Nürnberger Versicherung vor Übernahme durch Vienna Insurance Group (VIG)
Exklusive Verhandlungen über Mehrheitsbeteiligung
Die Nürnberger Beteiligungs-AG, Muttergesellschaft der Nürnberger Versicherung, steht vor einem möglichen Verkauf: Die österreichische Vienna Insurance Group (VIG) strebt den Erwerb einer Mehrheitsbeteiligung von über 50 Prozent an dem fränkischen Versicherer an. Beide Unternehmen haben am Freitag bekanntgegeben, exklusive Due-Diligence-Prüfungen einzuleiten, um eine mögliche Übernahme vorzubereiten. In einer gemeinsamen Mitteilung heißt es, man prüfe den Erwerb einer kontrollierenden Mehrheit – ob es tatsächlich zur Übernahme kommt, ist allerdings noch offen. Eine endgültige Entscheidung über den Einstieg der VIG bei der Nürnberger soll voraussichtlich im vierten Quartal 2025 fallen.
Hintergrund: Suche nach Partner nach Krisenjahren
Bereits auf der Hauptversammlung im Mai 2025 hatte der Vorstand der Nürnberger angekündigt, die weitere Unabhängigkeit des Unternehmens ergebnisoffen zu prüfen. Auslöser waren tiefrote Zahlen und anhaltende Probleme: In ihrem Geschäftsjahr 2024 verbuchte die Nürnberger ein Defizit von 77 Mio. Euro, insbesondere die Schadenversicherungssparte schrieb mit –157,4 Mio. Euro deutlich rote Zahlen. Das Unternehmen befand sich zuletzt im „Krisenmodus“ mit mehreren Gewinnwarnungen, Stellenabbau und gekürzter Dividende. Vor diesem Hintergrund suchte der Versicherer nach einem strategischen Partner, um die Zukunftsfähigkeit zu sichern. In den vergangenen Wochen führte die Nürnberger Gespräche mit mehreren Versicherungsunternehmen über einen möglichen Investoreneinstieg.
VIG als Favorit – andere Interessenten ausgestochen
Unter den potenziellen Kandidaten galten zunächst auch deutsche Branchengrößen als Favoriten. Genannt wurden insbesondere der Konzern Versicherungskammer Bayern – selbst bereits mit rund 16 % an der Nürnberger beteiligt – sowie die Provinzial Gruppe. Nun habe jedoch die VIG aus Wien die besten Karten. Der Nürnberger-Vorstand entschied sich nach Sondierungsgesprächen dafür, zunächst mit der VIG in vertiefte Verhandlungen einzutreten. Ausschlaggebend für diese Entscheidung seien laut Unternehmen vor allem die von VIG gebotenen strategischen Perspektiven, finanzielle Konditionen sowie Zugeständnisse zur Sicherung des Standorts Nürnberg und zur Bewahrung der Marke „Nürnberger“ gewesen. VIG begründete ihr Interesse ihrerseits damit, dass die Nürnberger als etablierter deutscher Versicherer zur weiteren Diversifizierung des VIG-Portfolios beitragen könne.
Geplante Übernahmestruktur und Zeitplan
Bei der angestrebten Beteiligung handelt es sich um eine kontrollierende Mehrheit von mehr als 50 % der Aktien der Nürnberger Beteiligungs-AG. Welche Aktionäre ihre Anteile verkaufen könnten, ist offiziell noch nicht bekannt. Derzeit ist das Aktionariat der Nürnberger auf mehrere große Eigner verteilt: Größter Anteilseigner ist mit rund 19 % die Munich Re, gefolgt von der Neue SEBA Beteiligungsgesellschaft (etwa 19 %, hinter der indirekt die Hannover Rück stehen soll), der Versicherungskammer Bayern (~16 %) und der japanischen Daido Life (~15 %). Etwa 29 % der Anteile befinden sich im Streubesitz (Freefloat). Um über 50 % zu kommen, müsste VIG also Anteile mehrerer dieser Eigentümer übernehmen. Ein solches Vorhaben würde aller Voraussicht nach ein Pflichtangebot an die übrigen Aktionäre nach sich ziehen und unterliegt den aufsichtsrechtlichen Genehmigungen der Behörden.
Zunächst steht jedoch die Prüfung der Bücher an: Die exklusive Due-Diligence-Phase soll der VIG detaillierten Einblick in Finanzen und Risiken der Nürnberger ermöglichen. Aufgrund der strengen Regulierung und komplexen Bilanzierung im Versicherungsgeschäft fällt diese Prüfung umfangreicher aus als bei Industrieunternehmen. Erst danach werden beide Seiten über die Einzelheiten der Transaktion verhandeln – Ausgang und Erfolg der Gespräche gelten als offen.
