In dem ausführlichen Gespräch mit dem Tagesspiegel erläutert Martin Jara, der künftig als CEO das Schweizer Geschäft der fusionierten Helvetia-Baloise führen wird, die strategischen Hintergründe, Chancen und Herausforderungen des Zusammenschlusses. Die Fusion, die zuvor von den Aktionären beider Unternehmen genehmigt worden war, soll nach Freigabe durch die Wettbewerbskommission zur Gründung der Helvetia Baloise Holding AG führen. Damit entsteht der zweitgrösste Versicherer im Schweizer Markt – direkt hinter der Zurich Insurance Group.
Jara betont, dass die internen Reaktionen auf die Fusion überwiegend positiv ausgefallen seien. Viele Mitarbeitende sähen darin eine grosse Chance für berufliche Entwicklung und für die Stärkung der Marktposition. Gleichwohl wird auch offen angesprochen, dass der Zusammenschluss unweigerlich zu strukturellen Anpassungen führen werde. Vor allem auf Managementebene und in Bereichen mit Funktionsüberschneidungen werde es zu Einsparungen kommen. Das Unternehmen plant, ein Synergiepotenzial von rund 350 Millionen Franken bis zum Jahr 2029 zu heben. Auch wenn Jara überzeugt ist, dass ein grosser Teil des notwendigen Stellenabbaus über natürliche Fluktuationen erfolgen kann, schliesst er Entlassungen nicht aus.
Ein weiteres sensibles Thema betrifft den Hauptsitz des neuen Konzerns. Die Entscheidung, Basel als künftigen Sitz zu wählen, sorgt insbesondere in St. Gallen für Kritik – dort hatte Helvetia bislang ihren Konzernsitz. Jara argumentiert jedoch, dass Basel schon heute über mehr Mitarbeitende verfüge und der Standortwechsel aus betrieblicher Sicht sinnvoll sei. Zugleich verweist er auf die flexible Arbeitsorganisation im Konzern: Fixe Arbeitsplätze gibt es kaum noch – auch die Geschäftsleitung arbeitet in sogenannten „Homebases“ ohne feste Schreibtische.
Im Hinblick auf den physischen Unternehmenssitz ist die künftige Nutzung der bestehenden Bürogebäude in Basel noch nicht abschließend geklärt. Beide Konzerne verfügen über moderne Hochhäuser in unmittelbarer Nachbarschaft, die nach der Fusion optimal genutzt werden sollen. Aufgrund der erwarteten Synergien könnte sich der Platzbedarf zwar reduzieren, doch bei über 4000 Mitarbeitenden am Standort Basel wird laut Jara ausreichend Raum benötigt.
Auch zur Kundenperspektive nimmt der CEO Stellung. Zwar werde Helvetia-Baloise nicht der günstigste Anbieter am Markt sein – das sei auch nicht das strategische Ziel –, jedoch wolle man durch verbesserte Präsenz, erstklassige Angebote und verstärkte Beratung punkten. Die Zusammenlegung der jeweiligen Aussendienstnetze beider Unternehmen verspreche eine deutlich bessere Kundennähe. Zudem bringe Baloise als Versicherer mit eigener Bank neue Möglichkeiten ins Portfolio, etwa rund um den Immobilienmarkt, von der Finanzierung bis hin zum Kauf und Verkauf von Liegenschaften.
Ein besonders wachstumsrelevanter Bereich ist laut Jara der Immobiliensektor. Mit der Fusion wird Helvetia-Baloise zu einem der grössten Immobilienbesitzer der Schweiz. Diese neue Marktmacht birgt jedoch auch Konfliktpotenzial, etwa im Zusammenhang mit Wohnschutzregulierungen. Jara kritisiert die aus seiner Sicht übertriebene Regulierung in manchen Städten. Als institutioneller Investor müsse man für die Versicherten eine angemessene Rendite erwirtschaften, und überzogene gesetzliche Eingriffe könnten dies gefährden. Sanierungen würden derzeit teilweise zurückgestellt, langfristig hoffe man jedoch auf praktikable Lösungen im Dialog mit Politik und Behörden.
Im gesellschaftlichen und politischen Bereich will sich das neue Unternehmen künftig aktiver einbringen. Laut Jara sei es wichtig, als grosser Akteur auch Verantwortung zu übernehmen und sich beispielsweise bei Regulierungsdebatten oder steuerpolitischen Fragen frühzeitig zu positionieren. Dass man sich beim sogenannten „Standortpaket Basel“ zu wenig eingebracht habe, sieht Jara als verpasste Chance. Künftig solle das Unternehmen deutlicher auftreten und die Interessen der Versicherungsbranche und ihrer Versicherten vertreten.
Auch in der Marktentwicklung sieht Jara weiteres Wachstumspotenzial. Ziel sei es, mittelfristig Marktanteile auszubauen. Besonders hervor hebt er das Potenzial im Bereich Altersvorsorge. Helvetia verfüge bereits über eine starke Kundenbasis in der Generation 50+, und die steigende gesellschaftliche Relevanz des Themas biete zusätzliche Möglichkeiten. Gleichzeitig beobachte man auch bei jüngeren Generationen ein wachsendes Bewusstsein für Fragen der Altersvorsorge, was unter anderem durch politische Debatten rund um AHV- und Pensionskassenreformen befördert werde.
Das Interview schliesst mit einem Appell an die Politik, Vertrauen in die private Vorsorge nicht zu untergraben. Die Diskussion um eine nachträgliche Besteuerung von Vorsorgeleistungen, wie sie im Rahmen des sogenannten Entlastungspakets 27 angedacht ist, bewertet Jara als „fatalen Vertrauensbruch“. Hier hoffe er noch auf ein Umdenken.
Das Gespräch mit Martin Jara vermittelt einen tiefen Einblick in die strategischen Überlegungen und Herausforderungen der Helvetia-Baloise-Fusion. Es zeigt auch, wie vielschichtig die Auswirkungen eines solchen Zusammenschlusses auf Mitarbeitende, Kunden, Politik und Gesellschaft sind.
Das vollständige Interview mit Helvetia-CEO Martin Jara zur Fusion zwischen den Versicherungsunternehmen Helvetia und Baloise wurde am 27. Mai 2025 auf der Website des Tages-Anzeiger veröffentlicht und ist unter folgendem Link abrufbar:

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