Comeback mit Kalkül – Wie die S&K-Gründer ihr Skandalimage in Social‑Media‑Ruhm verwandeln
Von den Justizvollzugsanstalten zurück auf TikTok, Instagram und YouTube: Jonas Köller und Stephan Schäfer, Gründer des berüchtigten S&K-Immobilienunternehmens, sind zurück in der Öffentlichkeit – und das lauter und selbstbewusster denn je. Über ein Jahrzehnt lang war es still um das Duo, das einst mit Luxus, Protz und dreist versprochenen Renditen zehntausende Anleger um Millionen brachte. Nun feiern sie auf Social Media ein Comeback, das weniger an Reue erinnert als an eine perfekt kalkulierte Selbstvermarktung auf Basis eines verurteilten Skandals.
Köller und Schäfer hatten in den 2000er-Jahren ein rasant wachsendes Immobilienimperium aufgebaut. Ihre Firma S&K kaufte Zwangsversteigerungsobjekte und versprach privaten Anlegern Traumrenditen von bis zu 12 % pro Jahr. Laut Ermittlungen und Urteil handelte es sich dabei um ein komplexes Schneeballsystem. Neue Anlegergelder wurden verwendet, um hohe Auszahlungen zu bedienen und den luxuriösen Lebensstil der Gründer zu finanzieren. Nach Erkenntnissen der Ermittler und des Landgerichts Frankfurt beläuft sich der dokumentierte Schaden auf etwa 240 Millionen Euro, wovon 90 Millionen Euro konkret als Vermögensschaden nachgewiesen werden konnten. Etwa 11.000 Anleger waren betroffen.
Im Februar 2013 erfolgte eine der größten Polizeiaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik: Rund 1.200 Beamte durchsuchten über 100 Objekte in ganz Deutschland. Die Verhaftung von Jonas Köller und Stephan Schäfer erfolgte am 19. Februar 2013 im Rahmen dieser bundesweiten Großrazzia.
Im September 2013 sorgte Stephan Schäfer dann für Aufsehen, als er während eines Gerichtstermins am Landgericht Frankfurt versuchte, aus dem ersten Stock des Gebäudes zu fliehen. Er sprang aus einem Fenster, stürzte rund fünf bis sechs Meter in die Tiefe und verletzte sich schwer. Ob es sich um einen Flucht- oder Suizidversuch handelte, blieb unklar.
Der Prozess gegen Jonas Köller und Stephan Schäfer begann dann erst 24. September 2015 vor dem Landgericht Frankfurt am Main und endete am 29. März 2017 mit ihrer Verurteilung zu jeweils achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe wegen besonders schwerer Untreue. Der Bundesgerichtshof teilte am 06.09.2019 in Karlsruhe mit, dass er die Revision des zu acht Jahren und sechs Monaten verurteilten S&K-Gründers Jonas K. verworfen hat. Auch das Urteil gegen einen zu sechs Jahren Haft verurteilten Mittäter wurde rechtskräftig. Der zweite, ebenfalls mit achteinhalb Jahren Haft bedachte S&K-Gründer Stephan S. hatte auf eine Revision verzichtet. Beide Männer verbrachten rund vier Jahre in Untersuchungshaft, bevor das endgültige Strafmaß feststand. Im März 2017 wurden sie nach ihrer Verurteilung zu acht Jahren und sechs Monaten Haft zwar offiziell zu Gefängnis verurteilt, doch:
Sie hatten bereits bedeutende Teile ihrer Strafe im U-Haft verbüßt, weshalb sie nach dem Hafturteil sofort auf freien Fuß gesetzt wurden.
Im offenen Vollzug konnten sie ihren Reststrafenzeitraum verbringen: Laut Fonds Professionell durfte Köller nach gut 2,5 Jahren wieder als Freigänger leben .
Gleiches galt vermutlich auch für Schäfer, da beide in vergleichbaren Situationen waren.
Im offenen Vollzug konnten sie ab etwa 2019/2020 unter bestimmten Auflagen – z. B. Arbeitserlaubnis, Meldepflicht – ihren Alltag organisieren. Gemäß deutscher Rechtslage ist eine Entlassung auf Bewährung nach zwei Dritteln der Strafe möglich. Da sie einen Großteil im geschlossenen Vollzug verbüßt hatten, kamen sie etwa nach 5–6 Jahren Gesamtzeit im Vollzug (geschlossen + offen) endgültig frei .
Laut Justiz wurden etwa 21 Millionen Euro an Vermögenswerten beschlagnahmt, darunter vier Millionen Euro aus dem Privatvermögen der Gründer. Die Rückflüsse an die geschädigten Anleger blieben marginal: Die Rückzahlungsquote lag deutlich unter zehn Prozent.
