BarmeniaGothaer träumt von Größe

Barmenia Gothaer: Große Ziele, kleiner Maßstab

„ZusammenStark“ heißt die neue Strategie der fusionierten BarmeniaGothaer – und sie klingt, als wollte man gleich mehrere Jahrzehnte Aufholjagd in fünf Jahre pressen. Zehn Milliarden Euro Beitragseinnahmen bis 2028, Top 3 der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit (VVaG) in allen Sparten bis 2030 – das sind die markigen Ziele, die der neue Gleichordnungskonzern sich gesetzt hat. Auf dem Papier ist das ambitioniert, in der Realität wirkt es wie ein PR-gerechtes Wunschkonzert.

Denn die Fusion aus Barmenia und Gothaer ist noch längst nicht verdaut. Zwei Organisationen, zwei Systeme, zwei Kulturen – die Integration ist ein Kraftakt. Strukturen werden verschmolzen, IT-Systeme harmonisiert, Risikoträgerstrategien vereinheitlicht, Exklusivvertriebe zusammengelegt. All das kostet Zeit, Energie und Fokus. Gleichzeitig steht der Konzern vor einem personellen Umbruch: Rund 1.700 der 7.300 Mitarbeitenden scheiden bis 2030 altersbedingt aus. Diese Lücke soll mit Künstlicher Intelligenz und Automatisierung kompensiert werden – ein Ansatz, der mutig klingt, in der Praxis aber selten reibungslos funktioniert.

Auch sonst zielt die neue Strategie auf Größe. Vier Dimensionen sollen die Ziele tragen – Menschen, Wachstum, Resilienz, Technologie. Die BarmeniaGothaer will bis 2029 zwei Milliarden Euro zusätzlich in Impact-Investments stecken und die Versicherung von Onshore-Windkraftanlagen auf 25 Prozent Marktabdeckung ausbauen. Bis 2050 soll der Konzern klimaneutral sein. Das alles ist richtig, wichtig – und teuer.

Dennoch klingt es beeindruckend, ist aber längst keine Kür mehr, sondern Pflicht. Alle großen Versicherer investieren heute in Nachhaltigkeit, ESG-konforme Kapitalanlagen und klimaneutrale Geschäftsprozesse. Das ist kein Differenzierungsfaktor, sondern eine Selbstverständlichkeit im Jahr 2025. Wer sich damit schmückt, erfüllt keine Vision, sondern lediglich den Standard der Zeit.

Doch der wirklich kritische Punkt liegt für mich woanders: beim Maßstab, den sich die BarmeniaGothaer selbst setzt. Denn das erklärte Ziel, „unter den Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit“ zu den Top 3 zu gehören, wirkt – gelinde gesagt – verschoben.

Weder Kunden noch Makler, Analysten oder Wettbewerber betrachten den Markt nach Rechtsformen. Niemand interessiert sich im Grunde wirklich dafür, ob ein Versicherer als Aktiengesellschaft oder Verein firmiert, und wenn es um Marktpositionen geht, denkt man wohl eher an Versicherer wie Allianz, R+V, Debeka, Generali, AXA, HUK-Coburg & Co.

In diesem Umfeld klingt ein „Top 3“-Ziel innerhalb der Unterkategorie der Versicherungsvereine weniger nach strategischem Anspruch als nach kommunikativem Trostpreis. Es mag intern motivieren, extern aber wirkt es, als wolle man die Messlatte gezielt niedriger hängen, um sie sicherer zu überspringen.

Natürlich: Die Fusion war ein mutiger Schritt. Sie bietet Chancen auf Synergien, Effizienz und neues Wachstum. Doch wer Relevanz beanspruchen will, sollte sich mit den Besten messen – nicht in einer selbst definierten Vergleichsgruppe, die außerhalb der Branche niemand wahrnimmt.

Was außerdem auffällt: Die gesamte Strategie und ihre Kommunikation wirken stark nach innen gerichtet. Sie klingt weniger nach Marktanalyse als nach Selbstvergewisserung. Die Zielbilder – zehn Milliarden, Top 3, ZusammenStark – scheinen vor allem dazu gedacht, die eigene Belegschaft auf einen Kurs einzuschwören und das Fusionsprojekt emotional zu überhöhen. Man spürt den Einfluss der Kommunikations- und Marketingabteilung: Viel Symbolik, viel Storytelling, viele Schlagworte – aber wenig Substanz, die über die Fassade hinausweist. Es ist der typische Duktus einer Inszenierung, die weniger überzeugen will als motivieren. Für interne Zwecke nachvollziehbar, für die Branche jedoch schwer greifbar.

Der neue Konzern will deutlich wachsen und gleichzeitig alle Herausforderungen, die eine solche Fusion mit sich bringt, bewältigen. Das ist kein Plan. Das ist Hoffnung.

Oder, wie meine Oma immer sagte: „Bescheidenheit ist eine Zier – doch weiter kommt man ohne ihr.“ Nur so lassen sich diese Ausagen für mich erklären.

Foto: Die Co-CEOs Dr. Andreas Eurich (links) und Oliver Schoeller stellten am 16. Oktober 2025 die neue Strategie der BarmeniaGothaer vor. Quelle: BarmeniaGothaer


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