Nürnberger-Verkauf erreicht entscheidende Phase
Wie der Versicherungsmonitor berichtet, hat die Vienna Insurance Group (VIG) die Prüfung der Bücher bei der Nürnberger abgeschlossen und will in der kommenden Woche den Preis nennen, den sie den Aktionären anbieten wird. Damit tritt der geplante Verkauf der Nürnberger Beteiligungs-AG in eine entscheidende Phase. In Aktionärskreisen wächst der Unmut über die Intransparenz des Prozesses, den CEO Harald Rosenberger bislang eng führt. Vor allem institutionelle Investoren kritisieren, dass andere Interessenten offenbar kaum mehr zum Zug kommen sollen.
Der Verkaufsprozess läuft seit Sommer 2025. Nachdem die Nürnberger angekündigt hatte, ihre Unabhängigkeit zu überprüfen und strategische Optionen zu prüfen, führte das Unternehmen Gespräche mit mehreren potenziellen Partnern. Schließlich fiel die Wahl auf die Vienna Insurance Group, die Interesse an einer kontrollierenden Mehrheitsbeteiligung bekundet hat. Im August unterzeichneten beide Seiten eine Absichtserklärung, und die VIG begann mit einer intensiven Due-Diligence-Prüfung. Diese ist nun abgeschlossen, und die Österreicher bereiten ihr offizielles Angebot vor. Eine Entscheidung über den Einstieg der VIG soll im vierten Quartal fallen.
Begleitet wird der Prozess von deutlicher Kritik. Der aktivistische Investor 7Square wirft der Nürnberger mangelnde Transparenz und fehlenden Wettbewerb vor. In einem Schreiben forderte 7Square, das Verfahren offener zu gestalten und auch alternative Angebote einzubeziehen. Man erwarte einen Preis zwischen 119 und 143 Euro je Aktie und eine Bewertung der Nürnberger von bis zu 1,6 Milliarden US-Dollar. Die VIG selbst äußert sich nicht zu den Verhandlungen und verweist auf die laufende Prüfung.
Der mögliche Verkauf kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Nürnberger nach einer schweren Phase operativ wieder besser dasteht. Noch 2024 war das Unternehmen tief in die roten Zahlen gerutscht. Insbesondere die Schaden- und Unfallversicherung hatte hohe Verluste eingefahren. Großschäden, gestiegene Schadensaufwendungen und strukturelle Probleme im Vertragsbestand führten zu einem Minus von rund 157 Millionen Euro in diesem Bereich. Insgesamt verzeichnete der Konzern 2024 ein negatives Ergebnis von 77 Millionen Euro, nachdem im Vorjahr noch schwarze Zahlen geschrieben worden waren. Diese Entwicklung hatte das Vertrauen der Anleger erschüttert und den Druck auf den Vorstand deutlich erhöht.
Umso überraschender fiel die Zwischenbilanz 2025 aus. Im ersten Halbjahr konnte die Nürnberger ein Konzernergebnis von 47,7 Millionen Euro ausweisen, nachdem im Vorjahreszeitraum noch ein Verlust von 22,9 Millionen Euro zu Buche stand. Besonders deutlich verbesserte sich die Schaden- und Unfallsparte: Aus einem versicherungstechnischen Defizit von 53,3 Millionen Euro wurde ein leicht positives Ergebnis. Die Schaden-Kosten-Quote sank von 110 auf knapp 91 Prozent, und das Segmentergebnis drehte von minus 63,8 auf plus 10,8 Millionen Euro. Gleichzeitig gelang es, die Betriebskosten um mehr als 20 Prozent zu senken. Auch die Veräußerung von Beteiligungen, darunter die Nürnberger Pensionsfonds-AG und die italienische Bene Assicurazioni, trug positiv zum Halbjahresergebnis bei.
Der Umsatz lag mit 2,24 Milliarden Euro zwar leicht unter dem Vorjahr, was logisch erscheint, da man sich zum Leidwesen von Kunden und Maklerschaft vieler ungeliebter Risiken entledigt hatte, doch die Ergebnisverbesserung wird in der Branche als klares Zeichen gewertet, dass die Sanierungsmaßnahmen greifen. Für das Gesamtjahr 2025 erwartet der Vorstand ein Konzernergebnis von etwa 40 Millionen Euro, mittelfristig strebt man Gewinne zwischen 80 und 100 Millionen Euro an.
Damit steht die Nürnberger in einer Übergangsphase: operativ wieder auf Kurs, strategisch aber möglicherweise vor einem Eigentümerwechsel. Ob die VIG tatsächlich den Zuschlag erhält und zu welchem Preis, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden – sie könnten über die Zukunft eines der traditionsreichsten Versicherer Deutschlands bestimmen.
Beitragsfoto: Nürnberger Versicherung


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