Zhibao und Dongbaohui: Wenn die Versicherung zum Teil des Geschäftsprozesses wird

In China zeigt sich, wohin Embedded Insurance führen könnte: Zhibao verbindet Millionen bestehender Kundenkontakte mit KI-gestützter Bedarfserkennung und Versicherungsvermittlung.

Während hierzulande noch intensiv darüber diskutiert wird, wie KI den Arbeitsalltag von Versicherungsvermittlern verändern könnte, geht das chinesische InsurTech Zhibao Technology einen deutlich weitergehenden Schritt. Das an der Nasdaq gelistete Unternehmen hat am 12. August die Gründung eines Joint Ventures mit dem KI-Spezialisten Dongbaohui angekündigt. Gemeinsam wollen beide Unternehmen ein „AI-native Embedded Long-Term Insurance“-Modell entwickeln – also langfristige Versicherungslösungen, die mithilfe künstlicher Intelligenz direkt in bestehende Kundenbeziehungen und Geschäftsprozesse eingebettet werden.

Um zu verstehen, was daran bemerkenswert ist, muss man allerdings zunächst das Geschäftsmodell von Zhibao kennen. Denn dessen zentraler Begriff lautet „2B2C Embedded Insurance Solutions“.

Was bedeutet 2B2C Embedded Insurance?

Die Abkürzung steht für „to Business to Consumer“. Zhibao vertreibt Versicherungen also nicht in erster Linie dadurch, dass das Unternehmen selbst mühsam einzelne Endkunden gewinnt. Stattdessen arbeitet es mit Unternehmen zusammen, die bereits über große Kundenbestände verfügen.

Zhibao bezeichnet diese Unternehmen als B-Channels. Das können beispielsweise Reiseveranstalter, Energieversorger, Logistikunternehmen, Sportanbieter oder E-Commerce-Plattformen sein.

Die Logik dahinter ist relativ einfach:

Zhibao → Unternehmen bzw. Plattform → deren Kunde

Die Versicherung wird dabei direkt in die vorhandene digitale Kundenwelt des jeweiligen Unternehmens integriert – beispielsweise in dessen Website, App, Social-Media-Angebot, QR-Code-System oder Buchungsprozess. Genau diese Verbindung aus bestehendem Geschäftsvorgang und Versicherung ist der Kern von Embedded Insurance.

Ein anschauliches Beispiel liefert Zhibao selbst gegenüber der US-Börsenaufsicht SEC: Arbeitet das Unternehmen mit einem Reiseveranstalter zusammen, dessen Kunden regelmäßig ins Ausland reisen, besteht innerhalb dieses ohnehin vorhandenen Geschäftsvorgangs ein potenzieller Bedarf an Reiseversicherungsschutz. Zhibao kann eine entsprechende Versicherungslösung direkt in die digitalen Vertriebskanäle des Reiseunternehmens integrieren. Der Kunde muss also nicht erst selbst nach einer Versicherung suchen und der Versicherungsvermittler muss ihn nicht außerhalb dieses Vorgangs akquirieren.

Das unterscheidet sich erheblich vom klassischen Direktvertrieb.

Dort lautet die Aufgabe vereinfacht: Wir haben ein Versicherungsprodukt – wo finden wir Kunden dafür?

Beim 2B2C-Modell lautet die Frage eher: Wo befinden sich bereits Kunden in einer Situation, in der ein bestimmter Versicherungsbedarf entstehen könnte?

Zhibao ist dabei tatsächlich Versicherungsmakler

Für deutsche Vermittler wichtig: Hinter dem Modell steckt nicht lediglich ein Softwareanbieter, der Versicherungsprodukte irgendwo in einen Checkout einbaut.

Zhibao beschreibt sein Angebot ausdrücklich als digitale Versicherungsmaklerdienstleistung. Das Unternehmen arbeitet in China unter anderem über Zhibao China und Sunshine Insurance Brokers und bezeichnet sein 2B2C-Modell als „one-stop customized insurance brokerage model“.

Dazu gehören nicht nur die technische Einbindung, sondern komplette digitale Versicherungslösungen. Diese bestehen nach Unternehmensangaben regelmäßig aus Versicherungsprodukten, einem jeweils darauf zugeschnittenen technischen System sowie Kundenbetrieb und Service. Mehr als 40 solcher Lösungen hat Zhibao inzwischen für unterschiedliche Branchen entwickelt.

