Bisher galt es als selbstverständlich, dass nachhaltige ESG-Fonds einen großen Bogen um Rüstungsaktien machen. Auch du hast vermutlich gedacht, Investitionen in Waffenhersteller seien in grünen Portfolios ein absolutes Tabu. Doch seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 hat in der Finanzwelt ein Umdenken eingesetzt. Laut einer Morningstar-Analyse haben europäische ESG-Aktienfonds ihr Engagement im Sektor „Luft- und Raumfahrt & Verteidigung“ seit Kriegsbeginn im Schnitt um den Faktor 2,7 erhöht. Dieser Trend hat sich nochmals beschleunigt, nachdem die EU-Kommission im März 2025 neue Leitlinien zur Finanzierung der europäischen Verteidigungsindustrie vorgestellt hat. Inzwischen halten aktive europäische ESG-Aktienfonds durchschnittlich 1,9 % ihres Portfolios in Rüstungsaktien (aktive Nicht-ESG-Fonds: 2,3 %). Bei passiven ESG-Fonds ist der Anteil mit 0,6 % geringer (passive konventionelle Fonds: 1,7 %). Nachhaltige Fonds sind also immer noch etwas vorsichtiger, haben aber deutlich aufgeholt. Während etwa 56 % der europäischen Aktienfonds ohne ESG-Auflagen in Rüstungswerte investieren, sind es bei ESG-Fonds mittlerweile 43 % – hauptsächlich getrieben durch die „Artikel 8“-Fonds gemäß EU-Offenlegungsverordnung, denn strikt nachhaltige Artikel 9-Fonds haben ihr Rüstungs-Exposure kaum ausgeweitet.
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist die Performance: Europäische Rüstungsaktien sind seit 2022 rasant gestiegen. Der Verteidigungssektor macht inzwischen etwa 4 % des Morningstar Developed Europe Index aus, vor drei Jahren waren es noch 1,5 %. Wer den Sektor ausgeschlossen oder untergewichtet hat, büßte Rendite ein – das gilt sowohl für ESG-Fonds als auch für konventionelle Fonds. Kein Wunder also, dass immer mehr nachhaltige Fonds aus Renditegründen mitmischen wollen. Eine Morningstar-Analyse zeigt, dass im September 2024 rund ein Drittel der ESG-Fonds in Europa und Großbritannien insgesamt 7,7 Milliarden Euro im Rüstungssektor investiert hatten – im ersten Quartal 2022 waren es erst 3,2 Milliarden Euro. Das Volumen von Rüstungsaktien in ESG-Portfolios hat sich also innerhalb von gut zwei Jahren mehr als verdoppelt.
Begünstigt wurde dieser Trend auch durch eine Kehrtwende der Regulierer. Ende 2023 stellte die EU-Kommission ausdrücklich klar, dass die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) Investitionen in Rüstungsunternehmen nicht ausschließt. Nachhaltigkeitsangaben gelten demnach „horizontal für alle Branchen“, und der EU-Rahmen für nachhaltiges Investieren „setzt keine Beschränkungen für die Finanzierung irgendeiner Branche, einschließlich des Verteidigungssektors“. Wichtige Einschränkungen gibt es nur für völkerrechtlich verbotene Waffengattungen (etwa Streubomben oder Chemiewaffen). Im Mai 2024 folgte dann eine entscheidende Lockerung durch die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA): Sie erlaubt seither Fonds mit Begriffen wie „nachhaltig“ oder „ESG“ im Namen, bis zu 20 % ihres Kapitals ohne Nachhaltigkeitsfilter anzulegen. Mit diesem 20-Prozent-Freibetrag können also auch als nachhaltig vermarktete Fonds in Rüstungs- und Verteidigungswerte gehen – solange sie die oben genannten geächteten Waffen weiterhin meiden.
Die Asset-Manager reagieren unterschiedlich auf den neuen Kurs. Einige große Häuser haben ihre ESG-Anlagerichtlinien gelockert, um Rüstungsaktien zumindest begrenzt zuzulassen; andere beharren auf strikten Ausschlüssen. DWS zum Beispiel verzichtet laut Vorstandschef Stefan Hoops künftig auf Regeln, die viele hauseigene Fonds bislang vom Kauf von Rüstungswerten abhielten. Konkret streicht DWS in ihren Artikel-8-Fonds mit dem „DWS Basic Exclusions“-Filter einen Schwellenwert, der bislang Unternehmen ausschloss, die mehr als 10 % ihres Umsatzes im Rüstungsbereich erzielen. Allianz Global Investors (Allianz GI) ging einen ähnlichen Schritt und hat im April 2025 zwei Ausschlusskriterien für die meisten hauseigenen Artikel-8-Fonds aufgehoben: zum einen die bisherige 10-Prozent-Umsatzgrenze für Hersteller von Militärausrüstung und -dienstleistungen, zum anderen den Ausschluss von Unternehmen, die Nuklearwaffen in Ländern innerhalb des Atomwaffensperrvertrags produzieren. Als Begründung nennt AllianzGI die veränderte öffentliche Einstellung zum Verteidigungssektor in Europa nach dem Ukraine-Krieg. Auch Candriam vollzieht eine Kehrtwende: Hatte der Vermögensverwalter noch im Herbst kategorisch erklärt, Aktien aus der Verteidigungsbranche konsequent aus seinen ESG-Fonds auszuschließen, bietet er nun „eine Reihe unterschiedlicher Investitionsmöglichkeiten im Verteidigungssektor“ an – allerdings mit einer wichtigen Unterscheidung zwischen konventionellen Waffen (nun zulässig) und kontroversen Waffen (weiterhin tabu).