Bis spätestens Ende 2025 soll Klarheit herrschen: Eine Entscheidung über die Beteiligung der VIG wird für das 4. Quartal 2025 erwartet. Im Fall einer Einigung könnte die Übernahme – vorbehaltlich der Zustimmung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sowie der zuständigen Wettbewerbsbehörden – im Jahr 2026 vollzogen werden. Erst nach diesen Genehmigungen wäre der Weg für den formalen Kontrollwechsel frei.
Unklar bleibt bislang auch, wie VIG im Erfolgsfall mit dem Produktportfolio der Nürnberger verfahren würde: Bleiben alle Sparten erhalten – insbesondere spezialisierte Nischenangebote wie die Autohauspolicen der Tochter Garanta – oder werden diese in bestehende VIG-Strukturen integriert? Diese Frage steht derzeit noch im Raum und könnte für bestimmte Kundensegmente von erheblicher Bedeutung sein.
Ob die Übernahme durch die VIG langfristig Stellenstreichungen bei der Nürnberger nach sich ziehen könnte, ist derzeit offen. Offizielle Zusagen gibt es bislang lediglich zur Standortsicherung und zum Erhalt der Marke. Branchenexperten weisen jedoch darauf hin, dass Zusammenschlüsse in der Versicherungswirtschaft oft mit Effizienzmaßnahmen einhergehen – darunter auch der Abbau von Doppelstrukturen. Ob dies bei der Nürnberger der Fall sein wird, dürfte sich erst nach Abschluss der Verhandlungen und einer möglichen Integration zeigen.
Reaktionen von Markt und Branche
Die Börse reagierte umgehend auf die Übernahmepläne: Die Aktie der Nürnberger Versicherung sprang zeitweise um über 13 % nach oben und notierte am Freitagvormittag bei fast 61 Euro. Diese Kursrally signalisiert eine positive Einschätzung der Anleger – der Markt spekuliert offenbar darauf, dass ein Einstieg der VIG frischen Rückenwind und finanzielle Stabilität für die angeschlagene Nürnberger bringen könnte.
Branchenbeobachter verweisen zudem auf den generellen Konsolidierungstrend in der Versicherungswirtschaft: Erst vor Kurzem wurde etwa die Fusion der beiden mittelgroßen Versicherer Gothaer und Barmenia auf den Weg gebracht und auch Helvetia und Baloise kündigten ihren Zusammenschluss an. Experten sehen weiteres Potenzial für Zusammenschlüsse vor allem bei kleineren und mittelgroßen Anbietern, die im Wettbewerb unter Druck stehen. Angesichts wachsender Herausforderungen – von teuren IT-Modernisierungen bis zu steigenden Regulierungskosten – seien die Aufgaben für einen vergleichsweise kleinen, eigenständigen Versicherer erheblich. Unter dem Dach eines großen Versicherers seien diese Aufgaben und Probleme leichter lösbar, heißt es von Branchenkennern.
Während Konkurrenten wie die Versicherungskammer oder Provinzial öffentlich keine Stellungnahme abgaben, dürfte ihr Interesse an der Nürnberger durch den Vorstoß der VIG vorerst ausgebremst sein. In der Belegschaft und bei Kunden der Nürnberger wurden die Fusionsgerüchte zunächst mit Verunsicherung beobachtet, doch die nun öffentlich gemachten Zusagen zum Erhalt von Standort und Marke dürften beruhigend wirken. Die Marke „Nürnberger“ soll nach VIG-Plänen weiterhin bestehen bleiben, und der Unternehmenssitz in Nürnberg soll gesichert werden.
Ausblick: Entscheidung bis Jahresende
Bis zum Jahresende wird sich zeigen, ob die Vienna Insurance Group und die Nürnberger Versicherung handelseinig werden. Vorerst handelt es sich um eine Absichtserklärung und Prüfvereinbarung, noch kein bindendes Übernahmeangebot. Sollte die Due Diligence positiv ausfallen und beide Seiten sich auf Konditionen einigen, könnte VIG durch die Mehrheitsübernahme einen bedeutenden Schritt auf den deutschen Markt machen – und die Nürnberger würde Teil eines der größten Versicherungskonzerne in Zentral- und Osteuropa werden. Die VIG ist in Deutschland bislang vor allem durch ihre Tochtergesellschaft InterRisk mit Sitz in Wiesbaden bekannt.
Für beide Unternehmen wäre es ein bedeutender Einschnitt: VIG würde ihr Portfolio in Richtung Westeuropa erweitern, während die Nürnberger nach über 130 Jahren Unabhängigkeit erstmals unter ein ausländisches Konzerndach schlüpfen würde.
Bevor es soweit kommt, müssen jedoch erst die Prüfungsergebnisse und Verhandlungen im Herbst 2025 abgewartet werden. Und letztlich hätten auch die Aufsichtsbehörden ein Wort mitzureden – allen voran die BaFin – falls die Übernahme besiegelt wird. Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob die vorläufige Annäherung in einen tatsächlichen Mehrheitswechsel mündet oder ob die fränkische Versicherungsgruppe am Ende doch eigenständig bleibt.

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