Versicherungsmarkt im Wandel: Risikoträger ziehen sich zurück – Degenia im Zentrum einer Welle von Umbrüchen
Selten war der Druck im deutschen Versicherungsmarkt so spürbar wie im Jahr 2025. Innerhalb weniger Monate haben gleich mehrere Versicherer ihre Strategien radikal verändert, Sparten geschlossen oder Bestände abgebaut. Besonders die Wohngebäudeversicherung gerät ins Wanken – steigende Schäden, hohe Kosten und strategische Rückzüge prägen das Bild. Aktuell steht vor allem die Degenia Versicherungsdienst AG im Fokus, doch sie ist längst kein Einzelfall mehr.
Wie procontra online Ende Oktober in einem Beitrag von Achim Nixdorf berichtete, verliert Degenia im Bereich Wohngebäudeversicherung gleich zwei bedeutende Risikoträger: die Gothaer und die R+V. Betroffen ist eine untere vierstellige Zahl von Verträgen. Degenia kündigte an, die betroffenen Kunden bei der Umdeckung zu unterstützen. Der Tarif „T26“ mit der Alten Leipziger als Risikoträger bleibt davon unberührt. Die Hintergründe sind symptomatisch für die gesamte Branche: hohe Schadenquoten, steigende Baukosten, Inflation, zunehmende Extremwetterereignisse und gestiegene regulatorische Anforderungen an Versicherer haben die Wohngebäudeversicherung für viele Anbieter unprofitabel gemacht.
Doch Degenia steht mit dieser Situation nicht allein. Die Marke rhion.digital der RheinLand Versicherungsgruppe hatte bereits im Oktober 2024 angekündigt, sich vollständig aus der Wohngebäudeversicherung im Maklervertrieb zurückzuziehen. Seitdem wird kein Neugeschäft mehr gezeichnet; bestehende Verträge werden zur jeweiligen Hauptfälligkeit beendet. Rhion begründete diesen Schritt mit unkalkulierbaren Risiken und dauerhaft defizitären Schadenquoten. Betroffen sind vor allem Makler- und Poolbestände, die nun nach und nach auslaufen. Der Rückzug gilt als eines der ersten sichtbaren Signale einer Marktbereinigung, die sich 2025 deutlich beschleunigt hat.
Auch die Nürnberger Versicherung hat in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt. Sie trennte sich in größerem Umfang von Wohngebäude-Verträgen und leitete eine systematische Bereinigung ihres Bestands ein. Nach übereinstimmenden Medienberichten wurden zahlreiche Altverträge gekündigt oder zur Hauptfälligkeit beendet. Offiziell begründete das Unternehmen diesen Schritt mit einer notwendigen wirtschaftlichen Stabilisierung und einer Neuausrichtung der Sparte. Für viele Makler kam die Maßnahme überraschend und führte zu erheblichem organisatorischem Aufwand. Letzendlich wurde die Nürnberger im laufe des Jahres 2025 zum Übernahmekandidat und von der VIENNA INSURANCE GROUP (VIG) aufgekauft.
Im Sommer 2025 folgte die Continentale Versicherung mit einer ähnlich einschneidenden Entscheidung. Wie auch Sachthemen.blog berichtete, stellt das Unternehmen das Neugeschäft in der Wohngebäudeversicherung über Makler und Mehrfachagenten vollständig ein. Bestehende Verträge bleiben zwar bestehen, doch im Ausschließlichkeitsvertrieb wird die Sparte weiterhin angeboten. Hintergrund ist eine dauerhaft negative Schaden-Kosten-Quote, die zwischen 2018 und 2023 im Schnitt über 113 Prozent lag. Ein Unternehmenssprecher räumte ein, dass die Sparte in der Zusammenarbeit mit Maklern und Mehrfachagenten nie eine große Rolle gespielt, aber regelmäßig Verluste verursacht habe. Damit steht die Continentale stellvertretend für den strategischen Rückzug aus defizitären Sparten – ein Muster, das sich nun quer durch den Markt zieht.
Die Gothaer Allgemeine Versicherung AG, die zugleich Risikoträgerpartner der Degenia war, hat bereits im Sommer 2025 eine umfassende eigene Bestandssanierung in der Wohngebäudeversicherung angekündigt. Ab Dezember 2025 sollen zahlreiche Policen beendet werden, insbesondere in Regionen mit hoher Schadenbelastung oder Elementarrisiko. In internen Mitteilungen wird auf die deutlich überschrittene Schadenkostenquote hingewiesen. Branchenkenner berichten zudem, dass Maklerbestände stärker betroffen seien als Ausschließlichkeitsverträge – ein Vorwurf, den die Gothaer offiziell bestreitet. Fakt ist: Die Sanierung reiht sich nahtlos ein in eine Welle von Rückzügen und Kündigungen quer durch die Branche.
Außerhalb der Wohngebäudesparte zeigen sich Parallelen. Die WECOYA Underwriting GmbH verlor im September 2025 ihren Risikoträger, die SV SparkassenVersicherung, für zwei ihrer Gewerbeprodukte – „CIF:BIZ Company Protect“ und „CIF:BIZ Property Complete“. Das Neugeschäft wurde umgehend gestoppt, bestehende Verträge laufen bis zur jeweiligen Hauptfälligkeit weiter und werden dann beendet. Als Grund nannte die SV mangelnde Wirtschaftlichkeit dieser Produktlinien. Die Wecoya hatte den Rückzug der SV SparkassenVersicherung in ihrem Schreiben an die Makler als kurzfristig bezeichnet. Man sei von der Kündigung der Verträge überrascht worden. Die Sparkasse entgegnete auf Anfrage von Sachthemen.blog: Als SV SparkassenVersicherung sind wir im Markt ein anerkannter, verlässlicher Partner. Auch zu diesem Thema haben wir mit WECOYA über einen langen Zeitraum (nicht kurzfristig!) Gespräche geführt. Am Ende kamen wir zu dem Entschluss, die genannten Produktlinien, bei denen wir zum Teil über viele Jahre Risikoträger waren, nicht fortzuführen.
