Wohngebäudeversicherung unter Druck: Gothaer startet Sanierung – Continentale hatte bereits vorgelegt
Die private Wohngebäudeversicherung gilt seit Jahren als Sorgenkind der Branche. Naturgefahren, steigende Baukosten und ein angespannter Handwerkermarkt treiben die Schadensquoten in die Höhe. Selbst wiederholte Beitragsanpassungen konnten die Verluste vieler Versicherer nicht auffangen. Viele Anbieter weisen eine Combined Ratio oberhalb von 100 % aus, bei manchen liegt die Schaden-Kosten-Quote sogar deutlich darüber.
Gothaer: Bestandsbereinigung ab Dezember 2025
Besonders in der privaten Wohngebäudeversicherung hat sich die Schieflage zuletzt verschärft: Die Schadenzahlungen übersteigen inzwischen deutlich die Beitragseinnahmen. Vor diesem Hintergrund hat die Gothaer Allgemeine eine konsequente Sanierung angekündigt. Ab den Hauptfälligkeiten im Dezember 2025 will der Versicherer konsequent Verträge aus dem Bestand aussortieren, die entweder durch eine hohe Schadenbelastung auffallen oder in besonders risikoreichen Regionen gebündelt sind.
Unklar bleibt, ob diese Maßnahmen ausschließlich den Gothaer-Bestand betreffen oder auch die kleineren Bestände der Barmenia. Sicher ist hingegen: Maklerbestände stehen besonders im Fokus. Wird ein Vertrag nicht von Kundenseite beendet, kündigt die Gothaer ihn von sich aus zum Ablauf. Für die Ausschließlichkeitsorganisation sollen dagegen Fortführungsangebote unter geänderten Konditionen zur Verfügung stehen – eine Ungleichbehandlung, die unter Maklern bereits für Unruhe sorgt.
Continentale: Rückzug aus dem Maklergeschäft
Nur wenige Tage zuvor hatte die Continentale Versicherung den nächsten Schlag gegen den Maklervertrieb gesetzt: Ab Oktober 2025 stellt sie das Neugeschäft in der Wohngebäudeversicherung über Makler und Mehrfachagenten komplett ein. Bestehende Verträge laufen zwar weiter, doch künftig wird die Sparte ausschließlich im eigenen Ausschließlichkeitsvertrieb angeboten.
Begründung: Der Maklervertrieb habe in diesem Segment ohnehin nie eine große Rolle gespielt, die Wohngebäudeversicherung sei seit Jahren defizitär. Tatsächlich lag die Combined Ratio 2024 bei über 100 % – ein erneuter Verlust von über 15 Mio. Euro. Im Gegenzug will die Continentale im Kompositgeschäft mit Maklern stärker auf Kfz-, Unfall- und Gewerbekunden setzen.
Ein Branchentrend: Makler geraten unter Druck
Der Kurs von Gothaer und Continentale reiht sich in eine ganze Serie ähnlicher Schritte ein:
- Rhion Digital (RheinLand Gruppe) stellte nicht nur das Neugeschäft in der Wohngebäudeversicherung ein, sondern kündigte auch Maklerbestände, vor allem über Pools.
- HDI beendete das Neugeschäft im Kfz- und Privatkundenbereich über Maklerpools. Auch Änderungsanträge werden nicht mehr angenommen
- Neodigital veranlasste zahlreiche Kündigungen auf Einzelvertragsebene.
- Alte Leipziger beendete insbesondere im Hausverwaltergeschäft über Makler zahlreiche Wohngebäude-Policen.
- Nürnberger fuhr ihr Maklergeschäft zurück und kündigte Gebäudebestände, Tochter Garanta verabschiedete sich ganz vom unabhängigen Vertrieb.
Das Muster ist eindeutig: Versicherer schützen ihre Ausschließlichkeitsorganisationen und eigenen Kanäle – während Makler und Pools zunehmend ausgegrenzt werden. Gründe sind vermutlich nicht nur die hohen Schadenquoten, sondern auch die Kosten: Courtagen im Maklergeschäft liegen bei 20–25 %, über Pools kommen in der Regel noch 2,5 bis 5 % Overheadprovision hinzu, manchmal sogar mehr. Der Vertrieb über eigene Einfirmenvertreter ist also deutlich günstiger, was bei steigenden Schäden natürlich dazu verleitet, sich zuerst von über Makler, insbesondere über Pools, verkauften Verträgen zu trennen. Was dabei jedoch oft übersehen wird: Die technische Abwicklung über Pools ist in der Regel deutlich effizienter als bei Direktanbindungen oder im eigenen Vertrieb.. Zudem stellen moderne Pools eine IT-Infrastruktur bereit, die viele Gesellschaften in ihren eigenen Systemen – und damit im Vertrieb über Ausschließlichkeitsorganisationen – so nicht realisieren können. Darüber hinaus liegen die Verkaufszahlen und Umsätze der Pools häufig spürbar höher als die der eigenen Einfirmenvertreter.
