Droht Berliner Zahnärzten ein Milliardengrab für ihre Altersvorsorge?
Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB), zuständig für die Altersversorgung von mehr als 10.000 Zahnärztinnen und Zahnärzten in Berlin, Brandenburg und Bremen, steht vor einem Desaster historischen Ausmaßes. Infolge jahrelanger Fehlinvestitionen drohen Verluste von bis zu 1 Milliarde Euro – fast die Hälfte des gesamten Anlagevermögens. Während die neue Führung des VZB die Trümmer aufräumt, wächst der Unmut unter den Mitgliedern. Eine Petition betroffener Zahnärzte erhebt schwere Vorwürfe gegen frühere Funktionäre und die Berliner Aufsichtsbehörde.
Hochrisikopolitik mit Altersbeiträgen
In den vergangenen zehn Jahren entwickelte das VZB eine Anlagepolitik, die sich nach heutigen Maßstäben als brandgefährlich erweist. Mit den Pflichtbeiträgen der Mitglieder beteiligte man sich an Start-ups, Digitalversicherern, Logistikfirmen und sogar an Aquakultur-Projekten – vielfach hochspekulativ, häufig ohne nennenswerte Sicherheiten.
Zu den größten Fehlinvestitionen zählt das US-amerikanische Plastikrecycling-Start-up rPlanet Earth, in das das VZB rund 130 Millionen Euro investierte – Kapital, das mittlerweile als nahezu vollständig verloren gilt. Auch das Berliner Insurtech Element Insurance, einst Hoffnungsträger der digitalen Versicherungsbranche, erwies sich als Millionenfalle: Das Versorgungswerk war Hauptaktionär, investierte laut Berichten etwa 60 Millionen Euro – und wurde schließlich 2025 von der Insolvenz des Unternehmens getroffen.
Ebenso dramatisch verlief die Beteiligung an der Engel & Völkers Digital Invest AG , einer Immobilien-Crowdinvesting-Plattform. Nach verweigerter Finanzierung durch das VZB meldete die Plattform im Juli 2025 Insolvenz an. Der Schaden: mutmaßlich rund 27 Millionen Euro.
Weitere Beispiele: das Logistik-Start-up Cargonexx (Insolvenz, 24 Millionen Euro verloren), die HanseGarnelen AG (Insolvenz, 16 Millionen Euro Verlust) und das Fintech Air GmbH (9,8 Millionen Euro abgeschrieben). Viele dieser Unternehmen befinden sich mittlerweile in der Insolvenz oder werden bilanziell als wertlos geführt.
Auch Immobilieninvestments versenkten Millionen
Nicht nur Start-ups, auch exklusive Immobilienprojekte entwickelten sich zu Verlustbringern. Über eine Beteiligung an der Hotelentwicklungsgruppe 12.18. investierte das VZB in Luxusresorts auf Ibiza, Sardinien und in Schottland. Die Resorts wurden in den sogenannten EV Leisure Hotel Fund eingebracht – laut Recherchen sanken die Buchwerte allein für das 7Pines-Resort auf Ibiza von 138 auf 78 Millionen Euro. Insgesamt soll das VZB in dieser Asset-Klasse Abschreibungen im hohen zweistelligen Millionenbereich vornehmen müssen.
Ein weiteres Sorgenkind: EV LiquidHome, ein Unternehmen für Immobilien-Teilverkauf, das mehrheitlich dem VZB gehört. Im September 2025 stellte es das Neugeschäft ein – auch hier drohen Kapitalverluste in Millionenhöhe.
Mitglieder schlagen Alarm – Petition fordert Aufklärung
Der wachsende Druck hat auch eine politische Dimension erreicht. Mit der Petition „Berliner Aufsicht versagt – Renten retten“ auf der Plattform openPetition.de haben betroffene Zahnärztinnen und Zahnärzte den öffentlichen Protest organisiert. Der zentrale Vorwurf: Die Berliner Senatsverwaltung habe als zuständige Aufsichtsbehörde jahrelang weggeschaut, obwohl riskante und intransparente Beteiligungen bekannt gewesen seien.
„Wir wollen Aufklärung, keine Ausreden“ – Mitglieder fordern Konsequenzen
Der Druck aus der eigenen Berufsgruppe wächst täglich. In der Petition äußern sich betroffene Zahnärztinnen und Zahnärzte mit deutlichen Worten. Sie werfen dem Versorgungswerk und der zuständigen Aufsicht der Berliner Senatsverwaltung massives Versagen vor.
