Alle wollen Helmsauer heißen: Der skurrile Streit, den keiner mehr versteht

Die SE Gruppe meldet gleich mehrere Gerichtserfolge gegen die RVH Helmsauer Brüder. Tatsächlich haben Bastian und Steffen Helmsauer im Streit um Firmennamen und Werbeaussagen juristische Niederlagen kassiert. Doch ausgerechnet die entscheidende Frage ist damit nicht erledigt: Das Unternehmen der Brüder darf weiterhin Helmsauer heißen. Was also wurde vor Gericht eigentlich gewonnen? Eine Einordnung eines Rechtsstreits, der zunehmend bizarre Züge annimmt, und was die Nürnberger Kaiserburg damit zu tun hat.

„Mehrere Gerichtsurteile bestätigen die Kennzeichenrechte der SE Gruppe“: So überschreibt das Maklerunternehmen seine jüngste Pressemitteilung vom Wochenbeginn im inzwischen monatelangen Streit mit Bastian und Steffen Helmsauer. Nach Darstellung des Unternehmens haben das Landgericht Nürnberg-Fürth und das Oberlandesgericht Nürnberg den Brüdern die Verwendung mehrerer zuvor genutzter Unternehmensbezeichnungen („Helmsauer Versicherungsmakler GmbH“, „Helmsauer Verbund“, „Helmsauer Brüder Versicherungsmakler GmbH“ und „Helmsauer Brüder Verbund“) untersagt. 

Daneben beträfen die Entscheidungen bestimmte Werbeaussagen zur Unternehmenshistorie und -tradition. Nach Angaben der SE Gruppe wurde zudem eine Schadenersatzpflicht festgestellt. Damit könnten aus der Verwendung der beanstandeten Bezeichnungen beziehungsweise Darstellungen grundsätzlich finanzielle Ansprüche entstehen. Die SE Gruppe wertet die Entscheidungen insgesamt als Bestätigung ihrer Rechtsposition. 

Ein Namensmonopol gibt es offenbar nicht

Nur: Das beklagte Unternehmen der Brüder Helmsauer verwendet diese Namen heute ohnehin nicht mehr. Sie erklären gegenüber dem Sachthemen-Blog, die aktuelle Firmierung RVH Helmsauer Brüder sei auch „zu keinem Zeitpunkt bisher angegriffen“ worden. Deshalb werde man unverändert unter diesem Namen am Markt auftreten. Dass der Name bleiben wird, davon scheint auch ein großer Fußballclub überzeugt. Im Juni gab der 1. FC Nürnberg die Zusammenarbeit mit RVH Helmsauer Brüder bekannt. Das Unternehmen erwarb das Namensrecht für den VIP-Bereich des Stadion, die „Top-Lounge“.

Steffen Helmsauer spricht bei LinkedIn in Bezug auf die Darstellung der SE Gruppe aktuell von „falschen Nachrichten“. In der Antwort auf unsere Anfrage interpretieren die Brüder die Entscheidung des OLG entsprechend auch vollkommen anders. Das Gericht habe ausdrücklich die Grundsätze zum Recht der Gleichnamigen berücksichtigt. Danach könne der Familienname Helmsauer weiterhin Bestandteil ihrer Firmierungen sein, wenn zusätzliche Bestandteile für einen ausreichenden Abstand zum konkurrierenden Unternehmen sorgen.

Nach Angaben der Brüder und auch der SE Gruppe sind die Hauptsacheverfahren beim Landgericht Nürnberg-Fürth noch offen. Gegen Versäumnisurteile sei Einspruch eingelegt worden. In einem weiteren Verfahren um das Unternehmen Helmsauer Brüder Versicherungsmakler Sachsen hätten wiederum die Bastian und Steffen Helmsauer erstinstanzlich gewonnen; dagegen habe die Gegenseite Berufung eingelegt. Von einem endgültigen Sieger dieses Namensstreits zu sprechen, scheint deshalb mindestens verfrüht.

Die Geschichte eines Dauerstreits

Es ist ein Streit, dessen Vorgeschichte Ende 2025 beginnt. Bernd Helmsauer, jahrzehntelang das Gesicht der Helmsauer Gruppe, schied nach Auseinandersetzungen mit dem schwedischen Mehrheitsgesellschafter Nordic Capital aus dem operativen Geschäft aus. Kurz darauf verließen seine Söhne Bastian und Steffen das Unternehmen und bauten ein eigenes Unternehmen auf. Im Mittelpunkt steht die Tätigkeit als Versicherungsmakler.

