuletzt gesunken sind. Entscheidend ist etwas anderes: Dieses Geschäft ist in Deutschland nie richtig ins Rollen gekommen. Der beziffert – gestützt unter anderem auf Auswertungen und Studien etwa von – den Bestand Anfang der 2020er Jahre auf rund 4,1 Millionen Policen. Schon das war gemessen an der Größe des Risikos überschaubar. Inzwischen sind es laut nur noch etwa 3,2 Millionen Verträge. Ein Minus von rund 22 Prozent.

Zum Vergleich: Laut Statistik des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) aus dem Jahr 2024 gibt es rund 24,8 Millionen private Unfallversicherungen. Noch deutlicher wird das Missverhältnis mit Blick auf die vergleichsweise junge Sparte der Tierkrankenversicherungen. Eine offizielle Bestandszahl existiert hier nicht, da der GDV Tierkrankenversicherungen bisher nicht separat ausweist. Auf Basis von rund 26 Millionen Hunden und Katzen in Deutschland – erhoben vom Industrieverband Heimtierbedarf und dem Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands – sowie einer Versicherungsquote von etwa 11 Prozent im Bereich der Tierkrankenversicherung, wie aus der Haustier-Studie 2024/2025 von takefive-media in Kooperation mit dem HorseFuturePanel hervorgeht, ergibt sich rechnerisch jedoch eine Größenordnung von rund 2,9 Millionen Tierkranken-Policen für Hunde und Katzen. Hinzu kämen laut Deutscher Reiterlicher Vereinigung noch etwa 1,3 Millionen Pferde. Von ihnen sind laut Marktanalysen etwa 10-15% krankenversichert.

Damit bewegt sich der Markt der Tierkrankenversicherungen wohl vom Umfang inzwischen nahezu auf dem gleichen Niveau wie die rund 3,2 Millionen Pflegezusatzversicherungen.

Das soll ausdrücklich keine Wertung sein. Weder lässt sich daraus ableiten, dass eine Unfallversicherung verzichtbar wäre, noch steht infrage, dass Tierkrankenversicherungen für viele Halter sinnvoll sind – im Gegenteil. Der Vergleich macht aus meiner Sicht aber eines sehr deutlich: Kaum irgendwo wird ein tatsächlich existenzbedrohendes Risiko gedanklich so konsequent verdrängt wie bei der Pflegezusatzversicherung.

Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis, wird das Missverhältnis greifbar. Rund 46 Millionen Menschen sind in Deutschland erwerbstätig. Von ihnen haben gerade einmal sechs bis sieben Prozent eine Pflegezusatzversicherung. Mehr als neun von zehn verzichten darauf – obwohl die Lücke im System kein Geheimnis ist.

Dass diese Lücke existiert, war von Anfang an so gewollt. Die gesetzliche Pflegeversicherung ist kein Rundum-sorglos-Paket. Der Ökonom hat es einmal nüchtern formuliert: Sie schützt vor dem sozialen Absturz, nicht vor finanziellen Belastungen. Genau das zeigt sich heute in der Praxis. Wer ins Pflegeheim muss, zahlt oft mehrere tausend Euro im Monat aus eigener Tasche. Zahlen und Berichte des weisen seit Jahren in dieselbe Richtung: steigende Eigenanteile, wachsender Druck auf das System, zunehmende Belastung für Betroffene und ihre Familien.

Eigentlich müsste das ein Selbstläufer sein für die private Vorsorge. Ist es aber nicht. Und das hat mehrere Gründe, die weniger mit fehlenden Informationen zu tun haben als mit Verhalten. Pflege ist ein Thema, das viele so lange wie möglich von sich wegschieben. Solange man gesund ist, wirkt das Risiko abstrakt. Gleichzeitig gibt es das Gefühl, dass der Staat im Zweifel schon einspringt. Ganz falsch ist das nicht – aber eben auch nicht die ganze Wahrheit.

Hinzu kommt, dass die Branche es nie wirklich geschafft hat, das Thema einfach zu erklären. Unterschiedliche Tarifarten, komplizierte Bedingungen – das schreckt ab. Wer sich einmal intensiver damit beschäftigt, merkt schnell, wie erklärungsbedürftig diese Produkte sind. Viele steigen an dieser Stelle aus, bevor überhaupt eine Entscheidung fällt.

Auch frühere Fördermodelle haben Spuren hinterlassen. Der sogenannte Pflege-Bahr hat vor einigen Jahren zwar für zusätzliche Abschlüsse gesorgt und den Bestand überhaupt erst in Richtung der Marke von vier Millionen gebracht. Gleichzeitig gelten viele dieser Tarife heute als wenig überzeugend. Das Vertrauen hat darunter eher gelitten als gewonnen.

Dazu kommt ein weiterer Effekt, den Studien von immer wieder zeigen: Die meisten Menschen schätzen die Kosten einer Pflegezusatzversicherung höher ein, als sie tatsächlich sind – zumindest, wenn man früh einsteigt. Gleichzeitig wird die tatsächliche finanzielle Belastung im Pflegefall eher unterschätzt. Eine ungünstige Kombination.

Am Ende bleibt ein Bild, das schwer zusammenpasst. Die Probleme der gesetzlichen Pflegeversicherung sind seit Jahren sichtbar. Die Eigenanteile steigen. Die demografische Entwicklung ist absehbar. Und trotzdem bleibt die private Absicherung auf einem Niveau, das man bei einem solchen Risiko kaum erwarten würde – und ist zuletzt sogar noch gesunken.

Man kann es auch einfacher sagen: Die Pflegezusatzversicherung ist kein Produkt, das die Menschen nicht kennen. Es ist ein Produkt, von dem viele wissen, dass sie es sehr wahrscheinlich brauchen werden – und das sie trotzdem nicht abschließen.


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