„Die Berliner Aufsicht hat über Jahre weggesehen, während die Verantwortlichen des VZB mit unseren Altersgeldern spekuliert haben.“
„Wir fordern volle Transparenz über alle Beteiligungen, eine unabhängige Untersuchung und die persönliche Haftung der Verantwortlichen.“
Das Schreiben zur Petition legt nahe, dass der Führungswechsel im Frühjahr 2025, der auf die Insolvenz von Element Insurance folgte, zwar offiziell als Schritt zur Sanierung verkauft wurde, intern jedoch zu weiteren Spannungen geführt hat. Zudem wird bemängelt, dass die neue Leitung sich selbst als Aufklärer darstelle, obwohl einige Akteure bereits zuvor über Jahre in VZB-Gremien tätig waren und somit Mitverantwortung tragen könnten.
Die Petition listet auch einen Teil der zahlreichen Beteiligungen auf, die zu hohen Verlusten geführt haben sollen. Besonders kritisch wird gesehen, dass viele dieser Engagements ohne ausreichende Diversifikation oder Risikoprüfung eingegangen wurden.
„Das Geld der Zahnärztinnen und Zahnärzte wurde nicht solide angelegt, sondern in Start-ups, Luxusimmobilien und Darlehen ohne Sicherheiten versenkt. Das ist kein Missgeschick, das ist strukturelles Versagen.“
Neben der Aufklärung fordern die Initiatoren auch eine politische Verantwortung:
„Die Senatsverwaltung muss erklären, warum sie trotz klarer Warnsignale nicht eingeschritten ist. Es geht hier nicht um Einzelfehler, sondern um ein Aufsichtsversagen mit System.“
Der Bericht schließt mit einem Appell an mehr Transparenz, Mitsprache und Augenmaß: Die Sanierung dürfe nicht zu einem politischen Machtprojekt verkommen, sondern müsse gemeinsam mit der Mitgliedschaft gestaltet werden.
Ziel der Petition ist es, öffentlichen und politischen Druck aufzubauen, damit die Vorgänge vollständig aufgearbeitet werden – und um sicherzustellen, dass solche Fehlinvestitionen in Zukunft verhindert werden. Mehr als 2.000 Unterstützerinnen und Unterstützer haben bereits unterschrieben, Tendenz steigend.
„Wir wollen keine Ausreden, sondern Antworten – und endlich eine sichere Altersversorgung, wie sie uns seit Jahrzehnten versprochen wird.“
Die Initiatoren fordern zudem eine unabhängige Untersuchung, Schadenersatzprüfungen gegen ehemalige Verantwortliche sowie eine grundlegende Reform der Kontrolle berufsständischer Versorgungswerke.
Aufarbeitung mit ungewissem Ausgang
Im Frühjahr 2025 wurde die Führung des VZB als unmittelbare Folge des Element-Desasters ausgewechselt. Die neue Spitze hat Wirtschaftsprüfer mit der vollständigen Analyse der Beteiligungen beauftragt. Bis zum ersten Quartal 2026 soll das endgültige Ausmaß des Schadens feststehen. Parallel dazu prüfen Anwälte mögliche Klagen – nicht nur gegen frühere Funktionäre, sondern auch gegen das Land Berlin wegen möglicher Aufsichtspflichtverletzung.
Sicher ist: Die versprochenen Rentenleistungen des VZB werden sinken – teils drastisch. Für viele Mitglieder bedeutet das vermutlich eine erhebliche Einbuße im Ruhestand.
Mitteilung an die Mitglieder: Eingeständnis der Krise
Anfang August 2025 informierte das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) seine Mitglieder in einem offiziellen Rundschreiben sowie über das interne Mitgliederportal über die dramatische finanzielle Lage. Das Schreiben, das später auch der Fachzeitschrift Zahnärztliche Mitteilungen (ZM-Online, Ausgabe 17/2025) vorlag, markierte den ersten öffentlichen Schritt des VZB, die eigenen Verluste offen einzuräumen.
Darin heißt es: „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es zu spürbaren Einschnitten bei Ihren Rentenansprüchen und zu höheren Beiträgen kommt.“
„Ursache hierfür sind unübliche, hochriskante und überproportionale Investments in Unternehmensbeteiligungen sowie unzureichend oder gar nicht besicherte Darlehen an diese Beteiligungen und andere Unternehmen.“
In dem Schreiben sprach das VZB auch offen von einer „ernsten finanziellen Lage“ und kündigte an, bis auf Weiteres keine neuen Rentenanwartschaftsmitteilungen zu verschicken – ein ungewöhnlicher Schritt, der die Schwere der Situation verdeutlicht. Zudem kündigte das Versorgungswerk an, externe Wirtschaftsprüfer mit einer umfassenden Überprüfung aller Beteiligungen zu beauftragen und rechtliche Schritte gegen frühere Verantwortliche zu prüfen. Das Rundschreiben wurde im Nachgang auf der offiziellen Website des VZB veröffentlicht und in der Berufsöffentlichkeit breit diskutiert.
