Eine heftige Gewitterfront ist am Freitagmorgen, 28. August 2026, über die Schweiz gezogen und hat insbesondere in den Kantonen Aargau, Solothurn und Zürich erhebliche Schäden verursacht. Nach ersten Hochrechnungen erwartet Allianz Suisse mehr als 10.000 Schadenfälle. Eine konkrete Gesamtschadensumme nennt der Versicherer bislang nicht, spricht jedoch bereits von Schäden in Millionenhöhe.
Die Dimension des Unwetters lässt sich auch meteorologisch ablesen. Die stärkste Gewitterzelle zog vom Seeland über den Aargau und das Zürcher Unterland bis zum Bodensee. Lokal wurden Hagelkörner mit einem Durchmesser von bis zu sechs Zentimetern gemessen – ungefähr Billardkugelgröße. SRF Meteo registrierte bis zum frühen Abend rund 53.000 Blitze. Nach Einschätzung des SRF-Meteorologen Simon Eschle tritt ein Hagelereignis dieser Größenordnung an einem bestimmten Ort statistisch nur etwa alle 30 bis 50 Jahre auf.
Neben den Hagelschäden sorgten schwere Sturmböen und Starkregen für weitere Schäden. In Schaffhausen wurden Windgeschwindigkeiten von bis zu 142 Kilometern pro Stunde gemessen. Im Aargau knickten mehrere massive Betonmasten von Hochspannungsleitungen um, Gebäude wurden beschädigt und auf der Autobahn A1 wurde ein Lastwagen vom Sturm erfasst. Im Kanton Solothurn gingen rund 290 Meldungen wegen Wasser- und Sturmschäden bei den Behörden ein.
Auch Menschen wurden verletzt. Im Kanton Zürich meldeten die Behörden mehr als 40 durch Hagel verletzte Personen, darunter zahlreiche Kinder. Im Kanton Solothurn wurde eine Frau durch einen umstürzenden Baum schwer verletzt.
Versicherer rechnen mit Tausenden Schäden
Bei Allianz Suisse dürften vor allem Kraftfahrzeuge von dem Hagel betroffen sein. Das Unternehmen spricht allerdings auch von Schäden an Gebäuden. „Die Unwetter waren kurz und heftig“, erklärte Rico Frei, Leiter Schaden Motor bei Allianz Suisse. Schadenmitarbeiter seien bereits in den betroffenen Regionen unterwegs, um sich einen Überblick über das Ausmaß zu verschaffen.
Zur schnelleren Bearbeitung der zahlreichen Fahrzeugschäden richtet Allianz sogenannte Hagel-Drive-Ins ein.
Allianz ist dabei längst nicht der einzige Versicherer, bei dem die Schadenmeldungen eingehen. Die Mobiliar sprach bereits am Freitag vom bislang mit Abstand schwersten Hagelereignis des Jahres. Bis zum Mittag waren dort weit über 1.000 Fahrzeugschäden sowie Hunderte Schäden durch überflutete Keller sowie an Gärten und Umgebung gemeldet worden. Auch AXA berichtete von zahlreichen Hagelschäden an Fahrzeugen sowie Schäden an Fassaden, Gebäudehüllen und Dächern. Für eine belastbare Schadenschätzung sei es dort noch zu früh.
10.000 Allianz-Fälle sind nicht die Gesamtrechnung
Dabei sind die mehr als 10.000 Fälle nur der Allianz-Anteil: Auch bei den übrigen Schweizer Versicherern laufen zahlreiche Schadenmeldungen ein. Die branchenweite Gesamtzahl dürfte daher erheblich höher liegen.
Bei der Einordnung der Zahlen muss zudem eine Besonderheit des Schweizer Versicherungsmarktes berücksichtigt werden. In den besonders betroffenen Kantonen Aargau, Solothurn und Zürich werden Elementarschäden an Gebäuden grundsätzlich durch die jeweiligen kantonalen Gebäudeversicherungen gedeckt. Anders als in Deutschland zählt Hagel in der Schweiz versicherungstechnisch ausdrücklich zu den Elementargefahren. Während Sturm- und Hagelschäden hierzulande regelmäßig bereits über die Wohngebäudeversicherung gedeckt sind, umfasst die Schweizer Elementarschadenversicherung auch diese Gefahren.
So sind im Kanton Zürich Gebäude ab einem Wert von 5.000 Franken obligatorisch bei der Gebäudeversicherung Kanton Zürich versichert. Im Aargau besteht ebenfalls eine obligatorische Gebäudeversicherung über die Aargauische Gebäudeversicherung, in Solothurn übernimmt die Solothurnische Gebäudeversicherung Feuer- und Elementarschäden an Gebäuden.
Die von Allianz genannten mehr als 10.000 Schadenfälle dürfen deshalb nicht mit der gesamten Schadenbilanz des Unwetters gleichgesetzt werden. Allein die Gebäudeversicherung des Kantons Zürich erwartet nach einer ersten Einschätzung mehr als 2.000 Schadenmeldungen und eine Schadensumme von rund 30 Millionen Franken. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 verzeichnete die GVZ lediglich 931 Elementarschäden mit einem Schadenvolumen von 5,1 Millionen Franken. Das Unwetter vom Freitag könnte damit innerhalb weniger Minuten ein Mehrfaches der Elementarschadensumme des gesamten vergangenen Jahres verursacht haben.
Vergleich mit 2021 ist noch verfrüht
Ein belastbarer Vergleich mit dem schweren Unwettersommer 2021 ist derzeit noch nicht möglich. Zwar erwartet Allianz Suisse nach dem aktuellen Hagelereignis in einer ersten Hochrechnung mehr als 10.000 Schadenfälle. Wie sich diese Zahl entwickelt und welches Schadenvolumen daraus tatsächlich entsteht, wird sich jedoch erst in den kommenden Tagen und Wochen zeigen.
Wie groß die Dimension eines solchen Unwettersommers werden kann, zeigt der Rückblick auf 2021. Damals hatte Allianz Suisse nach dem schweren Hagelzug vom 28. Juni zunächst mit mehr als 25.000 Schadenfällen und rund 96 Millionen Franken Schadenvolumen gerechnet. In der späteren Jahresbilanz fiel die Belastung durch die Hagelzüge und Überschwemmungen des Sommers noch deutlich höher aus: Mehr als 35.000 zusätzliche Schadenfälle und rund 165 Millionen Franken Bruttoschaden gingen auf die Unwetterereignisse zurück.
Ob das aktuelle Ereignis auch nur annähernd in diese Größenordnung hineinwächst, lässt sich deshalb zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht seriös beurteilen. Hinzu kommt, dass die Allianz-Zahlen nur den eigenen Bestand abbilden und parallel auch bei zahlreichen anderen Versicherern sowie den kantonalen Gebäudeversicherungen Schäden auflaufen.
Fest steht bereits jetzt: Für die Schweizer Versicherer dürfte der 28. August 2026 einer der markanteren Unwettertage des Jahres werden.

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