Die Kampfansage war kaum zu übersehen. Die Brüder positionierten sich als Familienunternehmen und warben offensiv mit ihrer Herkunft. Gleichzeitig wechselten zahlreiche ehemalige Beschäftigte der bisherigen Helmsauer Gruppe zum neuen Konkurrenten. Auch Kunden folgten den Brüdern. Es enstanden mehrere Niederlassungen an Orten, an denen bereits die alte Helmsauer Gruppe vertreten war.

Die Nähe war also nicht zufällig. Die Brüder machten den Familiennamen zum zentralen Bestandteil ihres Marktauftritts. So hieß es auf der damaligen Website über die Unternehmenswurzeln sinngemäß, was 1963 am Küchentisch der Großeltern begonnen habe, sei heute ein moderner Dienstleister mit zahlreichen Standorten. Das war zumindest missverständlich: Das neue Unternehmen war schließlich gerade erst gegründet worden. Auch Bastian Helmsauer erklärte auf LinkedIn damals selbstbewusst:

„Wir sind original. Seit Generationen.“

Juristische Siege führen zu marginalen Namensänderungen

Bereits im Februar hatte das Landgericht Nürnberg-Fürth auf Antrag der damaligen Helmsauer Gruppe einstweilige Anordnungen erlassen. Dabei ging es sowohl um Unternehmensbezeichnungen als auch um Werbeaussagen, bei denen die Gerichte eine Verwechslungsgefahr beziehungsweise Irreführung sahen. Gegen die Entscheidung gingen die Brüder juristisch vor. Im März wurde bekannt, dass der Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung erfolglos geblieben war und die Brüder Berufung eingelegt hatten. Damals erklärte Bastian Helmsauer, beim Familiennamen gehe es ihm inzwischen ums Prinzip. Notfalls wolle er bis zum Bundesgerichtshof gehen

Parallel kam eine andere Dimension des Streits ans Licht. So erhoben die Brüder Vorwürfe gegen den Interims-CEO der Helmsauer Gruppe, einen Frankfurter Juristen. Er soll Kunden vor der Unerfahrenheit der beiden Jungunternehmer, die 26 und 28 Jahre alt sind, gewarnt haben. Außerdem habe er sie wiederholt als „Burschen“ tituliert. Ein vollständiges Dementi gab es zu den Vorwürfen laut eines damaligen Medienberichts nicht. 

Die Brüder Helmsauer waren dagegen deutlich auskunftsfreudiger und inszenierten ihre angeblichen großen unternehmerischen Anfangserfolge derweil bei LinkedIn. Dabei verschwiegen sie allerdings die zwischenzeitlichen juristischen Niederlagen und verschleierten notwendige Änderungen Ihres Firmennamens in Marketingaussagen. Aus dem „Helmsauer Verbund“ wurde zunächst der „Helmsauer Brüder Verbund“, später die „RVH Helmsauer Brüder“. Wofür das RVH steht, ist unbekannt. 

Nordic stellt Maklergeschäft neu auf – doch der Name Helmsauer bleibt 

Auch bei der Helmsauer Gruppe änderte sich etwas. Nordic Capital löste im Juni die Versicherungsmakler aus der Dachgesellschaft heraus und gründete die SE Gruppe in Anlehnung an den größten Makler des Verbunds, die Dr. Schmidt & Erdsiek aus Minden. Viele Fachmedien berichten seitdem von einer Umbenennung der Helmsauer Gruppe. Doch diese Darstellung ist falsch, die Gruppe besteht fort und Bernd Helmsauer hat sie nie verlassen. Er leitet weiterhin mehrere Unternehmen, unter anderem eine Verrechnungsstelle für Ärzte. Nur aus dem Maklergeschäft hat er sich zurückgezogen. Auch bei seinen Söhnen mischt er nach eigener Darstellung nicht mit.

Mit dem neuen Namen für das Maklergeschäft ging der Geschäftsführer der SE Gruppe, Marco Gerhardt, in die Öffentlichkeit. In einem Interview mit dem „Versicherungsmonitor“ vom 11. Juni erklärte er den Streit eigentlich für beendet. Doch davon kann Stand heute keine Rede sein. Das Unternehmen will offensichtlich weiterhin jegliche Verwechselungsmöglichkeit mit ihrer auf das Heilwesen spezialisierten Tochtergesellschaft Helmsauer & Kollegen Assekuranzmakler ausschließen. Ein Punkt, der für das Verständnis der Auseinandersetzung wichtig ist: Auch bei der SE Gruppe heißt ein wichtiges Tochterunternehmen weiterhin Helmsauer. 

