Zwischen Kostendruck und Rekordgewinnen – warum steigende Prämien und starke Ergebnisse der Versicherer kein Widerspruch sind
Die öffentliche Wahrnehmung könnte kaum gegensätzlicher sein: Während Kundinnen und Kunden über immer höhere Prämien in der Kfz- und Wohngebäudeversicherung klagen, melden die großen Versicherungskonzerne stabile oder gar steigende Gewinne. Für viele klingt das paradox – wie kann eine Branche von „hohen Schadensbelastungen“ und „Inflationsdruck“ sprechen, gleichzeitig aber glänzende Halbjahreszahlen präsentieren? Wer sich die Mechanismen des Versicherungsmarkts genauer ansieht, erkennt: Der vermeintliche Widerspruch ist erklärbar – und hat viel mit zeitlichen Verschiebungen, Marktzyklen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun.
Tatsächlich hat sich die Lage in der Wohngebäudeversicherung zuletzt spürbar verbessert. Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) lag die kombinierte Schaden-Kosten-Quote 2024 im Branchendurchschnitt bei rund 96,5 Prozent – nach etwa 101 Prozent im Vorjahr. Damit war die Sparte erstmals seit Jahren wieder profitabel. Der Grund liegt allerdings weniger in sinkenden Schadenzahlen, sondern vor allem in gestiegenen Beitragseinnahmen. Die Versicherer haben die überfälligen Prämienanpassungen der vergangenen Jahre umgesetzt, um die stark gestiegenen Bau-, Material- und Handwerkerkosten zu kompensieren. Dieser Effekt zeigt nun Wirkung. Zugleich blieb 2024 ein Jahr ohne extreme Unwetterereignisse, sodass die Schadenbelastung insgesamt moderat ausfiel.
Auch 2025 hat bisher kein außergewöhnliches Katastrophenjahr hervorgebracht, wenngleich es mehrere regionale Unwetter gab. So meldete der Deutsche Wetterdienst im Sommer und Herbst starke Gewitterlagen mit heftigem Starkregen, etwa durch das Sturmtief „Ziros“ im Juni und Dauerregenereignisse im September. Großflächige Schäden in der Dimension des Hochwassers im Ahrtal von 2021 blieben bislang jedoch aus. Das lässt die Hoffnung zu, dass die Schadenlage auch in diesem Jahr auf einem beherrschbaren Niveau bleibt – ein wichtiges Signal für die Risikokalkulation in der Sachversicherung. Dennoch bleibt die Situation fragil: Schon ein einziges Starkregen- oder Sturmereignis kann die Jahresbilanz wieder in den negativen Bereich drehen.
In der Kfz-Versicherung hat sich die Lage ähnlich entwickelt, wenn auch mit anderer Dynamik. Nach einem verlustreichen Jahr 2023, in dem die Branche durchschnittlich rund elf Prozent mehr ausgegeben als eingenommen hat, zeichnete sich 2024 eine Rückkehr in die Nähe des Break-even ab. Haupttreiber der Belastung waren die drastisch gestiegenen Reparaturkosten. Laut GDV erhöhten sich die Preise für Kfz-Ersatzteile zwischen August 2023 und August 2024 um rund 6,2 Prozent, im Jahr davor sogar um 9,7 Prozent. Auch 2025 liegen die Teuerungsraten weiter bei etwa sechs Prozent. Bei einzelnen Karosserieteilen wie Motorhauben oder Stoßfängern betrug der Preisanstieg teils mehr als zehn Prozent. Parallel dazu kletterten die Werkstattstundensätze weiter nach oben: 2023 lag der Durchschnitt bei 188 Euro, 2024 bereits bei rund 202 Euro, und für 2025 rechnet die DEKRA mit einem weiteren Anstieg um etwa neun Prozent. Diese Entwicklung treibt die Schadenkosten massiv – und erklärt, warum Versicherer trotz verbesserter Ergebnisse an Prämienerhöhungen kaum vorbeikommen.
Dass die Branche dennoch wieder Gewinne ausweist, liegt an mehreren Faktoren. Einerseits wirken die Preisanpassungen mit zeitlicher Verzögerung: Kostensteigerungen schlagen oft erst ein bis zwei Jahre später vollständig auf die Bilanz durch. Andererseits profitieren Versicherer vom veränderten Zinsumfeld. Nach Jahren extrem niedriger Renditen werfen Kapitalanlagen – insbesondere Anleihen – wieder deutlich höhere Erträge ab. Diese Investmentgewinne verbessern die Ergebnisse spürbar, unabhängig vom operativen Versicherungsgeschäft. Dazu kommt, dass viele Sparten, etwa Haftpflicht oder Unfall, stabil profitabel bleiben und schwächere Bereiche wie Kfz oder Wohngebäude ausgleichen.
Die Branche befindet sich damit in einer typischen Phase des Versicherungszyklus. Der Phase der Konsolidierung: Preise steigen, Risikopolitik wird strenger, die Kalkulation realistischer. Das ist keine Gewinnmaximierung um jeden Preis, sondern ein notwendiger Schritt, um die finanzielle Stabilität der Versicherer langfristig zu sichern. Ohne solche Anpassungen könnten Rückstellungen nicht auskömmlich dotiert und künftige Schadenzahlungen gefährdet sein.
Für die kommenden Jahre könnten sich die Beitragserhöhungen in der Wohngebäudeversicherung allerdings spürbar abschwächen. Sollte die Schadenlage weiterhin stabil bleiben, Bau- und Handwerkerpreise sich nur moderat entwickeln und Rückversicherungskosten nicht weiter steigen, wäre eine Phase weniger deutlicher Beitragserhöhungen durchaus realistisch. Erste Anzeichen für eine Beruhigung zeigen sich bereits: Der Baupreisindex steigt deutlich langsamer als in den Vorjahren, und die Elementarschadenbilanz blieb zuletzt unter dem langjährigen Durchschnitt. Auch der GDV erwartet für 2025 eine eher moderate Kostenentwicklung. Bleibt diese Tendenz bestehen, könnten sich Beitragsanpassungen künftig wieder stärker am tatsächlichen Risiko orientieren, anstatt pauschal die allgemeinen Kostensteigerungen abbilden zu müssen.
Am Ende zeigt sich: Steigende Prämien und steigende Gewinne sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Versicherer reagieren auf reale Kosten- und Schadentrends – und erzielen dann Gewinne, wenn die Kalkulation wieder im Gleichgewicht ist. Für die Branche bedeutet das eine Rückkehr zu Stabilität, für die Kunden die Gewissheit, dass Leistungsfähigkeit und Schadenregulierung auch in Zukunft gesichert bleiben. Entscheidend ist, diese Zusammenhänge offen zu kommunizieren. Denn nur wer versteht, warum Preise steigen – und unter welchen Bedingungen sie künftig langsamer steigen könnten –, kann die Rolle der Versicherer in einem zunehmend risikobehafteten Umfeld richtig einordnen.

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