Versicherungsschutz: Viele KMU kennen ihre Policen nicht im Detail
Nur eine Minderheit kleiner Unternehmen weiß genau, welche Risiken ihre Berufs- oder Betriebshaftpflicht tatsächlich abdeckt. Eine aktuelle Studie zeigt deutliche Wissenslücken – mit potenziell erheblichen Folgen für die Absicherung.
Viele Selbstständige und kleine Unternehmen in Deutschland haben nur ein begrenztes Verständnis ihres eigenen Versicherungsschutzes.
Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Global Protection Gap Report des Spezialversicherers Hiscox.
Für die Studie wurden im Juni 2025 insgesamt 6.250 Kleinunternehmer in mehreren Ländern befragt, darunter 1.000 in Deutschland. Die Untersuchung wurde vom Marktforschungsinstitut Wakefield Research im Auftrag von Hiscox durchgeführt und analysiert, wie gut kleine Unternehmen ihre Versicherungsrisiken und bestehenden Policen kennen.
Das Ergebnis:
Nur 16 Prozent der Befragten wissen genau, welche Risiken durch ihre Berufshaftpflichtversicherung abgedeckt sind.
Auch bei anderen wichtigen Policen zeigt sich ein ähnliches Bild: Nur 36 Prozent der Unternehmer kennen laut Studie den konkreten Leistungsumfang ihrer Betriebshaftpflichtversicherung. Bei Cyberversicherungen liegt dieser Anteil sogar nur bei 21 Prozent.
Große Lücken im Versicherungsschutz
Die fehlende Transparenz über bestehende Policen wirkt sich unmittelbar auf die tatsächliche Absicherung aus. Insgesamt weisen rund 70 Prozent der befragten Selbstständigen und kleinen Unternehmen in Deutschland laut Report deutliche Versicherungslücken auf. Diese entstehen nicht nur durch fehlende Versicherungen, sondern häufig auch dadurch, dass vorhandene Policen nicht regelmäßig überprüft oder an veränderte Geschäftsmodelle angepasst werden. Gerade bei projektbasierten Tätigkeiten oder Dienstleistungen kann dies zum Problem werden. Fehler oder Versäumnisse können schnell zu Schadenersatzforderungen führen, die insbesondere kleine Unternehmen finanziell stark belasten.
Zeitpunkt der Absicherung oft falsch eingeschätzt
Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Viele Unternehmer unterschätzen, wann Versicherungsschutz notwendig wird. Zwar halten 55 Prozent der Befragten eine Absicherung bereits vor dem ersten Verkauf eines Produkts oder einer Dienstleistung für sinnvoll. Gleichzeitig gehen jedoch 45 Prozent davon aus, dass Versicherungen erst zu einem späteren Zeitpunkt erforderlich seien – etwa bei steigenden Gewinnen oder wenn das Unternehmen hauptberuflich betrieben wird.
„Viele Unternehmerinnen und Unternehmer gehen davon aus, ausreichend versichert zu sein, wissen aber nicht im Detail, welche Leistungen ihre Policen tatsächlich abdecken“, sagt Roman Potyka, Underwriting Director bei Hiscox Deutschland. „Gerade bei der Berufshaftpflicht kann dieses fehlende Verständnis problematisch werden, da Schadenersatzforderungen häufig echte Vermögensschäden betreffen. Nur wer seine Absicherung kennt und regelmäßig überprüft, kann Risiken besser einschätzen und sein Unternehmen wirksam schützen.“
Mein Kommentar
Als Haftpflicht-Underwriter kann ich viele der Ergebnisse aus der Studie aus der täglichen Praxis bestätigen. Bei Angebotsanfragen, die über Makler eingereicht werden, zeigt sich immer wieder, dass Unternehmen in der Vergangenheit nicht optimal – teilweise sogar falsch – versichert waren.
Dabei geht es nicht nur um die Höhe der Versicherungssummen. Häufig finden sich grundlegende Probleme in den Altverträgen: ungenaue oder falsche Risikobeschreibungen, Erweiterungen des Tätigkeitsprofils ohne entsprechende Meldung an den Versicherer oder falsche Umsatzzahlen, die längst nicht mehr der tatsächlichen Unternehmensentwicklung entsprechen. Das sind nur einige der Punkte, die regelmäßig auftreten.
