Gebäude: Pflichtschutz braucht Preisgrenzen!

Katastrophenrisiken im Fokus: Warum die Versicherungsdebatte jetzt europaweit Fahrt aufnimmt und warum wir die Prämien dabei sehr genau im Auge behalten sollten.

Die Diskussion über den Umgang mit Naturkatastrophen und deren finanziellen Folgen bekommt neuen Schub – und das zeitgleich auf nationaler und europäischer Ebene. Während in Berlin erneut über eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden beraten wird, haben auf EU-Ebene die Aufsicht EIOPA (Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung) und ESM (Rettungsfonds Europäischer Stabilitätsmechanismus) ein Konzept für einen gemeinsamen Katastrophen-Pool vorgelegt. Dass diese beiden Entwicklungen nahezu parallel stattfinden, ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines wachsenden Handlungsdrucks.

Bundestag bringt Bewegung in die Debatte

Die Versicherung soll unter anderem durch einen Elementarschaden-Fonds als „solidarischer Schadenspool der beteiligten Versicherungsunternehmen“ ergänzt werden, an dem sich auch Unternehmen mit besonders klimaschädigenden Aktivitäten beteiligen sollen. Darüber hinaus fordert die Fraktion Maßnahmen zum Klimaschutz sowie zur Regulierung des Mietmarkts, um die finanzielle Belastung durch eine solche Pflichtversicherung zu begrenzen.

Dass diese Debatte wieder Fahrt aufnimmt, hat viel mit den Erfahrungen der vergangenen Jahre zu tun. Großschäden haben gezeigt, dass ein erheblicher Teil der Kosten bislang nicht versichert ist und am Ende von der öffentlichen Hand getragen wird. Damit ist das Thema längst aus der Nische der Versicherungswirtschaft herausgerückt und zu einer politischen Dauerfrage geworden.

Aber die Linke wäre ja nicht die Linke, wenn …

Der Antrag der Linken setzt stark auf ein solidarisches Pflichtsystem – greift dabei aber tief in bestehende Marktmechanismen ein. Besonders für Versicherer und Vermittler enthält der Vorstoß mehrere kritische Punkte.

Ein zentraler Eingriff betrifft die Risikokalkulation. So soll laut Antrag „jegliche Risikobewertung von Bestandsbauten ersatzlos entfallen“ . Damit würde ein wesentliches Grundprinzip der Versicherungswirtschaft ausgehebelt. Risiken dürften nicht mehr individuell bewertet werden, sondern müssten pauschal getragen werden – unabhängig davon, ob ein Gebäude in einem Hochwassergebiet steht oder nicht.

Für Versicherer bedeutet das erhebliche Unsicherheiten in der Kalkulation. Gleichzeitig steigt die Gefahr von Quersubventionierungen, bei denen risikoarme Kunden für Hochrisiken mitzahlen. Das mag politisch gewollt sein, widerspricht aber klassischen Versicherungsprinzipien.

Noch weiter geht der Antrag bei der Ausgestaltung des Systems. Vorgesehen ist ein „bundesweit einheitlicher Elementarschaden-Fonds als solidarischer Schadenspool“, der „unter staatlicher Aufsicht verwaltet wird“ . Damit würde ein zentraler Teil des Risikomanagements faktisch verstaatlicht. Für Versicherer bedeutet das weniger Einfluss auf Kapitalsteuerung und Risikoverteilung.

Auch für Vermittler enthält der Antrag deutliche Einschnitte. So sollen „Vertriebsprovisionen ausgeschlossen und Verwaltungskosten gesetzlich begrenzt“ werden . Das würde das Geschäftsmodell vieler Vermittler direkt treffen, da ein wesentlicher Teil der Vergütung wegfallen oder stark eingeschränkt würde. Die Folge könnte ein deutlicher Rückgang persönlicher Beratung sein – gerade bei komplexen Themen wie Elementarschäden.

Für Gebäudeeigentümer wiederum liegt das Risiko weniger im Zwang selbst als in der konkreten Ausgestaltung. Zwar betont der Antrag, der finanzielle Aufwand müsse „in zumutbaren Grenzen gehalten“ werden , gleichzeitig soll aber ein verpflichtender Zuschlag auf bestehende Policen erhoben werden. Zudem ist eine Opt-out-Möglichkeit ausdrücklich ausgeschlossen: „Alle Besitzenden bebauter Grundstücke müssen in die Versicherungspflicht einbezogen werden“ .

