Wie Social Media uns mit Worthülsen optimiert
Von „Masterclass“ bis „Mindset Shift“ – wir leben im goldenen Zeitalter der digitalen Selbstinszenierung. Doch was passiert, wenn Kommunikation zum Hochleistungssport der Eitelkeit wird?
Es beginnt meist harmlos. Jemand lädt eine Bilddatei hoch, darauf ein Zitat von Steve Jobs oder eine fiktive Unterhaltung zwischen Albert Einstein und Elon Musk. Darunter steht: „Let that sink in.“ Mit einem Klick wird aus einem belanglosen Post ein Beitrag mit Value – also Mehrwert, der sich meist irgendwo zwischen Motivationsfloskeln und müden Chat-GPT-Texten bewegt.
Und schon sind wir mittendrin im Buzzword-Karussell.
Denn wer heute in sozialen Netzwerken bestehen will, braucht keine Argumente, sondern die richtigen Begriffe. Wer früher einfach sagte: „Ich habe etwas Neues gelernt“, präsentiert heute ein „Learning“. Masterclass – ein edlerer Begriff für „Zoom-Vortrag mit PowerPoint“. Wer sich beruflich neu orientiert, durchlebt keinen Jobwechsel, sondern einen Mindset Shift – also einen gedanklichen Schwenk, der früher schlicht „Sinnkrise“ hieß. Und wer ein PDF mit wenigen Seiten erstellt, hat bereits ein Buch geschrieben und besitzt somit ein Scalable Produkt – ein Produkt, das man theoretisch an eine Million Menschen verkaufen könnte, wenn es einer kaufen würde.
Die Währung der Aufmerksamkeitsökonomie: Buzzwords
In einer Welt, in der Inhalte schneller produziert als verstanden werden, haben sich bestimmte Begriffe verselbstständigt. Sie sind nicht länger Werkzeuge zur Beschreibung, sondern Rituale zur Zugehörigkeit. Wer die richtige Vokabel benutzt, signalisiert: „Ich bin dabei.“ Dabei wobei? Egal. Hauptsache dabei.
Authentizität ist einer der meistgenutzten Begriffe – ironischerweise meist dann, wenn alles an einem Post durchgestylt, durchgeplant und mehrfach überarbeitet wurde. Was früher als ehrlich galt, wird heute mit Preset (vorgefertigtem Fotofilter), Soft-Light und einem Espresso in der Hand präsentiert. Authentisch ist, was nach 17 Takes nicht mehr gestellt aussieht.
Disruption wiederum ist der feuchte Traum jedes Start-ups: Es reicht nicht mehr, ein gutes Produkt zu haben – man muss gleich ganze Märkte „aufmischen“. In der Praxis heißt das oft: Eine App wie fünf andere bauen, nur mit anderer Schriftart und einer Vision, die so flach ist, dass sie auf einen Bierdeckel passt. Gruß an Fritze Merz an dieser Stelle. Dazu kommt natürlich das USP, das „Unique Selling Proposition“ – also das eine Alleinstellungsmerkmal, das bei näherem Hinsehen leider gar nicht so allein dasteht.
Der Mythos vom „Purpose“
Was früher Motivation hieß, heißt heute Purpose – ein überhöhter Sinn, idealerweise in Kombination mit einem Mission Statement, das klingt wie aus dem Leitbild einer intergalaktischen Sternenflotte mit Holodecks und Warp-Antrieben. Und das ist nicht etwa das persönliche Warum, sondern ein diffuses Gefühl von Bedeutsamkeit, das zwischen Moodboards, Journaling-Sessions und Kakao-Zeremonien entsteht.
Wer heute Purpose hat, muss diesen auch vermarkten. Denn ohne Pitch Deck, Landing Page und wenigstens einem Affiliate-Link ist das innere Feuer eben doch nur ein Lagerfeuer. Der moderne Mensch manifestiert sich seinen Lebenssinn – am besten in Form eines Passion Projects, also eines Hobbys mit Marketingstrategie.