Die technische Grundlage bildet eine eigene PaaS-Plattform – Platform as a Service. Auf ihr können die unterschiedlichen Versicherungslösungen entwickelt und anschließend als digitale Services in die Systeme der jeweiligen Partnerunternehmen integriert werden.

Für den Partner besteht der Vorteil darin, seinen Kunden Versicherungsleistungen anbieten zu können, ohne selbst die komplette Versicherungs-, Vermittlungs- und IT-Infrastruktur aufbauen zu müssen.

Für Zhibao liegt der wirtschaftliche Reiz wiederum woanders: Das Unternehmen muss nicht jeden einzelnen Kunden teuer über Werbung oder andere Vertriebskanäle gewinnen. Es dockt an Unternehmen an, die diese Kundenbeziehungen bereits besitzen.

Genau darin sieht Zhibao selbst einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil: niedrigere Akquisitionskosten, gezieltere Kundenansprache und eine besser skalierbare Vermittlung.

Mittlerweile geht es um 27 Millionen potenzielle Kunden

Und das Modell hat inzwischen eine beachtliche Größenordnung erreicht.

Zhibao arbeitete nach den zuletzt veröffentlichten Unternehmenszahlen bereits mit mehr als 3.100 B-Channels zusammen. Über diese Partner erreicht das Unternehmen einen Pool von mehr als 27 Millionen Endkunden. Ein Jahr zuvor waren es noch rund 2.000 Partnerkanäle.

Bislang konzentrierten sich viele dieser Lösungen auf relativ klar erkennbare Versicherungssituationen – unter anderem Reisen, Sport, Logistik, Energieversorgung und E-Commerce.

Und genau an dieser Stelle wird das jetzt angekündigte Joint Venture interessant.

Vom situativen Versicherungsschutz zur langfristigen Absicherung

Embedded Insurance funktioniert besonders naheliegend, wenn Geschäftsvorgang und Versicherungsbedarf eng miteinander verbunden sind.

Wer eine Reise bucht, könnte eine Reiseversicherung benötigen. Wer bestimmte Dienstleistungen nutzt, kann damit verbundene Risiken haben. Der Kontext liefert bereits einen erheblichen Teil der Information darüber, welches Versicherungsprodukt überhaupt relevant sein könnte.

Bei langfristigen Personenversicherungen wird es erheblich komplizierter.

Hier geht es nicht mehr lediglich um die Frage, welche konkrete Aktivität gerade versichert werden soll. Einkommen, Alter, Familie, bestehender Versicherungsschutz, finanzielle Situation und langfristige Absicherungsziele können eine Rolle spielen.

Genau dafür holt sich Zhibao nun Dongbaohui ins Boot.

Das neue Gemeinschaftsunternehmen soll die vorhandene 2B2C-Infrastruktur von Zhibao mit der auf Lebensversicherungen ausgerichteten KI-Technologie von Dongbaohui verbinden. Zhibao spricht dabei ausdrücklich von einer zweiten Wachstumskurve: Die bereits vorhandenen Kundenkontakte sollen künftig nicht mehr nur für kurzfristige oder unmittelbar situationsbezogene Versicherungen genutzt werden, sondern auch für langfristigen Versicherungsschutz.

Die KI soll den Bedarf innerhalb des bestehenden Kundenbestands erkennen

Damit verändert sich die Funktion der Technik erheblich.

Die KI soll nicht einfach Fragen beantworten oder einem Vermittler eine Gesprächszusammenfassung schreiben. Nach Darstellung der Unternehmen soll sie unter anderem Bedarf erkennen, Produkte dynamisch zuordnen und Service in Echtzeit ermöglichen. Dongbaohui bringt dafür sein KI-Betriebssystem sowie eine Agentenlösung ein, die personalisierte Inhalte, KI-Vertriebsfunktionen und Datenauswertung miteinander verbindet.

Vereinfacht könnte der Prozess damit künftig so aussehen:

Bestehende Kundenbeziehung → KI erkennt möglichen Versicherungsbedarf → Bedarf wird analysiert → passende Produkte werden zugeordnet → Kunde wird angesprochen → digitaler Vermittlungs- und Serviceprozess

Das ist ein deutlich anderer Ansatz als der klassische Online-Abschluss.

Denn Zhibao verfügt über den vielleicht wertvollsten Rohstoff bereits: den Zugang zu Millionen Menschen innerhalb konkreter Lebens- und Konsumsituationen.

Die KI soll nun dabei helfen, aus diesen Situationen zusätzliche Versicherungsbedarfe abzuleiten.

