Hilfe, ich streike! (nicht)

Statistisches Bundesamt (Destatis): Pressemitteilung Nr. 109 vom 21. März 2025 – Tarifbindung 2024 bei 49 %.
Abrufbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/03/PD25_109_623.html


Foto: Verdi

Versicherungsstreiks am 26. Juni: Ist es überhaupt ein Streik, wenn kaum jemand etwas merkt?

Die Zeichen in der Versicherungsbranche stehen weiter auf Konfrontation. Nachdem auch die dritte Runde der Tarifverhandlungen zwischen Verdi und dem Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen (AGV) Ende Mai ergebnislos blieb, hat Verdi für den 26. Juni zu bundesweiten Streiks aufgerufen – unter anderem in Kiel, Hamburg, Berlin, Hannover, Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart und München. Doch damit rückt eine zentrale Frage in den Fokus: Ist es überhaupt ein wirkungsvoller Streik, wenn Kunden, Vertriebspartner und Vermittler kaum etwas spüren?

Hintergrund: Die Forderungen im Kern

Verdi fordert für die rund 180.000 Innendienst-Mitarbeiter der privaten Versicherer zwölf Prozent mehr Gehalt und Zulagen über zwölf Monate, 250 Euro höhere Ausbildungsvergütung sowie einen „Transformationstarifvertrag“ zum Schutz vor Auswirkungen von Digitalisierung und KI. Dem steht ein Arbeitgeber-Angebot von 4,8 % ab August 2025 und weiteren 3,3 % ab September 2026 gegenüber – mit insgesamt bis Juli 2027 bindender Laufzeit. Verdi hält dieses Angebot für „absolut inakzeptabel“.

Warnstreiks bislang ohne nennbare Wirkung

Mit einzelnen Aktionen – wie am 28. Mai in Nürnberg – blieb die Beteiligung gering. Deshalb setzt Verdi nun auf eine Eskalation mit bundesweitem Arbeitsverzicht am 26. Juni. Die Gewerkschaft will den Druck erhöhen, doch die Arbeitgeberseite reagiert kühl. Laut AGV-Vize Sebastian Hopfner handelt es sich eher um symbolische Aktionen ohne Einfluss auf Betrieb und Verhandlungen.

Wer leidet? Kunden, Vermittler, Maklerpools – und was noch?

Bisher bleiben die Auswirkungen nach außen gering: Digitale Abläufe, interne Umverteilungen und Vertretungsregelungen sorgen dafür, dass meist keine offensichtlichen Störungen eintreten. Doch vor allem Makler, Vermittlerpools und Vertriebsfirmen sind vom Streik überhaupt nicht betroffen – sie arbeiten in der Regel selbstständig oder in nicht tarifgebundenen Strukturen. Das bedeutet:

  • Keine Arbeitsniederlegung, denn sie sind nicht tarifgebunden.
  • Keine Lohnerhöhung durch den neuen Tarif, da ihre Arbeitsverträge nicht an den Tarifvertrag der Versicherer gekoppelt sind.

Laut einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom 21. März 2025 lag die Tarifbindung im Wirtschaftsabschnitt „Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen“ im Jahr 2024 bei 72 %. Das bedeutet, dass 28 % der Beschäftigten in diesem Bereich nicht tarifgebunden sind.

Quellenangabe:

Für etwa 72 % der Beschäftigten in der Finanz- und Versicherungsbranche gilt demnach ein Tarifvertrag, doch der Umkehrschluss bedeutet: rund 28 % der Beschäftigten profitieren nicht von Tarifverträgen – darunter typischerweise viele Angestellte bei Maklerpools, Vertriebsorganisationen, Versicherungsvertretern oder bei freien Vermittlern. Der Großteil der Angestellten bei Maklern, Vermittlern, Pools und Vertrieben ist nicht tariflich eingebunden und profitiert nicht von möglichen Lohnerhöhungen.

Spürbare Engpässe? Eher unwahrscheinlich

Potenzielle Verzögerungen bei Sachbearbeitung, Schadenregulierung oder Vertragsservice bleiben lokal begrenzt. Instanzen wie das Firmenkundengeschäft oder Spezialpolicen könnten sensibler reagieren, weil sie spezielles Fachpersonal im Innendienst benötigen. In der Regel laufen Massenprozesse (z. B. Kfz, Haftpflicht oder Hausrat) automatisiert weiter – Bearbeitungen erfolgen durch Kollegen oder andere Standorte. Insgesamt bleibt die Wirkung nach außen bislang gering.

Ein Streik mit Fragezeichen

Wenn weder Kunden noch Vertriebspartner etwas spüren – und ein Viertel der Beschäftigten überhaupt nicht tarifgebunden ist – verblasst der Streik als Druckmittel. Verdis Strategie setzt daher auf Symbolkraft und mediale Präsenz, um aufzufallen – aber wie groß ist die Chance wirklich, gemehrte Aufmerksamkeit in Bewegung zu übersetzen?

Ein neuer Verhandlungstermin ist frühestens für Juli angekündigt. Dann wird sich zeigen, ob der 26. Juni mehr als nur ein klares Signal ist – oder eben ein Streik, der wirtschaftlich kaum spürbar bleibt.


Der Arbeitskampf der Versicherungsbranche nimmt an Schärfe zu – aber er trifft vielfach nicht den Kern der Branche. Ob der Streik dennoch Wirkung entfaltet, bleibt eine offene Frage – insbesondere, wenn Außenstehende wenig bemerken. Viel wird im Juli von der Reaktion der Arbeitgeber abhängen.


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