Was wird das denn?

Compexx als Drehscheibe: Was hinter der neuen Kooperation von die Bayerische und BarmeniaGothaer steckt

Am 5. September 2025 gaben die Versicherungsgruppen die Bayerische und BarmeniaGothaer eine exklusive Vertriebspartnerschaft bekannt. Abgewickelt wird sie über die compexx Finanz AG, die in der offiziellen Kommunikation nicht als klassischer Vertrieb, sondern als Plattform mit zwei strategischen Säulen beschrieben wird: einem bundesweiten Expertennetzwerk und angebundenen Vertriebsorganisationen. Damit soll eine moderne, zielgerichtete Beratung über alle Kundensegmente hinweg möglich werden. Geleitet wird das Projekt von Markus Brochenberger, Vorstandsvorsitzender der Compexx Finanz AG, sowie Patrick Vehoff, Vorstand der Compexx und der Bayerischen ProKunde AG. Compexx ist eine hundertprozentige Tochter der Bayerischen und betreut nach eigenen Angaben rund 80.000 Kundinnen und Kunden.

Die Aufgabenteilung innerhalb der Kooperation ist klar umrissen. Die BarmeniaGothaer bringt ihre Expertise in der privaten Krankenversicherung und im gewerblichen Sachgeschäft ein, während die Bayerische ihre Schwerpunkte in der privaten und betrieblichen Altersvorsorge, der Biometrie und der privaten Sachversicherung sieht.

Die Idee zur Allianz entstand im Austausch zwischen Martin Gräfer, Vorstand der Bayerischen, und Frank Lamsfuß, Vertriebsvorstand bei BarmeniaGothaer. Gräfer erklärte dazu: „Wir setzen auf Kooperation statt Konkurrenz – und schaffen mit Compexx eine Plattform, die das Beste aus beiden Häusern zusammenführt. Das ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein langfristiges Bekenntnis zu Nähe, Qualität und unternehmerischer Freiheit im Vertrieb.“ Auch Lamsfuß betonte die partnerschaftliche Herangehensweise: „Unsere Gespräche mit der Bayerischen waren von Anfang an offen, lösungsorientiert und geprägt vom gemeinsamen Gestaltungswillen. Mit Compexx schaffen wir ein Modell, das nicht verwaltet, sondern vorangeht – für Partnerinnen und Partner, die mehr erwarten.“

Offen bleibt bislang die Frage, wer konkret die Vertriebspartner der neuen Plattform sein sollen.

Auf der Webseite von Compexx heißt es dazu lediglich: fernab klassischer Vertriebsstrukturen. Unser Ansatz basiert auf zwei strategischen Säulen: einem bundesweiten Expertennetzwerk und angebundenen Vertriebsorganisationen.

Bislang bleibt offen, welche „Vertriebsorganisationen“ konkret in Compexx eingebunden sein sollen — ob eigene Einheiten, bestehende Gruppen oder externe Partner. Diese Unklarheit wirft Fragen auf.

Angesichts der Vorgeschichte von Compexx mit dem Strukturvertrieb FKD scheint das Haus jedoch eine ausgesprochene Vorliebe für sogenannte „Strukkis“ zu haben. Damit liegt die Frage nahe, wie die besagten Vertriebsorganisationen sich präsentieren und ob uns hier neben MLP, DVAG & Co. am Ende ein weiterer Strukturvertrieb im neuen Gewand begegnet.

Das Label „unabhängige Plattform“ wirkt dabei wie eine werbliche Aussage, die faktisch nicht trägt: Compexx ist eine hundertprozentige Tochter der Bayerischen und nach Gewerbeordnung als Versicherungsvertreter registriert. Unabhängigkeit im strengen Sinne kann es also nicht geben.

Hinzu kommt, dass die Plattform in der Vergangenheit bereits in kritischen Zusammenhängen genannt wurde. So erinnert das Branchenmedium DAS INVESTMENT in einem aktuellen Artikel daran, dass Compexx als Dachorganisation für den Strukturvertrieb Fairmögenskonzepte Deutschland (FKD) fungierte, der unter anderem wegen nicht ordnungsgemäß registrierter Vermittler und Verbindungen zur ehemaligen Barmenia-Vertriebstochter Impact in die Schlagzeilen geraten war.

>>Berichterstattung Januar 2024<<

Die Bayerische hielt dennoch an Compexx-Chef Brochenberger fest und kündigte lediglich schärfere Kontrollen an.

Die neue Allianz hat zweifellos Potenzial. Sie verbindet komplementäre Schwerpunkte und könnte für Beraterinnen und Berater ein breiteres Produktregal sowie effizientere Strukturen bieten. Gleichzeitig bleibt die Glaubwürdigkeitsfrage bestehen: Ist Compexx wirklich der seriöser Partner, als den man sie darstellt, oder erleben wir hier den Aufstieg eines weiteren Strukturvertriebs mit neuem Etikett? Ob die Kooperation Vertrauen schafft oder Zweifel vertieft, wird sich daran entscheiden, wie transparent und verbindlich die Verantwortlichen die offenen Punkte zum Vertrieb beantworten.

Traditionsversicherer wie die Bayerische und die BarmeniaGothaer sollten sich dabei ihrer besonderen Verantwortung bewusst sein. Eine neuerliche Entgleisung wie in den damaligen Turbulenzen um den Strukturvertrieb FKD würde ganz sicher nicht nur regulatorische Fragen aufwerfen, sondern vor allem einen gravierenden Imageschaden nach sich ziehen. Gerade wer mit dem Anspruch von Unabhängigkeit, Partnerschaft und Qualität auftritt, darf nicht riskieren, erneut in den Sog solcher Debatten zu geraten.


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