Auffällig ist dabei die politische Gewichtung: Der Antrag stellt stark auf die Entlastung von Mietern ab. So sollen die Kosten der Pflichtversicherung „ausdrücklich von der Umlagefähigkeit […] ausgeschlossen werden“ . Parallel fordert die Fraktion sogar zusätzliche Eingriffe wie einen Mietendeckel, um die „Bezahlbarkeit des Wohnens dauerhaft zu sichern“ .

Das bedeutet im Umkehrschluss: Die finanzielle Last würde in erster Linie bei den Eigentümern verbleiben. Während Mieter geschützt werden sollen, tragen Eigentümer die Pflichtbeiträge – unabhängig davon, ob sie ein hohes Risiko haben oder nicht.

Zusätzliche Belastungen könnten sich auch aus weiteren Elementen ergeben. So sieht der Antrag vor, dass Unternehmen mit klimaschädlichen Geschäftsmodellen den Fonds über Abgaben mitfinanzieren sollen . Auch wenn dies politisch nachvollziehbar ist, bleibt offen, wie diese Kosten indirekt wieder in Preise und damit auch bei Verbrauchern ankommen.

Unterm Strich zeigt der Antrag eine klare Stoßrichtung: weg von individuellen Risiken, hin zu einem stark regulierten, solidarisch organisierten System mit staatlicher Rolle. Für Versicherer und Vermittler bedeutet das erhebliche Eingriffe in Geschäftsmodelle und Kalkulationen. Für Eigentümer besteht die zentrale Frage darin, ob die politisch angestrebte Bezahlbarkeit am Ende tatsächlich erreicht wird – oder ob sich die Kosten lediglich anders verteilen. Denn die Vorschläge der Linken trifft nicht nur große Wohnungsunternehmen und Immobilieninvestoren, die Realität in vielen Städten ist eine andere. Ein erheblicher Teil des Mietwohnungsmarktes liegt in der Hand privater Kleinvermieter. In Städten wie Berlin befinden sich rund 40 bis 45 Prozent der Mietwohnungen im Besitz privater Einzeleigentümer, also nicht bei großen Gesellschaften. Ähnliche Strukturen finden sich auch in Städten wie Hamburg oder München, wo private Eigentümer einen wesentlichen Teil des Bestands halten.

Bundesweit ist das Bild noch deutlicher: Rund 60 Prozent der vermieteten Wohnungen in Deutschland gehören privaten Kleinvermietern – häufig handelt es sich um einzelne Wohnungen oder kleinere Mehrfamilienhäuser im Besitz von Privatpersonen.

Damit treffen Maßnahmen wie eine nicht umlagefähige Pflichtversicherung nicht primär große Immobilienkonzerne, sondern vor allem diese breite Gruppe privater Eigentümer. Für sie bedeutet das zusätzliche Kosten, die weder weitergegeben noch durch Skaleneffekte abgefedert werden können. Gerade in Kombination mit steigenden Versicherungsprämien und verschärften Risikoeinstufungen entsteht so ein erheblicher wirtschaftlicher Druck auf einen Teil des Marktes, der bislang eine tragende Rolle in der Wohnraumversorgung spielt.


Brüssel denkt das Modell größer

Parallel dazu wird in Brüssel an einer übergeordneten Lösung gearbeitet. Die Vorschläge von EIOPA und ESM zielen darauf ab, Risiken über Ländergrenzen hinweg zu bündeln. Der Ansatz folgt der Überlegung, dass sich Naturgefahren regional stark unterscheiden und sich durch eine europäische Lösung besser ausgleichen lassen als durch rein nationale Systeme.

Hinter dem Vorstoß steht auch eine strategische Perspektive. Die Versicherungsaufsicht betrachtet die wachsenden Klimarisiken zunehmend als Faktor für die Stabilität des Finanzsystems. Gleichzeitig sieht der Rettungsfonds eine mögliche Rolle darin, extreme Schadensereignisse abzusichern, wenn selbst große Versicherungslösungen an ihre Grenzen stoßen.