Maklerpools übernehmen eine Vielzahl weiterer Aufgaben. Sie bereiten Angebotsdaten strukturiert und zielgerichtet auf, schulen ihre Makler und stellen fachliche Unterstützung bereit. Zudem sorgen sie dafür, dass Risikodaten vollständig und präzise erhoben werden. Dank ihrer Marktkenntnis wissen sie um den individuellen Risikoappetit der jeweiligen Versicherer und übernehmen die Korrespondenz mit den Maklern.
Gerade in der Wohngebäudesparte, die von höchst individuellen und speziellen Risiken geprägt ist, stellt dies einen erheblichen Vorteil dar. Es sei denn, man möchte ohnehin nur das Einfamilienhaus in Null-acht-fünfzehn-Bauweise – und am besten ausschließlich Neubauten – versichern.
Ein Bumerang-Effekt zeichnet sich ab
Die Branche sollte jedoch nicht vergessen: Das Gedächtnis der Maklerschaft ist gut. Der unabhängige Vermittler gilt als scheues Reh – und verzeiht nicht, wenn er oder seine Kunden im Stich gelassen werden.
Wer in der Wohngebäudeversicherung heute vor die Tür gesetzt wird, wird sich morgen sehr genau überlegen, ob er weiteres Geschäft beim selben Versicherer platziert und ob er andere bestehende Verträge dort belässt. Besonders naheliegend wäre z. B. die Kündigung der Hausratversicherung durch den Makler. Bei vom Eigentümer selbst bewohnten Gebäuden wird diese oft beim selben Anbieter wie die Wohngebäudeversicherung eingedeckt, um Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen den Sparten und damit einhergehende unklare Zuständigkeiten bei verschiedenen Versicherern zu vermeiden. Kündigungen in der Wohngebäudeversicherung könnten also wie ein Dominoeffekt wirken – und auch Bestände kündigungswütiger Versicherer in anderen Sparten ins Wanken bringen.
In Fachkreisen nennt man diesen ungewollten Nebeneffekt kurz und knapp: PECH.
Prognose: Die Welle rollt weiter
Es spricht vieles dafür, dass Gothaer und Continentale nur den Anfang markieren. Branchenkenner erwarten, dass weitere Gesellschaften ihre Wohngebäudeportfolios nachziehen. Besonders im Blick stehen kleinere Anbieter mit wenig Risikostreuung wie die Mannheimer oder die Bayerische, die schon heute mit Combined Ratios um die 120 % kämpfen. Aber auch große Player wie die Axa oder die Signal-Iduna-Gruppe, zu der auch Adler Versicherung und ManufakturAugsburg gehören, könnten gezwungen sein, Sanierungen oder Rückzüge einzuleiten. Fraglich ist auch, ob der geplante Zusammenschluss von Helvetia und Baloise ähnliche Maßnahmen nach sich ziehen könnte.
Damit wird klar:
Die Wohngebäudeversicherung entwickelt sich spätestens jetzt zum harten Geschäft – ein Feld, in dem Versicherer knallhart nach Wirtschaftlichkeit sortieren und Makler mit den Folgen konfrontiert werden.
Da derzeit immer mehr Versicherer die Flucht aus der Wohngebäudeversicherung antreten, wirkt auch der allgemeine Ruf nach einer Elementarpflichtversicherung fast wie eine Farce. Denn eine Pflicht würde alle Anbieter zwingen, auch in Hochrisikogebieten Versicherungsschutz bereitzustellen – genau jene Risiken also, vor denen sich viele Gesellschaften jetzt zurückziehen. Eine solche Regulierung würde die aktuelle Welle von Rückzügen vermutlich in einen regelrechten Tsunami verwandeln. Am Ende könnten einige wenige Großkonzerne die Wohngebäudeversicherung unter sich aufteilen – vom freien Markt wäre dann nicht mehr viel übrig.
So betrachtet können wir fast froh sein, dass die Pflichtversicherung zunächst wieder vom Tisch ist. Für Kunden bleibt die Situation dennoch schwierig: Bezahlbarer Versicherungsschutz für Immobilien wird immer rarer – besonders wenn es sich nicht um Neubauten handelt, nicht um Gebäude die kernsaniert sind oder um Gebäude die bereits Vorschäden aufweisen. Genau hier wären eigentlich tragfähige Lösungen der Versicherer gefragt, statt eines schlichten „Ich bin dann mal weg!“.