Mit diesem Brief räumte die neue Führung des VZB erstmals offen ein, dass sich aus den riskanten Anlageentscheidungen ihrer Vorgänger unmittelbare Folgen für Renten und Beiträge der Mitglieder ergeben könnten – und versuchte zugleich, Transparenz und Schadensbegrenzung zu signalisieren.
Kontroverse Vertreterversammlung – Mitglieder kritisieren neuen Kurs
Ein interner Erfahrungsbericht des Mitglieds Gerhard Gneist mit dem Titel „Gedanken zu unserem Versorgungswerk“ zur Vertreterversammlung des Versorgungswerks der Zahnärztekammer Berlin (VZB) am 11. Oktober 2025 zeichnet ein aufschlussreiches, aber auch beunruhigendes Bild des derzeitigen Zustands der Selbstverwaltung.
Das Dokument, veröffentlicht auf der Plattform des Interessensverbands unabhängiger Zahnärzte Berlins (IUZB), beschreibt die Sitzung als hochgradig konfliktbeladen und von Machtkämpfen innerhalb der Gremien geprägt.
Demnach habe die neue Führung um Thomas Schieritz (Vorsitzender des Verwaltungsausschusses) und Dr. Dohmeier (Vorsitzender der Vertreterversammlung) die Veranstaltung stark kontrolliert und kritische Stimmen systematisch ausgebremst. Abstimmungen über Verfahrensfragen und Rederechte seien teilweise verweigert worden; externe Berater hätten stattdessen erheblichen Einfluss auf den Verlauf der Sitzung genommen.
Im Bericht heißt es:
„Unsere Selbstverwaltung sollte uns Mitgliedern eigentlich die Möglichkeit bieten, unser Schicksal gemeinsam und selbst zu bestimmen.“ „Der Verlauf und die Ergebnisse der Sitzung lassen jedoch ernsthafte Zweifel daran aufkommen, ob alle dies wirklich wollen.“ Schon zu Beginn habe man „verwundert feststellen müssen, dass jede Menge Nichtzahnärzte in dunklen Anzügen an den Tischen der Sitzungsleitung Platz genommen hatten“. Besonders der Vorsitzende der Vertreterversammlung, Dr. Dohmeier, wird in dem Schreiben scharf kritisiert: „Er will selbst nicht direkt mit uns und den Mitgliedern sprechen, sondern lässt aus Misstrauen nur seinen Berater sprechen und würgt Andersdenkende ab.“ Der Autor Gerhard Gneist wirft der neuen Führung um Thomas Schieritz und Dr. Dohmeier vor, die Sitzung „einseitig orchestriert“ zu haben. „Aufklärung ja – aber nur nach der Linie der neuen Führung.“ Wichtige Fragen von Mitgliedern seien über Monate unbeantwortet geblieben: „Ein Vierteljahr Zeit und Vertrauen wurde vergeudet.“
Auch die Präsentation der Berichte und Analysen durch externe Berater sorgte für Unmut. „Viele Folien waren geschwärzt – Transparenz sieht anders aus“, heißt es weiter. „Die Zuhörer wurden nach den Vorträgen einfach mit einem unspezifischen, aber schlechten Bauchgefühl allein gelassen.“
Besonders scharf kritisiert der Bericht den Kommunikationsstil der neuen VZB-Führung und den Versuch, Verantwortung einseitig auf frühere Amtsträger abzuwälzen: „Die neuen Verantwortlichen präsentieren sich jetzt spalterisch als Aufklärer und Sanierer – und verschicken Briefe, um den Eindruck zu erwecken, dass nun die ‚Richtigen‘ den Karren aus dem Dreck ziehen.“
Inhaltlich stand die Analyse der finanziellen Schieflage im Mittelpunkt.
Laut Bericht bestätigte die neue Spitze, dass die Lage des VZB „dramatisch“ sei und „harte Einschnitte“ bevorstünden – nannte aber keine klaren Zahlen. Mitglieder kritisieren, dass wichtige Unterlagen unvollständig oder geschwärzt vorgelegt wurden und Entscheidungen ohne ausreichende Diskussion getroffen wurden.
Ein Einzelfall – oder ein Systemfehler?
Der Fall des Berliner Zahnärzte-Versorgungswerks ist symptomatisch für ein größeres Problem. Bundesweit existieren über 90 berufsständische Versorgungswerke, von Ärzten über Anwälte bis hin zu Architekten. Viele von ihnen gingen in den Jahren niedriger Zinsen in alternative, risikoreiche Anlageklassen – mit Folgen, die nun schmerzhaft sichtbar werden.
Was als sichere Altersvorsorge gedacht war, hat sich für viele Berliner Zahnärztinnen und Zahnärzte in ein finanzielles Vabanquespiel verwandelt. Die Forderung nach Transparenz, Regulierung und Haftung wird lauter – und könnte bundesweit Nachhall finden.
Foto: Verwaltungssitz Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin
Quelle: www.vzberlin.org


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