Qualzuchten bei Haustieren

Der weitgehend noch akzeptierte Rassismus Die meisten aufgeklärten und intelligenten Menschen haben Rassismus längst hinter sich gelassen. Sie wissen, dass Hautfarbe, Herkunft oder Abstammung keine Kriterien sind, um den Wert oder die Würde eines Menschen zu bestimmen. Doch damit ist die Sache keineswegs abgeschlossen. Gerade in Zeiten, in denen die AfD und Teile ihrer Sympathisanten […]

Der weitgehend noch akzeptierte Rassismus

Die meisten aufgeklärten und intelligenten Menschen haben Rassismus längst hinter sich gelassen. Sie wissen, dass Hautfarbe, Herkunft oder Abstammung keine Kriterien sind, um den Wert oder die Würde eines Menschen zu bestimmen. Doch damit ist die Sache keineswegs abgeschlossen. Gerade in Zeiten, in denen die AfD und Teile ihrer Sympathisanten wieder offen rassistische Denkmuster vertreten und verteidigen, zeigt sich, dass Aufklärung kein abgeschlossenes Projekt ist. Im Gegenteil: Heute muss das Prinzip der Gleichwertigkeit aller Menschen scharf verteidigt werden, weil rassistisches Denken in neuem Gewand wieder an Einfluss gewinnt.

Während wir also beim Menschen gelernt haben, dass äußere Zuschreibungen absurd, gefährlich und zerstörerisch sind, wenden wir sie im Umgang mit Tieren weiterhin an. In der Tierzucht zählen bis heute „Rassestandards“, die oft grotesk sind und systematisch zu Qualzuchten führen – mit dramatischen Folgen für das Tierwohl.

Qualzuchten und Versicherungen

Die Folgen von Qualzuchten spiegeln sich mittlerweile deutlich im Versicherungsmarkt wider. Fachliche Marktanalysen zeigen, dass Versicherer bestimmte Rassen aufgrund statistisch auffälliger Schadenhäufigkeiten inzwischen in eigenen Risikokategorien kalkulieren. Besonders kurznasige Hunde wie Mops oder Französische Bulldogge verursachen durch Atemwegsprobleme, Operationen und chronische Folgeerkrankungen überdurchschnittlich hohe Behandlungskosten.

Wo rassespezifische Erkrankungen früher häufig pauschal ausgeschlossen wurden, hat sich der Markt inzwischen verändert. Viele moderne Tierkrankenversicherungen schließen genetische oder rassetypische Erkrankungen heute grundsätzlich mit ein — allerdings oft mit Riskozuschlägen, Wartezeiten, Leistungsgrenzen oder Einschränkungen bei bereits bekannten Symptomen. Gerade bei brachycephalen Rassen bleiben einzelne Erkrankungen oder Folgeoperationen jedoch weiterhin ein kritischer Punkt in den Bedingungen.

Für Vermittler wird die Beratung dadurch anspruchsvoller. Besonders bei Qualzuchten entscheidet häufig das Kleingedruckte darüber, ob hohe Behandlungskosten tatsächlich übernommen werden — oder am Ende beim Halter verbleiben.

Noch wichtiger ist jedoch der moralische und präventive Aspekt: Besser, als sich später über Ausschlüsse Gedanken machen zu müssen, wäre es, diese Rassen gar nicht erst zu kaufen. Jeder Kauf einer Qualzucht hält ein System am Leben, das Tiere krank macht, Leid verursacht und zugleich wirtschaftlich unnötige Risiken schafft.

Einige Beispiele

Die Liste der Qualzuchten ist lang und bedrückend. Möpse, Französische Bulldoggen und Englische Bulldoggen leiden aufgrund ihrer plattgedrückten Nasen unter chronischer Atemnot, Hitzestau und Kreislaufproblemen. Dackel entwickeln durch ihren überlangen Rücken schmerzhafte Bandscheibenvorfälle. Scottish Fold Katzen tragen einen Gendefekt, der nicht nur die Ohren formt, sondern auch Gelenke befällt und zu dauerhaften Schmerzen führt. Widderkaninchen kämpfen mit Entzündungen und Einschränkungen, weil ihre überlangen Hängeohren ihnen das Hören und normale Verhalten erschweren. Und Merle-Hunde, besonders bei Australian Shepherds, Border Collies, Shelties, Collies sowie auch bei Chihuahuas, Dackeln und Catahoula Leopard Dogs, riskieren bei falscher Verpaarung schwere Behinderungen von Geburt an.

>> Zur Erläuterung: Merle-Hunde sind Hunde mit einer genetisch bedingten Fellzeichnung, bei der das Fell unregelmäßig gesprenkelt oder marmoriert erscheint. Das sogenannte Merle-Gen sorgt für die oft auffälligen grau-schwarz, rot-beige oder blau gescheckten Farbverläufe und wird deshalb von vielen Kunden gezielt nachgefragt und von vielen Züchtern auch gerne bedient. <<

Doch damit ist die Liste längst nicht vollständig. Der Shar-Pei leidet unter Hautentzündungen durch seine übermäßigen Falten, der Chow-Chow unter Hüftgelenksproblemen und Atembeschwerden. Deutsche Doggen haben durch ihre extreme Größe ein hohes Risiko für Magendrehungen und Gelenkserkrankungen, während Dalmatiner häufig taub sind und unter Harnsteinen leiden. Besonders tragisch ist die Situation beim Cavalier King Charles Spaniel, der oft an Herzklappenerkrankungen und Syringomyelie leidet – einer schmerzhaften Erkrankung des Rückenmarks. Auch Perserkatzen sind durch ihre extreme Kopfform stark eingeschränkt, Sphinx-Katzen durch Haarlosigkeit anfällig für Hautprobleme, Sonnenbrand und Infektionen. Kleintiere wie Nacktmeerschweinchen oder Nacktratten können ihre Körpertemperatur nicht regulieren, und selbst bei Fischen wie dem Blasenauge oder dem Teleskopauge führen Zuchtziele zu schweren Einschränkungen. Sogar Vögel wie bestimmte Kanarienvögel mit überlangen, krausen Federn sind betroffen – sie können kaum noch fliegen und verletzen sich leicht.

