Versicherungen zahlen doch sowieso nie!


Getlink erhält 55 Millionen Euro Entschädigung für ElecLink-Ausfall

„Versicherungen zahlen ja sowieso nie.“
Ein Satz, der auf keiner Familienfeier fehlen darf – oft von Menschen vorgetragen, die sich gern in ausgedehntem Versicherungs-Bashing üben. Das Gute daran: Mitreden kann jeder, auch ohne Kenntnis. Und am Ende sind sich meist alle einig. Dass dieser Spruch selbstverständlich kompletter Blödsinn ist, zeigt der Fall Getlink.

Technischer Defekt legt Interkonnektor lahm

Die Stromleitung ElecLink, ein 1.000-Megawatt-Hochspannungskabel durch den Kanaltunnel, verbindet seit 2022 das französische und britische Stromnetz. Am 25. September 2024 kam es jedoch zu einem gravierenden technischen Defekt: Ein Schaden an einer Kabelstützkonstruktion auf französischer Seite außerhalb des Tunnels zwang den Betreiber Getlink dazu, die Verbindung vollständig vom Netz zu nehmen.

▌„Eine strukturelle Schwächung des Fundaments außerhalb des Tunnels verursachte den Ausfall“
– aus einer Mitteilung von Getlink, Oktober 2024

Noch während der Reparaturphase entdeckten Techniker einen zweiten, in der Nähe liegenden Folgeschaden. Dieser machte den Austausch eines Teilstücks des Kabels erforderlich und verzögerte die Wiederinbetriebnahme erheblich.

Verzögerte Rückkehr ans Netz

Ursprünglich war eine Wiederaufnahme des Betriebs für Mitte November 2024 geplant. Doch durch die zusätzliche Beschädigung verlängerte sich der Ausfall auf insgesamt mehr als vier Monate. Erst ab dem 5. Februar 2025 begann die Leitung wieder schrittweise Strom zu übertragen. Am 10. Februar war ElecLink schließlich wieder voll verfügbar.

Umsatzeinbruch bei ElecLink

Die technische Zwangspause hatte deutliche wirtschaftliche Auswirkungen. Während Analysten die entgangenen Umsätze auf bis zu 100 Millionen Euro bezifferten, schätzte Getlink den operativen Verlust vorsichtig auf rund 41 Millionen Euro. Die Folgen spiegelten sich auch in der Bilanz wider: Im ersten Halbjahr 2025 fiel der Umsatz von ElecLink um mehr als die Hälfte auf 92 Millionen Euro (Vorjahr: 185 Mio. €).

▌„Der Rückgang ist auf zwei Unterbrechungen der Verbindung sowie auf normalisierte Strompreise zurückzuführen.“
– Getlink-CEO Yann Leriche in den Halbjahreszahlen 2025

Versicherung springt ein

Getlink war für den Ausfall umfassend versichert: Eine spezielle Sach- und Betriebsunterbrechungsversicherung mit einem Deckungsrahmen von bis zu 700 Millionen Euro pro Schadensfall war bereits zuvor für kritische Infrastruktur wie ElecLink abgeschlossen worden. Die Police wird von einem Konsortium mehrerer Versicherer getragen – namentlich werden diese jedoch nicht öffentlich genannt.

Entschädigung in Höhe von 55 Millionen Euro vereinbart

Im Dezember 2025 einigte sich Getlink mit den beteiligten Versicherern auf eine Entschädigung in Höhe von 55 Millionen Euro. Diese deckt den Schadenzeitraum vom 25. September 2024 bis 5. Februar 2025 vollständig ab. Fünf Millionen Euro davon waren bereits vorab im ersten Halbjahr 2025 berücksichtigt worden.

Die ursprüngliche EBITDA-Prognose 2025 war konservativ von lediglich 15 Millionen Euro Entschädigung ausgegangen. Tatsächlich fließen nun 40 Millionen Euro mehr. Nach Rückstellungen – unter anderem für ein vertragliches Gewinnbeteiligungsmodell – verbleibt ein Nettoeffekt von rund 27 Millionen Euro zugunsten des operativen Ergebnisses.

▌Ein Analyst kommentierte trocken:
„Ein einmaliger Sonderertrag, der sich positiv im EBITDA niederschlägt, aber das operative Bild nicht strukturell verändert.“

Der Versicherungsfall ElecLink gilt damit als abgeschlossen.


Foto: Getlink


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