Zwischen Anspruch, Wahrnehmung und Wachstum – die neue BarmeniaGothaer im Fokus
Auf Facebook bewirbt die BarmeniaGothaer derzeit ihre neue Ausrichtung mit einer Anzeige unter dem Titel „BarmeniaGothaer – Ihr starker Partner im Maklermarkt“.
Zur Kampagne gehört ein kurzes Imagevideo, das bei vielen Maklern auf Interesse – teils aber auch auf deutliche Kritik – gestoßen ist. Darin spricht Norbert Walter, Vorstandsbeauftragter Leben, über „erweiterte Horizonte“, eine breitere Produktpalette und den weiterhin gelebten Support für den Maklervertrieb. Weitere Stimmen im Video betonen, man sei nun ein „echtes Schwergewicht am Markt“ – es werde künftig „schwer, an der BarmeniaGothaer vorbeizukommen“. Außerdem sei jetzt ein größeres Team vorhanden, das insbesondere im Servicebereich spürbare Verbesserungen bringen solle. Erwähnt werden auch stimmige Prozesse und eine langfristige Unternehmensausrichtung.
Wie bei Imagefilmen üblich, handelt es sich um eine positiv inszenierte Selbstdarstellung. Gleichwohl steht sie in einem spannungsvollen Kontext: Die Aussagen beziehen sich unmittelbar auf die Fusion zweier großer Versicherer, die naturgemäß komplexe Integrations- und Kommunikationsprozesse mit sich bringt.
Mit der Fusion von Barmenia und Gothaer positioniert sich die neue BarmeniaGothaer als gestärkter Partner für Makler. Unter dem Motto „ZusammenStark“ will das Unternehmen seine Marktposition ausbauen und die Zusammenarbeit mit Vertriebspartnern intensivieren. In der Kommunikation werden Nähe, Vertrauen und Teamgeist betont – Makler sollen künftig von mehr Marktstärke, einem erweiterten Produktportfolio und schnelleren Entscheidungen profitieren.
Das neue Selbstverständnis ist ambitioniert formuliert: Bis 2028 möchte das Unternehmen 10 Milliarden Euro Beitragseinnahmen erzielen und bis 2030 eine Top-3-Position unter den Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit (VVaG) erreichen. Die vier strategischen Säulen heißen Menschen, Wachstum, Resilienz und Technologie. Zudem sind zwei Milliarden Euro Impact-Investments, eine angestrebte Klimaneutralität bis 2050 und eine stärkere Rolle im Bereich nachhaltiger Versicherungslösungen geplant – wie in einem Beitrag auf Sachthemen.blog erläutert wird („BarmeniaGothaer träumt von Größe“).
Doch während die offizielle Kommunikation Optimismus vermittelt, fällt ein Teil der Rückmeldungen aus der Maklerschaft deutlich kritischer aus. Unter der Facebook-Anzeige wurden zahlreiche Kommentare hinterlassen, in denen vor allem Erreichbarkeit, Kommunikation und Abläufe thematisiert werden.
- „Niemand erreichbar, keine versprochenen Rückrufe, katastrophal. Ach ja, ‚Wir bündeln Kräfte‘ – klappt ja gut.“
- „Vielleicht geht ihr auch einfach mal ans Telefon.“
- „Schlechte Kommunikation, drastisch gesenkte BRE. Los, motiviert mich, euch Anträge zu schicken!“
- „Ich musste heute morgen eine Police anmahnen. Telefonisch klappt da erstmal gar nichts – ich bin skeptisch.“
- „Da ist aber sehr viel Konjunktiv zu lesen … und ja, es klappt so vieles nicht.“
Diese Kommentare zeigen, dass ein Teil der Makler derzeit offenbar praktische Herausforderungen in der Zusammenarbeit wahrnimmt. Die Diskrepanz zwischen der betont positiven Außendarstellung und den geschilderten Alltagserfahrungen wird dabei von mehreren Stimmen hervorgehoben.
Gleichzeitig verfolgt die BarmeniaGothaer weiterhin eine expansive Kooperationsstrategie. So wurde kürzlich eine neue Vertriebspartnerschaft mit der Bayerischen über die Plattform Compexx Finanz AG bekannt gegeben.
Wie DAS INVESTMENT berichtet („Die Bayerische, Barmenia und Gothaer starten Vertriebskooperation über Compexx Finanz“), bündelt diese Zusammenarbeit Kompetenzen in Altersvorsorge, Biometrie, Krankenversicherung und gewerblichem Sachgeschäft.
Angesichts der laufenden Integrationsprozesse könnte man annehmen, dass die Umsetzung der Fusion bereits erhebliche Kapazitäten bindet – umso bemerkenswerter ist es, dass gleichzeitig neue Projekte angestoßen werden.
Im aktuellen Kommunikationsbild entsteht dadurch der Eindruck, dass die BarmeniaGothaer ihre neuen Ambitionen sehr offensiv nach außen trägt, während viele operative Themen noch in Bewegung sind.
Man könnte sagen, dass das Unternehmen dazu neigt, strategische Zielbilder frühzeitig öffentlich zu platzieren, bevor deren Umsetzung für Partner und Makler deutlich spürbar wird. Diese Form der Kommunikation birgt das Risiko, als zu selbstsicher oder losgelöst von der praktischen Realität wahrgenommen zu werden.
Gerade in einer Phase tiefgreifender Veränderung könnte es daher hilfreich sein, den Fokus stärker auf konsolidierende Arbeit im Inneren zu legen – insbesondere auf die Herausforderung, zwei historisch gewachsene mittelständische Versicherer zu einem funktionierenden Ganzen zu verbinden. Die unterschiedlichen Kulturen, Prozesse und Vertriebsansätze beider Häuser machen diese Aufgabe ohnehin anspruchsvoll genug.
Vor diesem Hintergrund wäre es möglicherweise wirkungsvoller, substanziell erzielte Fortschritte transparent zu kommunizieren, statt auf allzu werbliche Botschaften zu setzen. Ein nüchterner, ergebnisorientierter Kommunikationsstil könnte dabei helfen, Glaubwürdigkeit und Vertrauen sowohl bei den Mitarbeitenden als auch bei den Vertriebspartnern nachhaltig zu stärken.
Foto: BarmeniaGothaer

Deine Meinung ist uns wichtig!