Nicht alle ziehen da mit. GLS Bank etwa positioniert sich demonstrativ gegen die neue Entwicklung. „Die Produktion von Waffen, ihr Export und ihr Einsatz sind nicht nachhaltig! Krieg ist nicht nachhaltig“, stellt GLS-Vorständin Aysel Osmanoglu klar. Dividenden aus Rüstungsgütern kämen für sie deshalb keinesfalls als „nachhaltig“ in Frage. Union Investment hält ähnlich an strengen Grundsätzen fest. „Als nachhaltiger Investor können und wollen wir Rüstung nicht direkt fördern“, betont Nachhaltigkeitschef Henrik Pontzen. Eine Kernanforderung an nachhaltige Investments sei schließlich, keinen wesentlichen Schaden anzurichten – doch „Waffen gehen notwendigerweise mit wesentlichen Beeinträchtigungen einher“. Die Fondsgesellschaft Deka vertritt einen vergleichbaren Standpunkt: „In Fonds mit Nachhaltigkeitsmerkmalen gehören grundsätzlich keine Rüstungsunternehmen“ hinein, erklärt Deka. In ihren nachhaltigen Fonds seien deshalb Rüstungskonzerne tabu; lediglich einen 5 % Umsatzanteil aus Rüstungsgeschäft toleriere man aus Praktikabilitätsgründen noch.
Auch in der Öffentlichkeit spiegelt sich der Stimmungswandel wider. Eine Umfrage des Vergleichsportals Verivox zeigt, dass die moralischen Vorbehalte gegen Rüstungsinvestments seit dem Ukraine-Krieg deutlich abgenommen haben. 2022 lehnten noch 53 % der Befragten Geldanlagen in Rüstungsfirmen aus ethischen Gründen ab; 2024 waren es nur noch 42 %. Die Mehrheit der Deutschen findet es inzwischen legitim, als Privatanleger vom Boom der Rüstungsindustrie zu profitieren. Sogar die Frage, ob nachhaltige Fonds in Rüstungsunternehmen investieren dürfen, beantwortet fast die Hälfte der Befragten (44 %) mittlerweile mit „Ja“. Dieser Meinungsumschwung nimmt Anleger und Fondsanbieter gleichermaßen in die Pflicht, denn die Erwartungen an Nachhaltigkeit ändern sich offenbar gerade grundlegend.
Trotz aller neuen Klarstellungen bleibt die grundlegende Frage bestehen, ob Rüstungsinvestitionen wirklich mit Nachhaltigkeitszielen vereinbar sind. Viele würden wohl spontan sagen: nein – aber es gibt eben zunehmend auch die gegenteilige Sicht. Selbst nach den regulatorischen Updates sind wichtige Definitionsprobleme ungelöst. Zum Beispiel ist nicht eindeutig geklärt, wie man dual-use-Technologien (mit sowohl ziviler als auch militärischer Nutzung) bewertet, oder wo genau die Grenze zwischen „kontroversen“ und „konventionellen“ Waffen verläuft. Klar ist: Der 24. Februar 2022 markiert nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch nachhaltigkeitspolitisch eine Zeitenwende. Was früher strikt ausgeschlossen war, hält heute Einzug in viele nachhaltige Fonds – während die puristischen Artikel-9-Fonds bei ihren harten Ausschlüssen bleiben. Die einst klare Trennlinie zwischen nachhaltigen und konventionellen Investments verschwimmt zusehends. Als nachhaltig orientierter Anleger musst du dir nun ganz bewusst die Frage stellen, wo dein eigener moralischer Kompass bei Rüstungsinvestitionen ausschlägt – denn eine einfache Antwort darauf gibt es auch weiterhin nicht.
Quellen: Morningstar, EU-Kommission, ESMA, Allianz Global Investors, DAS INVESTMENT, Verivox.
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