Noch drastischer war die Entwicklung bei der Element Insurance AG, einem Berliner InsurTech, das als White-Label-Risikoträger für zahlreiche Partner fungierte. Das Amtsgericht Charlottenburg eröffnete am 1. März 2025 das Insolvenzverfahren, nachdem bereits am 8. Januar das vorläufige Verfahren eingeleitet worden war. Der Versicherungsschutz endete für die meisten Policen zum 2. April 2025, was tausende Kunden und Partner traf. Nur wenige Monate später folgte der nächste Schlag: Die Düsseldorfer Direkt-AS GmbH, ein Assekuradeur, der zahlreiche Produkte auf Basis der Element-Risikoträgerschaft vermittelt hatte, musste selbst Insolvenz anmelden. Das Verfahren wurde am 26. August 2025 eröffnet und Ende Oktober öffentlich bekannt. Auch hier zeigt sich, wie verwundbar moderne Versicherungsstrukturen sind, wenn ein zentrales Glied in der Kette bricht.
Ob Degenia, Rhion, Nürnberger, Continentale, Gothaer, WECOYA, Element oder Direkt-AS – die Ursachen ähneln sich. Die Kosten für Reparaturen und Baumaterial sind seit etwa 2020 massiv gestiegen, Klimarisiken führen zu immer höheren Schadensummen, Rückversicherer erhöhen ihre Prämien, die Kapitalerträge sinken und neue regulatorische Anforderungen erhöhen die Fixkosten. Versicherer prüfen deshalb konsequent, welche Bestände sich noch rechnen, und trennen sich von Sparten, die sich nicht mehr profitabel führen lassen. Was nach „Sanierung“ klingt, ist in Wahrheit eine Marktbereinigung. Diese geht weit über die Wohngebäudesparte hinaus. In der Kfz-Versicherung und in den Gewerbesparten zeigen sich ganz ähnliche Entwicklungen.
Für Makler bedeutet diese Entwicklung Dauerstress. Sobald ein Risikoträger seine Bestände saniert, eine Partnerschaft kündigt oder ein Versicherer insolvent wird, müssen sie ihre Kunden informieren, Alternativen prüfen, Angebote einholen und Deckungslücken vermeiden – oft ohne Vergütung für den enormen Aufwand. Kunden erwarten Stabilität, während viele Anbieter Risiken nur noch selektiv zeichnen oder die Prämien deutlich anheben. Der administrative Aufwand wächst, und die wirtschaftliche Basis vieler Maklerbetriebe wird zunehmend ausgehöhlt.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich in so kurzer Zeit so viele Kündigungs- und Rückzugswellen durch den Versicherungsmarkt bewegt haben wie 2024 und 2025. Die Branche konsolidiert sich mit hohem Tempo: Fusionen, Aufkäufe von Maklerhäusern und Bestandsverkäufe nehmen zu. Versicherer trennen sich von unrentablen Sparten, während neue Player oft an denselben Kostenfaktoren scheitern. Der Kostendruck ist der zentrale Treiber: hohe Schadensummen, steigende Materialpreise, wachsende Rückversicherungskosten und zunehmende regulatorische Auflagen setzen die Unternehmen unter massiven Druck. Besonders häufig betroffen sind Konzeptanbieter wie im Falle von Degenia, Direkt-AS und WECOYA. Hier wirkt sich der Kostendruck für die Risikoträger noch stärker aus, weil an der Vertriebskette gleich mehrere Akteure beteiligt sind. Neben dem Versicherer selbst verdienen Konzeptanbieter, Maklerpools und Makler an den Prämieneinnahmen mit. Dadurch bleibt von der eingenommenen Prämie deutlich weniger übrig, um die stetig steigenden Schadenskosten zu decken. Gerade in der Wohngebäudeversicherung, wo hohe Schäden und volatile Risiken zur Regel geworden sind, wird dieses Modell zunehmend zur Belastung für Risikoträger. Viele Gesellschaften ziehen daher die Reißleine und beenden Kooperationen, bevor die Verträge zur finanziellen Hypothek werden.
Makler sind oft die Leidtragenden dieser Entwicklung. Sie stehen als Sachwalter ihrer Kunden an vorderster Front, müssen Schadenbegrenzung betreiben, Alternativen suchen und Vertrauen sichern – in einem Markt, der zunehmend instabil wird. Der Fall Degenia ist daher kein Einzelfall, sondern ein Symptom eines strukturellen Wandels, der die deutsche Versicherungslandschaft dauerhaft verändern dürfte.
Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Zufrieden sein kann man mit dieser Entwicklung aus Sicht der Maklerschaft sicher nicht – sie verursacht enorme Mehrarbeit, Kosten und organisatorischen Aufwand, um die Bestände zu halten. Und selbst mit größtem Einsatz gehen viele Verträge am Ende verloren, weil Versicherer ihre Zeichnungspolitik ändern oder sich gänzlich aus einzelnen Sparten zurückziehen. Der Druck auf die Vermittler wächst – und mit ihm die Frage, wie viel Marktbereinigung der deutsche Versicherungsvertrieb noch verkraften kann.
Foto: Degenia Versicherungsdienst, Pressearchiv.
Artikel von procontra zur Entwicklung bei der Degenia
Weitere Artikel zum Thema:


Kommentar verfassen