Schiffe in iranischen Gewässern verlieren Policen

Straße von Hormus: Versicherer ziehen sich zurück – Transportkosten explodieren

Die Lage im Nahen Osten spitzt sich weiter zu – und trifft nun mit voller Wucht die internationale Schifffahrt. Das berichtete heute unter anderem die Frankfurter AllgemeineIn der strategisch entscheidenden Straße von Hormus sitzen Hunderte Schiffe faktisch fest. Der Seeweg verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit den Indischen Ozean. Rund ein Fünftel des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Öls passiert normalerweise diese Route – ein Nadelöhr der Weltwirtschaft. Nach Schätzungen warten derzeit rund 170 Containerschiffe mit etwa 450.000 Containern an Bord sowie eine ähnliche Zahl an Tankern auf Weiterfahrt. Doch die militärische Eskalation in der Region bringt nicht nur operative Risiken mit sich, sondern zunehmend auch finanzielle.

Kriegsrisiko-Versicherer kündigen Policen. Führende Anbieter von Kriegsrisiko-Deckungen haben bestehende Policen für Schiffe in iranischen Gewässern sowie im Persischen Golf und angrenzenden Seegebieten gekündigt. Neue Verträge werden teilweise gar nicht mehr angeboten. Die Versicherer begründen den Schritt mit einer drastisch verschärften Risikolage, die selbst für große Rückversicherungsverbünde kaum kalkulierbar sei.

Kriegsrisiko-Versicherungen in der Seeschifffahrt enthalten üblicherweise spezielle Kündigungs- und Anpassungsklauseln. Anders als reguläre Haftpflicht- oder Kaskodeckungen können sie bei einer plötzlichen Eskalation der Sicherheitslage mit sehr kurzer Frist – teils binnen 48 bis 72 Stunden – für bestimmte Regionen beendet oder neu bepreist werden. Genau diese vertraglich vorgesehenen Mechanismen greifen Versicherer derzeit für den Persischen Golf und angrenzende Seegebiete.

Wer weiterhin Schutz sucht, muss tief in die Tasche greifen: Branchenvertreter berichten von Prämienaufschlägen von rund 50 Prozent. Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd verlangt inzwischen Kriegsrisiko-Zuschläge von 1.500 US-Dollar pro Standardcontainer, für Kühlcontainer sogar 3.500 Dollar. Zum Vergleich: Noch im Februar lagen die durchschnittlichen Frachtraten auf der Route China–Nordeuropa bei rund 2.100 Dollar pro Container.

Tankertransporte werden zum Millionenspiel
Besonders drastisch ist die Entwicklung im Öltransport. Die Charterraten für sehr große Rohöltanker haben sich seit Jahresbeginn verdreifacht. Für den sofortigen Transport eines VLCC (Very Large Crude Carrier) vom Nahen Osten nach China werden aktuell mindestens zwölf Millionen Dollar aufgerufen.
Auch die Versicherungsbeiträge selbst erreichen neue Dimensionen: Kostete die Kriegsdeckung für einen Tanker im Wert von 100 Millionen Dollar bislang rund 250.000 Dollar pro Reise, werden inzwischen bis zu 500.000 Dollar fällig – wohlgemerkt für eine Passage von wenigen Tagen.

Hinzu kommen weitere Policen:
Ladungsversicherung: Für zwei Millionen Barrel Rohöl (Wert zuletzt über 150 Millionen Euro) fallen 150.000 bis 450.000 Dollar an. Haftpflichtversicherung (P&I): Sie deckt Umweltschäden, etwa durch auslaufendes Öl, sowie Personen- und Sachschäden ab – potenziell mit enormen Schadenssummen.
Angriffe, Drohnen, Navigationsstörungen.

Die Nervosität der Branche speist sich aus konkreten Vorfällen. Berichte über Drohnenangriffe und Beschuss von Schiffen im Persischen Golf mehren sich. Selbst Einheiten, die im Golf von Oman abwarten, sollen betroffen sein. Brände, Verletzte und mindestens ein Todesfall wurden gemeldet.
Zusätzlich erschweren massive Störungen der Satellitennavigation die Lage.  Innerhalb von 24 Stunden wurden mehr als 1.100 Vorfälle registriert.

Experten unterscheiden zwei Bedrohungsformen:
Jamming: Störsender überlagern GPS- oder Galileo-Signale mit Rauschen – eine Positionsbestimmung ist nicht mehr möglich.
Spoofing: Gefälschte, formal korrekte Signale liefern falsche Positions- oder Zeitangaben. Schiffe „springen“ auf Navigationssystemen plötzlich an unrealistische Orte. Eine Rückkehr zur rein manuellen Navigation mit Papierkarten, Radar und optischer Peilung ist im engen Fahrwasser der Straße von Hormus kaum praktikabel. Das Risiko von Kollisionen oder Grundberührungen steigt erheblich.
Komplexe Interessenlage verschärft Situation

Die Struktur der Branche macht die Situation zusätzlich kompliziert: Reeder, Schiffseigner und Ladungseigentümer sind meist unterschiedliche Parteien mit teils divergierenden Interessen. Während einzelne Akteure versucht sein könnten, auf zusätzliche Versicherungen zu verzichten, bestehen Verlader, Banken oder Hafenbetreiber häufig auf umfassendem Versicherungsschutz.
Für die globale Wirtschaft bedeutet die Entwicklung steigende Transportkosten, höhere Energiepreise und neue Unsicherheiten in den Lieferketten. Die Straße von Hormus bleibt damit nicht nur geopolitischer Brennpunkt, sondern zunehmend auch ein finanzielles Hochrisikogebiet – mit spürbaren Folgen weit über die Region hinaus.

Wie das Wall Street Journal berichtet, kündigte US-Präsident Donald Trump an, dass die Vereinigten Staaten angesichts der eskalierenden Sicherheitslage staatliche Risikoabsicherungen für Tankertransporte prüfen und notfalls auch militärischen Geleitschutz bereitstellen würden. Die US-Marine sei demnach bereit, Schiffe durch die Straße von Hormus zu eskortieren, um die Energieversorgung und die Freiheit der Schifffahrt zu sichern. „Diese Versicherung wird für alle Reedereien zur Verfügung stehen“, schrieb Trump in diesem Zusammenhang. Damit signalisiert Washington, dass der Staat bereit ist, einen Teil der drastisch gestiegenen Kriegsrisiken zu übernehmen, um den internationalen Ölhandel zu stabilisieren.

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