Deutschland als Testfall für Europa

Die Entwicklung in Deutschland liefert dabei gewissermaßen den praktischen Hintergrund für die europäische Debatte. Seit Jahren wird darüber gestritten, wie sich die Versicherungslücke schließen lässt. Weder eine Pflichtversicherung noch alternative Modelle der Branche konnten sich bislang durchsetzen. Gleichzeitig bleibt die Absicherung vieler Gebäude lückenhaft, insbesondere in Regionen mit hohem Risiko.

Genau an diesem Punkt setzt die europäische Idee an. Indem Risiken über mehrere Länder verteilt werden, könnten Versicherungslösungen stabiler und langfristig bezahlbarer werden. Der Gedanke ähnelt dem, was auch in Deutschland diskutiert wird, geht aber einen Schritt weiter, weil er nationale Grenzen bewusst überschreitet.

Mehrere Interessen, kein einheitlicher Kurs

Die aktuelle Dynamik entsteht auch daraus, dass unterschiedliche Akteure das Thema aus verschiedenen Richtungen vorantreiben. Die Politik steht unter Druck, nach wiederkehrenden Schadensereignissen Lösungen zu liefern. Die Versicherungswirtschaft sucht nach Modellen, die Risiken kalkulierbar halten und gleichzeitig eine breitere Absicherung ermöglichen. Auf europäischer Ebene rückt zusätzlich die Frage in den Vordergrund, wie sich Klimarisiken auf die Stabilität von Märkten und Staaten auswirken.

Dass EIOPA und ESM nun gemeinsam auftreten, zeigt, dass diese Perspektiven zunehmend zusammengeführt werden. Es geht nicht mehr nur um einzelne Versicherungsprodukte, sondern um die grundsätzliche Organisation von Risiken in einem sich verändernden Umfeld.

Zwischen politischem Willen und offenen Fragen

Wie schnell aus den aktuellen Vorschlägen konkrete Lösungen werden, bleibt offen. Die Beratungen im Deutschen Bundestag dürften zunächst zeigen, ob sich in Deutschland eine klare Linie abzeichnet. Gleichzeitig wird auf EU-Ebene weiter ausgelotet, wie weit eine gemeinsame Lösung politisch tragfähig ist.

Der Druck, etwas zu verändern, ist in jedem Fall hoch. Mit jedem weiteren Extremwetterereignis wächst die Zahl der Schäden, die nicht abgesichert sind. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Politik und Branche auf neue Modelle einigen müssen. Ob diese am Ende national bleiben oder in eine europäische Lösung münden, ist derzeit noch nicht entschieden – die Richtung der Debatte ist jedoch klar vorgegeben.


Mein Kommentar

Die politische Debatte über eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden gewinnt an Tempo. Doch bei aller Dynamik droht ein entscheidender Punkt unterzugehen: die Frage, ob sich diese Absicherung für den durchschnittlichen Eigenheimbesitzer überhaupt noch bezahlen lässt.

Denn die Realität im Markt hat sich bereits spürbar verändert – und zwar schneller, als es viele politische Konzepte derzeit widerspiegeln. Ein zentraler Faktor dabei ist das Zonierungssystem ZÜRS-System. Dieses System teilt Gebäude in verschiedene Risikoklassen ein, je nach Hochwasser- und Überschwemmungsgefahr. Die Skala reicht von ZÜRS 1 bis ZÜRS 4. In den vergangenen Monaten wurden diese Einstufungen vielerorts angepasst, insbesondere im Zuge neuer Daten zu Starkregen und Überflutungen.

Das hat unmittelbare Folgen für Versicherte. Was früher noch als moderates Risiko galt, rutscht heute nicht selten in höhere Zonen. In der Praxis bedeutet das: Ein Einfamilienhaus, das bislang zu überschaubaren Prämien versichert war, kann plötzlich deutlich teurer werden. Während klassische Wohngebäudeversicherungen bislang oft im Bereich von 500 bis 800 Euro jährlich lagen, bewegen sich Policen mit Elementarschutz in bestimmten Risikozonen inzwischen selbst bei kleineren Einfamilienhäusern schnell im Bereich von 1.500 bis 2.000 Euro, je nach Größe, Baujahr und Sanierungsstand der Immobilie – das ist keine Seltenheit mehr.