Selbstverständlich sind dies nur wenige Beispiele. Die Gesamtliste über alle Tierarten nimmt mittlerweile gigantische Ausmaße an – und jeden Tag lassen sich manche Züchter neue „Rassen“ und äußerliche Extreme einfallen, die noch weiter vom Tierwohl entfernt sind.

Warum dulden wir das?

Die Gründe sind vielfältig. Ein „besonderes“ Tier gilt als Statussymbol oder Lifestyle-Accessoire. Vielen Käufern fehlt schlicht das Wissen über die Leiden dieser Tiere, oder sie verdrängen die Fakten. Hinzu kommt, dass Zuchtverbände extreme Merkmale weiterhin prämieren und Zuchtpreise vergeben, als ginge es um Pokale für Schönheitsideale. Züchter und Zuchtverbände müssen sich daher scharfe Kritik gefallen lassen. Wer heute noch nach Rassestandard Hunde mit der Schieblehre vermisst, wer fragwürdige äußerliche Kriterien zum Maßstab erhebt und dafür Auszeichnungen vergibt, behandelt Lebewesen, als wären sie Sammlerstücke – austauschbar, vergleichbar, dekorierbar. Doch Tiere sind keine Objekte. Sie sind fühlende Wesen, und wer ihre Gesundheit einem absurden Ideal opfert, trägt Verantwortung für ihr Leiden.

Ein krankes System

Das System vieler Zuchtverbände ist längst Teil des Problems. Auf Shows und Ausstellungen werden Tiere nach fragwürdigen Schönheitsidealen bewertet und prämiert — oft genau jene Merkmale, die gesundheitliche Schäden verursachen. Extrem kurze Schnauzen, überlange Rücken, übertriebene Hautfalten oder deformierte Körperformen gelten dort noch immer als „rassetypisch“ und besonders wertvoll.

Damit entsteht ein perverser Kreislauf: Was Preise gewinnt, wird weiter gezüchtet. Leid wird nicht verhindert, sondern ausgezeichnet. Tiere werden bis an die Grenzen des Machbaren immer weiter „optimiert“, obwohl Tierärzte seit Jahren vor den Folgen warnen. Gesundheit und Tierwohl stehen dabei häufig hinter Prestige, Geschäft und fragwürdigen Idealen zurück.

Gut informiert sein um gut zu beraten

Gerade für Berater und Vermittler ist es daher hilfreich, auf verlässliche Informationsquellen zurückzugreifen. Wer sich über Qualzuchten informieren möchte oder seine Kunden bei der Kaufentscheidung begleiten will, sollte sich die Webseite von QUEN anschauen. QUEN ist eine Informationsdatenbank und bietet eine umfassende Übersicht über zuchtbedingte sichtbare oder verdeckte Defekte betroffener Tierrassen.

Hier geht es zur Webseite: QUEN-Datenbank

Es wirkt wie ein Widerspruch: Wir lehnen rassistische Zuschreibungen beim Menschen ab, weil wir erkannt haben, dass sie Menschen entwürdigen und ihnen Schaden zufügen. Gleichzeitig akzeptieren wir aber, dass Tiere nach absurden „Rassenidealen“ geformt werden, obwohl diese ihr Leben massiv einschränken. In beiden Fällen geht es um dasselbe Prinzip: Äußerliche Merkmale werden über das individuelle Wohl gestellt.

Was wir tun können

Wer Tierleid verhindern will, kann handeln. Keine Qualzuchten kaufen – weder beim Züchter noch im Internet. Freunde und Bekannte aufklären, Tierheime unterstützen, in denen unzählige gesunde Tiere ein Zuhause suchen. Auf politischer Ebene strengere Kontrollen und klare Zuchtverbote fordern. Und in der Versicherungsberatung Kunden sensibilisieren, dass die Wahl einer Qualzucht nicht nur moralische, sondern auch finanzielle Konsequenzen hat. Denn nur, wenn rassespezifische Erkrankungen im Schutz enthalten sind, besteht echte Sicherheit – und auch dann bleibt die bessere Wahl, solche Tiere gar nicht erst zu erwerben.

Auch die Würde des Tieres ist unantastbar

Der aufgeklärt denkende Mensch weiß: Äußerliche Merkmale dürfen nicht über Wert und Würde entscheiden – weder bei Menschen noch bei Tieren. Solange wir Tiere jedoch nach krankmachenden Standards züchten, bleiben wir unglaubwürdig. Wer eine Qualzucht kauft, unterstützt bewusst ein System des Leidens. Wer dagegen Haltung zeigt und als Züchter auf eine gesunde, artgerechte Zucht achtet oder sich als Käufer für die Adoption aus dem Tierheim entscheidet, macht einen echten Unterschied. Und wer als Vermittler dazu beiträgt, Tierhalter vor Risiken und vor bösen Überraschungen im Kleingedruckten zu bewahren, handelt doppelt verantwortungsvoll. Am besten aber wäre es, wenn Qualzuchten gar nicht mehr gezüchtet – und damit auch nicht mehr versichert werden müssten.

Zu dem Thema gibt es im Übrigen auch einen sehr sehenswerten Beitrag in der ARD-Mediathek:

Leiden auf vier Pfoten


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