Hinzu kommt die kollektive Liebe zur Workation – jener heiligen Mischung aus Urlaub und Arbeit, bei der man vorgibt, produktiv zu sein, während man eigentlich nur den Sonnenuntergang filmt. Am Ende entsteht daraus ein Reel mit Lo-Fi-Soundtrack, einem Voice-over über „Conscious Hustle“ und dem Hashtag #Flowstate – ein Zustand, den man früher auch mit „Tagträumen“ ganz gut beschreiben konnte.
Von „Community“ zu „Collab“
Auch die Sprache des Miteinanders ist inzwischen durchzogen von Buzzwords. Freundschaften heißen jetzt Collabs – das klingt kreativer, ist aber oft nur ein gemeinsames Selfie mit gegenseitiger Verlinkung. Gruppen von Gleichgesinnten werden zu Communities, also digitalen Stämmen mit gemeinsamen Ritualen wie Newsletter-Abos und Webinaren. Und Gespräche nennt man Deep Dives – selbst wenn es nur um den besten Kaffee im Viertel geht.
Und natürlich wird heute nicht mehr gefragt: „Willst du bei meinem Projekt mitmachen?“ Sondern: „Hättest du Kapazitäten für eine potenzielle Synergie?“ Übersetzt heißt das: „Es gibt keine Bezahlung, aber es könnte geil werden.“
Warum Klartext manchmal wohltuender wäre
Gerade in der deutschen Sprache gibt es ein reiches Vokabular für differenziertes Denken, für Präzision und Nuancen. Doch dieses Potenzial bleibt oft auf der Strecke, wenn das Gespräch aus Anglizismen besteht, die sich mehr nach Bullshit als nach Bedeutung anhören. Natürlich ist Sprache lebendig und darf sich verändern – aber muss wirklich jede Idee ein Concept sein, jedes Ziel eine Vision, und jeder Gedanke gleich ein Hack?
Es wirkt zunehmend ermüdend, wenn sich Gespräche so anhören, als würde man irgendwelchen hirnamputierten Handpuppen auf Koks zuhören. Dabei kann gerade die deutsche Sprache mit ihrer Klarheit und Struktur wieder einen wohltuenden Gegenpol bieten. Manchmal ist es erfrischender, einfach von einem guten Gedanken zu sprechen, statt von einem „Gamechanger“. Oder zu sagen, man hat etwas gelernt, anstatt ein „Learning“ gemacht. Es ist kein Zeichen von Rückständigkeit, sondern von Souveränität, wenn man bewusst auf schnörkellose, klare Worte setzt.
In einer Zeit, in der viele so tun, als ginge es immer um das Große, das Skalierbare, das Revolutionäre, wäre es fast schon rebellisch, wieder das Kleine, Ehrliche und Verständliche zu schätzen. Ein Gespräch ohne stylische Fremdwörter kann manchmal mehr Tiefe haben als jede „Deep-Dive-Session“.
Buzzwords sagen mehr über uns als über unsere Inhalte
Am Ende sind Buzzwords nicht nur Ausdruck eines digitalen Zeitgeists, sondern auch ein Spiegel unseres kollektiven Bedürfnisses nach Relevanz. Wir wollen gesehen werden, bedeutsam sein – und greifen daher zu großen Worten für kleine Dinge. Das ist menschlich, vielleicht sogar rührend. Aber es ist auch eine Einladung, hin und wieder innezuhalten und zu fragen: Brauche ich wirklich eine Brand Identity als Leitbild für meine geistigen Ergüsse?
Und mal ehrlich, manchmal ist ungeschönt doch viel erfrischender als immer nur politisch korrekt, oder?
Der Sachse sagt schließlich auch nicht: „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden.“ Der Sachse sagt: „Ich scheiß hier glei uffs Blech!“

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