Aus Embedded Insurance soll „AI-native Embedded Insurance“ werden

Zhibao beschäftigt sich damit nicht erst seit gestern. 2025 führte das Unternehmen mit ZBOT bereits einen KI-Vertriebsassistenten ein, der Vertriebsmitarbeiter bei der Erkennung von Kundenbedürfnissen und der Zusammenstellung von Produktlösungen unterstützen soll. Anfang 2026 folgten zehn weitere spezialisierte KI-Agenten für unterschiedliche Aufgaben im Versicherungsbetrieb.

Das Joint Venture mit Dongbaohui geht nun konzeptionell einen Schritt weiter.

KI soll nicht lediglich ein zusätzliches Werkzeug innerhalb des bestehenden Vermittlungsprozesses sein. Der Prozess selbst soll von Beginn an um KI herum aufgebaut werden – daher der Begriff „AI-native“.

Der Versicherungsbedarf soll möglichst dort erkannt werden, wo der Kunde ohnehin mit einem Unternehmen interagiert. Die Produktauswahl erfolgt anschließend dynamisch anhand der ermittelten Situation und der Service soll ebenfalls innerhalb dieser Umgebung stattfinden.

Für Versicherungsmakler ist genau dieser Punkt wesentlich interessanter als die nächste Meldung über irgendeinen neuen KI-Chatbot.

Der eigentliche Angriffspunkt ist die Kundenschnittstelle

Zhibao zeigt nämlich, wohin sich digitaler Versicherungsvertrieb entwickeln könnte.

Der Wettbewerb beginnt dann nicht mehr zwingend bei der Frage, welcher Vermittler den Kunden gewinnt. Entscheidend könnte zunehmend sein, wer bereits Zugang zum Kunden besitzt und in welchem Moment ein Versicherungsbedarf erkannt werden kann.

Eine Reiseplattform besitzt Reisende. Ein Energieversorger besitzt Haushaltskunden. Ein Logistikunternehmen besitzt Gewerbekunden. Eine Handelsplattform kennt Käufe und möglicherweise bestimmte Lebenssituationen ihrer Nutzer.

Embedded Insurance macht diese bestehenden Kundenbeziehungen für Versicherungsvertrieb nutzbar. KI könnte anschließend versuchen, darin auch solche Versicherungsbedarfe zu erkennen, die nicht unmittelbar mit dem ursprünglichen Geschäftsvorgang verbunden sind.

Genau diesen Schritt versucht Zhibao nun von eher kurzfristigen Versicherungen hin zu langfristigem Versicherungsschutz.

Ob daraus tatsächlich die angekündigte Revolution wird, ist allerdings noch völlig offen. Die Aussagen zu intelligenter Bedarfserkennung, dynamischem Product Matching und „AI-native“ Versicherungsvermittlung stammen derzeit vor allem von den beteiligten Unternehmen selbst. Wie gut die KI komplexe Bedarfssituationen tatsächlich erkennt, welche Fehlerquoten auftreten und wie viel menschliche Intervention weiterhin erforderlich ist, lässt sich daraus noch nicht beurteilen.

Das Geschäftsmodell dahinter ist bemerkenswert.

Denn 2B2C Embedded Insurance Solutions bedeutet letztlich nicht, Versicherungen im Internet etwas komfortabler zu verkaufen. Es bedeutet, Versicherungsvermittlung in Geschäftsprozesse anderer Unternehmen hineinzubauen.

Und mit dem neuen Joint Venture kommt nun eine zweite Idee hinzu: KI soll aus den dort bereits vorhandenen Millionen Kundenkontakten zusätzliche und langfristige Versicherungsbedarfe erkennen und daraus Vermittlungsvorgänge erzeugen.

Für Makler könnte deshalb die spannendste Frage gar nicht sein, ob KI irgendwann besser beraten kann als ein Mensch.

Die spannendere Frage könnte lauten: Wer besitzt künftig überhaupt noch den ersten Zugang zum Kunden, bevor eine klassische Beratung beginnt?


Entdecke mehr von Sachthemen.blog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Wöchentlicher Newsletter

Einmal pro Woche erhältst du die wichtigsten Artikel und Einordnungen redaktionell zusammengestellt.

Für den Newsletter anmelden
Artikel teilen: LinkedIn · Facebook · WhatsApp · E-Mail

Diskutiere mit

Deine Meinung ist uns wichtig!

Entdecke mehr von Sachthemen.blog

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen