Riester-Reform 2027: Der große Systemwechsel – und die späte Quittung für zwei Jahrzehnte Fehlsteuerung
Das Bundesfinanzministerium (BMF) hat seinen lange erwarteten Referentenentwurf zur Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge vorgelegt. Während die Politik von einem großen Modernisierungsschub spricht, laufen Versicherer und Vermittlerverbände Sturm gegen zentrale Elemente des Pakets: den Kostendeckel von 1,5 Prozent, die neue Auszahlungslogik, die Ausschlüsse biometrischer Leistungen und – aus Sicht vieler Kritiker – eine Schlechterstellung von Geringverdienern.
Die Reform greift zwar Konzepte aus Christian Lindners früheren Plänen auf, verändert aber einige entscheidende Parameter. Die Botschaft ist klar: Nach 23 Jahren Riester-Rente wird das gesamte System auf neue Beine gestellt.
Kompletter Umbau: Altersvorsorgedepot, neue Förderung, weniger Garantien
Ab dem 1. Januar 2027 soll das bisherige Riester-System durch ein Altersvorsorgedepot ersetzt werden. Dieses Depot, das teilweise noch auf der Architektur der Ampelpläne basiert, setzt konsequent auf Kapitalmarktinstrumente:
- ETFs
- Aktien- und Mischfonds
- Anleihen
- künftig auch ELTIFs
Daneben bleiben aber weiterhin Garantieprodukte mit 80- oder 100-prozentiger Kapitalgarantie zu Rentenbeginn zulässig. Dieser Punkt wurde im Vergleich zu früheren Entwürfen abgeschwächt, um sicherheitsorientierte Sparer nicht vollständig abzuschneiden.
Neue Förderlogik: Beitrag statt Bürokratie
Die bisherige Riester-Struktur mit Grundzulage, Kinderzulage, Mindesteigenbeitrag und Zulagenbeantragung wird durch ein deutlich schlankeres Modell ersetzt:
- 30 % Förderung auf die ersten 1.200 Euro Jahresbeitrag
- 20 % Förderung auf Beiträge zwischen 1.201 und 1.800 Euro
Maximal sind also künftig 420 Euro staatliche Förderung möglich – deutlich weniger als in Lindners ursprünglichem Modell, das auf bis zu 700 Euro Förderung ausgelegt war.
Dazu kommen:
- Kinderzulage: 25 % je Kind, maximal 300 Euro
- Startzulage: 200 Euro für unter 25-Jährige
- Mindesteigenbeitrag steigt auf 120 Euro pro Jahr
Neue Auszahlungsphase: Rente bis Lebensende – oder Auszahlungsplan bis 85
Sparer haben künftig zwei Wahlmöglichkeiten:
- Lebenslange Leibrente
- Auszahlungsplan bis mindestens zum 85. Lebensjahr
Eine Restverrentungspflicht entfällt. Diese Flexibilität ist ein klarer Bruch mit der bisherigen Riester-Logik. Gleichzeitig kritisieren Versicherer, dass damit eine relevante Versorgungslücke im hohen Alter entstehen könne.
Biometrische Risiken ausgeschlossen
Leistungen wie BU-Beitragsfreistellung oder andere Zusatzbausteine sind nicht mehr förderfähig. Die Reform fokussiert ausschließlich die Altersvorsorge – ein Schritt, der vor allem Versicherern missfällt, die solche Zusätze bisher zur Produktgestaltung genutzt haben.
Frühstart-Rente: Vom großen Wurf zur Minimalversion
Die Frühstart-Rente, ursprünglich für alle 6- bis 18-Jährigen gedacht, wird stark abgespeckt.
Grund: Die Haushaltsmittel sind knapp.
- Ab 2027 erhalten nur Sechsjährige des Jahrgangs 2020 monatlich 10 Euro vom Staat.
- Das Kapital wird mit 18 automatisch in ein Altersvorsorgedepot überführt.
- Reagieren Eltern nicht, landet das Geld in einem Auffangdepot bei der Bundesbank.
Die zugesagten Mittel reichen zunächst lediglich für einen einzigen Jahrgang, weil das Budget 2026 nur die Förderung dieser ersten Altersgruppe zulässt, aber langfristig sollen alle Kinder ab 6 Jahren (bis 18) einbezogen werden.
Kostendeckel: Die politische Zäsur
Der neue Kostendeckel von 1,5 Prozent jährlicher Renditeminderung im Standarddepot ist das wohl umstrittenste Element der Reform.
Er umfasst:
- Verwaltungskosten
- Vertriebskosten
- Fondskosten
Zudem wird die Zillmerung abgeschafft: Abschlusskosten müssen künftig linear über die gesamte Vertragslaufzeit verteilt werden.
Das ist ein massiver Einschnitt – nicht nur für Versicherer, sondern vor allem für Vermittler.
Branchenreaktionen: Zwischen Modernisierungslob und Sturmwarnung
GDV: „Langlebigkeitsrisiko wird unterschätzt“
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erkennt zwar die Chance einer neuen, einfacheren Zusatzrente, kritisiert aber mehrere Punkte des Entwurfs:
- Die Option, Zahlungen nur bis 85 laufen zu lassen, ignoriere das wachsende Langlebigkeitsrisiko.
- Rund 50 % der Männer und 2/3 der Frauen eines heutigen Jahrgangs erreichen 85 oder mehr Jahre.
- Ohne lebenslange Leistungen drohten Versorgungslücken – und Belastungen für den Staat.
- Der GDV hält zudem Garantien für wichtig, um Vertrauen gerade bei sicherheitsorientierten Anlegern zu schaffen.
AfW: „Der Kostendeckel zerstört unabhängige Beratung“
Der AfW Bundesverband Finanzdienstleistung bewertet die Kapitalmarktorientierung positiv, sieht aber existenzielle Probleme:
- Der Kostendeckel mache eine faire Vergütung unabhängiger Vermittler nahezu unmöglich.
- Die Abschaffung der Zillmerung gefährde das Geschäftsmodell der Vermittler massiv.
- Der Ausschluss biometrischer Risiken und die fehlende Einbeziehung von Selbstständigen seien zusätzliche Schwachpunkte.
BVK: „Gute Reformidee – aber ohne bezahlbare Beratung wertlos“
Der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute lobt zwar:
- die schlankere Förderlogik
- die Abkehr vom Zwang der 100-Prozent-Garantie
- die Flexibilität der Rentenphase
… warnt aber eindringlich:
- Die Vergütung werde so niedrig, dass qualifizierte Beratung aus dem Markt gedrängt werde.
- Ohne Beratung drohten Fehlentscheidungen – gerade bei finanziell unerfahrenen Haushalten.
- Die Rentenoption bis 85 sei „ein sozialpolitischer Fehltritt“.
Die Reform setzt damit nicht nur einen Schlussstrich unter das alte Riester-System, sondern markiert auch den Beginn einer neuen, stärker kapitalmarktzentrierten Vorsorgekultur in Deutschland.
Ein letzter Schutzwall der Versicherer: das Langlebigkeitsrisiko – und das Dilemma dahinter
Das einzige wirklich verbliebene sachliche Argument der Versicherungswirtschaft lautet:
Nur Versicherer können Langlebigkeitsrisiken absichern – und damit garantieren, dass Menschen bis zum Lebensende Einkommen beziehen.
Doch dieses Argument hat ironischerweise an Kraft verloren:
- Steigende Lebenserwartung
- gestiegene Vorsicht bei Garantiekalkulationen
- anhaltender Druck der Niedrigzinsen auf Altbestände
führen dazu, dass ausgerechnet dieses Risiko den Versicherern selbst zunehmend Probleme bereitet.
Was früher der Kern ihrer Existenzberechtigung war, ist heute einer der größten Balanceakte der Branche – ein Dilemma, das die Politik durchaus erkennt.
Kommentar: Die späte Quittung für 23 Jahre Riester-Realität
Die jetzige Reform wirkt in vieler Hinsicht wie ein politischer Befreiungsschlag. Zwei Jahrzehnte lang war die Riester-Rente geprägt von:
- hohen Kosten
- intransparenten Produktstrukturen
- schwacher Rendite
- komplizierter Bürokratie
- und einem Vertriebsmodell, das auf hohe Anfangsprovisionen setzte
Dass nun ein strenger Kostendeckel, eine neue Förderlogik und die Abschaffung der Zillmerung kommen, ist kaum überraschend. Die Politik stellt dem Markt damit gewissermaßen die Rechnung für ein System, das nie so umgesetzt wurde, wie es für Bürger und Staat sinnvoll gewesen wäre.
Man kann es durchaus so formulieren:
Die Politik zahlt ihre Frustration über 23 Jahre Riester jetzt in barer Münze an die Versicherer zurück.
Die Zeiten hoher Provisionen und üppiger Kostenstrukturen im Bereich der geförderten Altersvorsorge sind vorbei.
Was könnte ein neuer tragfähiger Beratungsweg sein?
Ein Aspekt, den die Branche bislang nur zögerlich anspricht, könnte künftig an Bedeutung gewinnen: Honorarberatung.
Wenn sich der Markt tatsächlich auf kostengünstige, förderfähige Vorsorgedepots verlagert, die keine hohen Vorabprovisionen mehr zulassen, eröffnet ein honorarbasiertes Modell neue Möglichkeiten:
Vermittler könnten fair und transparent für ihre tatsächliche Beratungsleistung bezahlt werden.
Kunden erhielten produktunabhängige Empfehlungen, was bei standardisierten, provisionsarmen Produkten besonders relevant wird.
Die neuen Riester-Produkte könnten dadurch wieder attraktiver werden, weil Beratung weiterhin möglich wäre – nur eben nicht mehr über eingepreiste Abschlusskosten.
Gleichzeitig würde Honorarberatung verhindern, dass Vermittler wirtschaftlich „ausbluten“, während der Kostendeckel Provisionen drastisch beschränkt.
Für viele Menschen wird jedoch vermutlich langfristig gelten:
- Wer kapitalgedeckt fürs Alter sparen will, wird sich immer weniger auf staatlich geförderte Versicherungsprodukte verlassen können.
- Kostengünstige, flexible und transparente Kapitalmarktprodukte – etwa ETF-Sparpläne oder fondsbasierte Vorsorgemodelle ohne Versicherungsmantel – werden an Bedeutung gewinnen.
Foto: KI – generiert


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