Nach der Haftzeit meldeten sowohl Schäfer (2019) als auch Köller (2021) Privatinsolvenz an. Das hinderte sie allerdings nicht daran, erneut öffentlich in Erscheinung zu treten – diesmal als Social-Media-Akteure. Im Juni 2025 meldeten sich beide überraschend mit dem neuen Projekt „S&K Universe“ auf Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube zurück. Dabei posieren sie in Videos in Privatjets, Villen, Designeranzügen und auf Luxusreisen. In einem Clip sagt Köller: „Wir zeigen euch, wie man reich wird – und vor allem, wie man es für immer bleibt.“ Und weiter: „Wir freuen uns ganz besonders auf die Kommentare der Hater“. Eine thematische Auseinandersetzung mit ihrem wirtschaftskriminellen Vorleben findet nicht statt.
Wie ntv.de am 16. Juni 2025 berichtet, sind viele der neuen Videos in gewohnt reißerischem Stil produziert – auffällig sei vor allem, wie unkommentiert und scheinbar nahtlos das Comeback gelinge, obwohl beide Männer rechtskräftig verurteilte Betrüger seien (Quelle: ntv.de). Auch welt.de zeigt sich kritisch: Die Zeitung berichtet, dass die beiden auf Social Media geradezu „wie Popstars gefeiert“ würden – und das, obwohl sie „Millionen veruntreut haben und eine der größten Anlegerskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte“ mitzuverantworten hätten. Gleichzeitig weist der Artikel darauf hin, wie professionell das Duo sich und seine Geschichte neu inszeniert – als geläuterte, aber erfolgreiche Selfmade-Männer mit exklusivem Zugang zu Reichtum und Wissen (Quellen: welt.de, 16. Juni 2025, ntv.de, 16. Juni 2025).
Wie sehr diese Strategie aufgeht, zeigen erste Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Ein Nutzer auf LinkedIn verweist auf konkrete Zahlen: Über 300.000 Aufrufe auf YouTube in nur vier Videos, dazu 18.500 Follower auf Instagram und 21.000 auf TikTok. „Super smart platziert“, schreibt der Nutzer – auch wenn man „am Content noch ein wenig arbeiten“ könne. Reichweite ersetzt heute offenbar mühelos Integrität.
Besonders brisant war zudem ein Auftritt Stephan Schäfers in einem Musikvideo von Rammstein-Frontmann Till Lindemann. In dem Clip zur Single „Und die Engel singen“ sieht man Schäfer, wie er schweigend an einer opulenten Tafel sitzt, während im Hintergrund eine Frau in einem Pool ertränkt wird. Schäfer agiert nicht – er schaut zu. Das Bild wirkt wie eine düstere Allegorie auf die eigene Vergangenheit: ein Zeuge, ein Profiteur, ein Täter, der schweigt.
Dass Influencer, Fans und sogar einige Medien diese Rückkehr beklatschen, ohne die Geschichte dahinter zu problematisieren, offenbart ein ernstes Missverhältnis. Reichweite wird in der heutigen Medienkultur oft wichtiger bewertet als Herkunft oder moralische Legitimität. Die beiden nutzen dieses Prinzip konsequent: Provokation wird zur Marke, das eigene Vorleben zur Legende. Doch hinter dieser kalkulierten Inszenierung steht ein reales Kapitel deutscher Wirtschaftskriminalität – mit realen Opfern, realen Schäden und einem nachgewiesenen, massiven Vertrauensbruch.
Der Fall Köller und Schäfer steht damit sinnbildlich für eine Entwicklung in der öffentlichen Debatte: Straftaten verlieren im digitalen Zeitalter rasch ihre Schärfe, sobald sie sich in Reichweite, Likes und Follower umwandeln lassen. Dass Influencer-Ökonomie auf skandalisierbare Persönlichkeiten setzt, ist kein neues Phänomen – neu ist allerdings, mit welcher Selbstverständlichkeit Täter sich zu tragischen Helden ihrer eigenen Erzählung machen.
Das Comeback der beiden verurteilten Betrüger ist für die geschädigten Anleger ein Hohn. Viele von ihnen haben ihre Altersvorsorge, ihre Ersparnisse und ihr Vertrauen verloren – und bis heute kaum eine Stimme in der Öffentlichkeit erhalten. Während Köller und Schäfer mit ihrer Vergangenheit provozieren und daraus erneut Kapital schlagen, bleiben die Opfer wie so oft unsichtbar. Ihr Leid hat keine Bühne – und schon gar keine Followerzahlen.

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