Kurzer ketzerischer Zwischengedanke: Warum ist der Leistungskatalog in der Wohngebäudeversicherung eigentlich vertrieblich so aufgebläht worden?
Was bringt es, wenn Lüftlmalerei – ich musste als Nordlicht erstmal googeln, was das eigentlich ist – mitversichert ist oder der Briefkasten für 50 Euro gegen einfachen Diebstahl oder ein Schaden, der dadurch entsteht, dass ich so blöde bin, mit dem eigenen Fahrzeug in meine Hauswand, meinen Zaun oder sonstige Grundstücksbestandteile zu brettern?
– Während gleichzeitig meist schon nach dem zweiten Schaden die Kündigung droht.
Oder der jüngste Trend, auch Schäden mitzuversichern, bei denen der Versicherungsnehmer ganz klar gegen vertragliche Obliegenheiten verstoßen hat. Was für ein Irrsinn! Zugegeben, der Hauptkostentreiber sind nicht diese vertrieblich beeinflussten Sonderleistungen, es sind schlicht die Leitungswasser- und Elementarschäden, doch auch hier braucht es Verlässlichkeit.
Es wäre angezeigt, schwierige Verträge nicht einfach vollständig zu kündigen, sondern die Weiterführung unter Ausschluss bestimmter Risiken oder Leistungen anzubieten. Ein solches Vorgehen würde nicht nur die Kundenbeziehung stabilisieren, sondern auch den Makler entlasten. Denn Makler sind haftungsbewehrt verpflichtet, im Falle der Unmöglichkeit der Aufrechterhaltung eines Vollschutzes nach Teillösungen zu suchen. Wenn der Versicherer selbst entsprechende Angebote bereitstellt – etwa mit klar definierten Ausschlüssen statt einer Kündigung –, könnte dies beiden Seiten helfen: Der Kunde behält zumindest einen Grundschutz, der Versicherer reduziert sein Risiko, und der Makler kann seiner Beratungsverpflichtung gerecht werden.
Statt in Kleinstbausteine zu investieren, um im Vergleichsportal mehr Punkte zu sammeln, wäre es doch sinnvoller, verpflichtende Mindest-Selbstbehalte einzuführen.
Bei Gebäudeschäden könnten die ersten 1.000 Euro, besser 2000 Euro, auf den Versicherungsnehmer entfallen – wo wäre das Problem? Es geht in der Wohngebäudeversicherung um existenzielle Risiken und nicht um die Befriedigung einer Vollkaskomentalität. Es wäre immer noch besser, als in ständiger Unsicherheit zu leben, ob der Versicherer nach dem nächsten Schaden das Weite sucht. In der Kfz- oder Rechtsschutzversicherung sind Selbstbeteiligungen längst gängige Praxis und werden vom Markt akzeptiert. Doch in der Wohngebäudeversicherung betreiben viele Gesellschaften lieber Rosinenpickerei: Gute Risiken werden behalten, schwierige aussortiert. Die Folge: Immer mehr Immobilien gelten von der Prämie her als unbezahlbar oder gar nicht mehr versicherbar.
Jetzt sind verlässliche Signale gefragt
Gerade deshalb wäre es an der Zeit, dass sich verlässliche Versicherer klar positionieren und mit gutem Beispiel vorangehen: Wer sich ausdrücklich zum Maklervertrieb bekennt und deutlich macht, dass er diesem Ausgrenzungstrend nicht folgt, kann Vertrauen gewinnen. Denn Makler und Kunden merken sich sehr genau, wer sie in schwierigen Zeiten unterstützt – und wer sie fallen lässt. Für einige Gesellschaften könnte sich hier eine einmalige Chance ergeben, Marktanteile zu sichern und die Partnerschaft mit unabhängigen Vermittlern zu festigen.
Die Sanierungsmaßnahmen der Gothaer und der Rückzug der Continentale markieren wohl keinen Einzelfall, sondern scheinbar einen beginnenden Kahlschlag im Maklervertrieb. Was als „Sanierung“ oder „Fokussierung“ verkauft wird, bedeutet für viele Makler Vertragsverluste, Mehrarbeit und unzufriedene Kunden. Die Entwicklung zeigt deutlich: Der unabhängige Vertrieb verliert an Bedeutung, während einige Versicherer ihre eigenen Kanäle bevorzugen – und Gefahr laufen, das Vertrauen der Maklerschaft dauerhaft zu verspielen. Umso mehr gilt: Jetzt ist der Moment für Anbieter, die bleiben wollen, sich klar zu Maklern zu bekennen.


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