Ebenso kommt es häufig vor, dass lediglich eine Betriebshaftpflichtversicherung besteht, obwohl das konkrete Tätigkeitsprofil eindeutig eine Ergänzung um eine Vermögensschadenhaftpflicht – also die Absicherung reiner Vermögensschäden – erfordern würde.
Auch auf Seiten der Vermittler gibt es hier teilweise noch Nachholbedarf. Eine detaillierte Risikoaufnahme beim Kunden ist entscheidend. Problematisch wird es dann, wenn bei Umdeckungen oder Vergleichsangeboten einfach die Daten aus bestehenden Policen übernommen werden – etwa weil der Kunde eine günstigere Prämie wünscht oder ein alternatives Angebot einholen möchte. Werden alte Vertragsdaten ungeprüft übernommen, können bestehende Fehler einfach fortgeschrieben werden.
Stattdessen sollte immer wieder neu hinterfragt werden:
Hat sich das Tätigkeitsgebiet verändert?
Welche Dienstleistungen werden konkret angeboten?
Welche Arbeiten werden tatsächlich ausgeführt?
Gerade im Haftpflichtbereich kommt es oft auf Details an.
In der Branche wird in diesem Zusammenhang häufig auf das sogenannte „Ofensetzerurteil“ verwiesen (BGH, Urteil vom 26. März 2014, Az. IV ZR 422/12). Der Fall zeigt exemplarisch, wie entscheidend eine präzise Tätigkeitsbeschreibung und eine sorgfältige Risikoanalyse für den tatsächlichen Versicherungsschutz sein können.
Für Vermittler gilt deshalb ein zentraler Grundsatz: Ein Angebot ist immer nur so gut wie die Risikoanalyse, die ihm zugrunde liegt. Fällt diese unzureichend aus, wird auch das daraus resultierende Versicherungsangebot zwangsläufig unvollständig oder falsch sein. Oder, salopp formuliert: „Shit in, shit out.“
Gerade deshalb ist eine strukturierte Risikoanalyse wichtig – idealerweise mit detaillierten Fragebögen zur Betriebs- und Berufshaftpflicht. Ohne diese systematische Aufnahme besteht die Gefahr, wichtige Punkte zu übersehen.
Zudem lohnt sich ein Blick auf die Marktseite: Nicht jeder Versicherer passt zu jedem Risiko. Gerade im Haftpflichtbereich gibt es klare Spezialisierungen bei den Anbietern.
Ein Punkt, der mir persönlich ebenfalls immer wieder auffällt: Selbst unter Vermittlern herrscht gelegentlich Unsicherheit darüber, wo genau der Unterschied zwischen einer Betriebshaftpflichtversicherung und einer Berufshaftpflichtversicherung liegt. Das ist keineswegs als Vorwurf gemeint – aber es sind Grundlagen, die man sich unbedingt aneignen sollte.
Denn in der Betriebshaftpflichtversicherung sind in der Regel Personen- und Sachschäden sowie daraus resultierende Vermögensschäden versichert. Echte Vermögensschäden, also finanzielle Schäden ohne vorhergehenden Personen- oder Sachschaden, benötigen dagegen eine eigene Absicherung über eine Vermögensschadenhaftpflichtversicherung. Solche Schäden entstehen typischerweise etwa durch Fehlberatung, Planungsfehler, Fristversäumnisse, Projektverzug oder auch Datenschutz- und Organisationsfehler.
Ein weiterer Punkt, der in der Praxis immer wieder auffällt: Nicht alle Unternehmen verfügen überhaupt über eine Betriebs- oder Berufshaftpflichtversicherung. Selbst Firmen, deren Gründung bereits fünf oder zehn Jahre zurückliegt, fragen teilweise erstmals eine entsprechende Absicherung an. Das zeigt, dass auf Unternehmerseite teilweise durchaus ein gewisser ungesunder „Mut zur Lücke“ vorhanden ist.
Dabei gehört gerade die Betriebs- oder Berufshaftpflichtversicherung zu den existenziellen Absicherungen eines Gewerbebetriebs. Wer hier spart oder ganz darauf verzichtet, geht im Zweifel ein erhebliches unternehmerisches Risiko ein.
Mich persönlich hat das Ergebnis der Studie daher nicht überrascht – im Gegenteil. Aus der praktischen Erfahrung heraus hätte man sogar vermuten können, dass die Wissenslücken noch größer sind.


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