Besonders kritisch wird es ab ZÜRS 3. Viele Versicherer sind hier bereits sehr zurückhaltend geworden, teils werden Risiken gar nicht mehr gezeichnet, teils nur noch zu deutlich verschärften Konditionen. Ich selbst hatte jüngst einen Fall auf dem Tisch, bei dem es um ein Einfamilienhaus mit nur 93 qm Wohnfläche, gebaut in den 60er Jahren in Dresden, ging. Das Gebäude der älteren Dame war vom Versicherer von ZÜRS 1 auf ZÜRS 3 angepasst worden. Grund war eine nicht zu leugnende Nähe zur Elbe. Bisher hatte sie bereits 631€ jährlich gezahlt, die neue Rechnung ihres Versicherers belief sich auf 1.685 €. Hauptpreistreiber auch hier der Elementarbaustein. In ZÜRS 4 ist die Situation noch drastischer, hier ist Versicherungsschutz oft nur eingeschränkt oder gar nicht mehr erhältlich und wenn doch, dann zu Preisen, die für viele Eigentümer kaum tragbar sind.

Vor diesem Hintergrund wirkt die politische Forderung nach einer Pflichtversicherung zwar nachvollziehbar, greift aber zu kurz, wenn sie nicht gleichzeitig die Preisfrage adressiert. Eine Pflicht löst kein Marktproblem, wenn die Prämien für breite Teile der Bevölkerung nicht mehr bezahlbar sind. Im Gegenteil: Sie könnte die finanzielle Belastung vieler Haushalte erheblich verschärfen. Insbesondere die Forderungen der Linken nach Provisionsverbot und einer fehlenden Umlagefähigkeit der Prämien von Vermieter auf Mieter kritisch zu sehen. Beides zusammen greift tief in bestehende Strukturen ein und blendet die praktische Umsetzbarkeit weitgehend aus. Dass sich solche Punkte politisch in dieser Form durchsetzen, ist allerdings auch eher nicht zu erwarten.

Hinzu kommt eine zweite Dimension, die häufig unterschätzt wird: die Perspektive der Versicherer selbst. Eine verpflichtende Lösung bedeutet, dass künftig jeder Anbieter von Wohngebäudeversicherungen auch entsprechende Risiken in Deckung nehmen muss.

Beispiele wie der Häger Versicherungsverein aus Werther bei Bielefeld, die Bayerische Hausbesitzer-Versicherung oder die Ostfriesische Landschaftliche Brandkasse stehen dabei stellvertretend für viele kleinere und mittelständische Anbieter am Markt. Sie alle eint, dass sie künftig deutlich mehr Risiken in Deckung nehmen müssten, ohne dass automatisch sichergestellt ist, dass dafür ausreichende Rückversicherungskapazitäten zur Verfügung stehen. Solche Anbieter müssten im Falle einer Pflichtversicherung ggf. auch Risiken aus hochgefährdeten Regionen zeichnen und gleichzeitig sicherstellen, dass sie dafür ausreichende Rückversicherung erhalten und regulatorische Vorgaben einhalten.

Ohne funktionierende Rückversicherungslösungen und ohne eine klare Einbindung in übergeordnete Risikopools droht die Gefahr, dass kleinere Versicherer sich aus dem Markt zurückziehen müssen. Das würde die Anbieterlandschaft spürbar verändern. Am Ende könnten sich wenige große Gesellschaften den Markt aufteilen, während Vielfalt und Wettbewerb verloren gehen.

Genau hier gewinnt die Diskussion um Poollösungen an Bedeutung. Sie können helfen, Risiken breiter zu verteilen und die Belastung einzelner Versicherer zu reduzieren. Voraussetzung ist allerdings, dass sie so ausgestaltet werden, dass sowohl Versicherer als auch Versicherte damit langfristig arbeiten können.

Die entscheidende Frage ist damit nicht, ob eine Pflichtversicherung kommt, sondern wie sie umgesetzt wird. Wenn sie dazu führt, dass Prämien explodieren und gleichzeitig kleinere Anbieter aus dem Markt gedrängt werden, wäre wenig gewonnen. Eine tragfähige Lösung muss beides im Blick behalten: bezahlbaren Schutz für Eigentümer und stabile Rahmenbedingungen für Versicherer.


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