Wenn die Nürnberger Burg zum Streitfall wird

Die Kleinteiligkeit der Auseinandersetzung sieht man vor allem bei den Werbeaussagen. Die Brüder räumen ein, bestimmte beanstandete Formulierungen nicht mehr zu verwenden. Große wirtschaftliche Bedeutung messen sie ihnen allerdings nicht bei. Ein Beispiel: Nach ihrer Darstellung ging es unter anderem darum, ob formuliert werden darf, „die Geschäftsführung“ begleite einen großen Teil der Mandanten bereits seit vielen Jahren persönlich – oder ob ausdrücklich Bastian und Steffen Helmsauer als Personen genannt werden müssen. Auch der Hashtag „#SeitGenerationen“ wurde aufgegeben und durch „#DenkenInGenerationen“ ersetzt.

Richtig skurril wird es bei der Nürnberger Kaiserburg. Nach Darstellung der Brüder beanstandete die Gegenseite von ihnen verwendete Symbolbilder für die neuen Firmenstandorte auf der Unternehmenswebsite. So war für Nürnberg ein Bild der Burg und für Minden ein Bild mit einem Schiff auf der Weser genutzt worden. Die SE Gruppe habe behauptet, es könne der Eindruck entstehen, das Unternehmen habe seinen Firmensitz in der Kaiserburg. Nach Anregung des Gerichts sei dieser Antragspunkt zurückgenommen worden. Die Brüder kommentieren das mit einem Smiley und dem Satz:

„Das macht aus unserer Sicht auch nur Sinn, denn in Minden ist unser Firmensitz ja auch nicht auf dem Schiff auf der Weser.“ 

SE Gruppe schweigt 

Von der SE Gruppe wollte der Sachthemen-Blog gerne genauer erfahren, was der aktuelle Erfolg praktisch bedeutet. Wir haben unter anderem gefragt, welche kennzeichenrechtlichen Fragen noch gerichtlich geklärt werden, welches konkrete Ziel die SE Gruppe in den laufenden Verfahren verfolgt und ob sie den Brüdern den Namensbestandteil Helmsauer grundsätzlich streitig machen will. Außerdem wollten wir wissen, welche der untersagten Werbeaussagen überhaupt noch verwendet werden, welche Rolle der Wettbewerb um Kunden und Mitarbeiter bei der Auseinandersetzung spielt und ob die SE Gruppe Schadenersatzforderungen stellen will. Eine Antwort erhielten wir nicht.

Mein Kommentar

Die Causa Helmsauer begleitet mich seit über einem halben Jahr. Als Journalist freut man sich über solche Themen. Bei den Details des Rechtsstreits bin ich aber irgendwann nicht mehr mitbekommen. Was zählt, ist das Ergebnis. Die Brüder werden den Firmennamen Helmsauer in irgendeiner Form behalten dürfen. Und nur darauf kommt es eigentlich an. Wirklich wichtig war diese Frage wohl auch nur bei der Unternehmensgründung, als der Name bei der Abwerbung von Mitarbeitern und Kunden ein Zugpferd gewesen sein dürfte.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn ein Unternehmen monatelang darum kämpft, wie weit ein Wettbewerber den Namen Helmsauer verwenden darf, sich währenddessen mit der Begründung der besseren Differenzierung selbst umbenennt und dabei aber für einen von zwei Geschäftsbereichen den Namen Helmsauer behält. Die SE Gruppe, ihr Vorgänger und auch Investor Nordic Capital haben hier aus meiner Sicht zu keiner Zeit eine gute Figur gemacht, da sie sich kritischen Fragen konstant verweigert haben.

Spätestens wenn sich zwei große Versicherungsmakler vor Gericht darüber auseinandersetzen, was der Betrachter beim Anblick der Nürnberger Kaiserburg über den exakten Firmensitz denken könnte, darf man die Frage stellen, ob dieser Konflikt noch in einem vernünftigen Verhältnis zu seiner wirtschaftlichen Bedeutung steht. Die Ironie, mit der dies von beiden jungen Helmsauer-Brüdern kommentiert wird, empfinde ich als ausgesprochen wohltuend. Sie lässt hoffen, dass man selbst begriffen hat, wie absurd dieser Streit mittlerweile ist. 

Die Branche hätte vermutlich nichts dagegen, wenn beide Seiten ihre Energie langsam wieder stärker auf das Versicherungsgeschäft konzentrieren würden. Und die Kunden werden am Ende ohnehin nicht danach entscheiden, wer den besseren Antrag beim Landgericht formuliert hat.

Die Nürnberger Kaiserburg wird den Streit in jedem Fall überstehen.


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